Geschwister im Konflikt
Eine Alltagsuntersuchung einer Familie in Dassantch, SüdäthiopienEinleitung
Der vorliegende Text ist Teilprodukt eines multimedialen Projektes, welches soziale Konflikte in Dassanetch, Süd Äthiopien beschreibt. Das andere Produkt ist der Film Siblings in Conflict auf den ich mich in dieser Arbeit beziehe. Der geschriebene Teil ist eine Analyse des filmischen Materials. Das im Film Sichtbare wird beschrieben und theoretisch eingeordnet. Der Text stellt jedoch mehr als nur eine Analyse dar. Die Entstehungsgeschichten des Filmischen und des Schriftlichen sind eng miteinander verwoben. Bevor ich die ersten Filmaufnahmen gemacht habe, erstellte ich bereits Notizen über die Thematik und Funktion des Textes. Ebenso wie das im Film Sichtbare die Entwicklung des Textes beflügelt hat, so hat auch die Entstehung des Textes die Form des Filmes beeinflusst.
Meine Intention ist es, dass der Leser die beiden Teilprodukte als unterschiedliche Wege ansieht, über dasselbe Thema zu berichten: den sozialen Konflikt in Dassanetch. Der Film vermittelt vor allem durch seine Qualität der Veranschaulichung Aspekte der Konfliktaustragung. Film vermag durch seine veranschaulichende Natur stärker eine affektive Nähe zur Thematik aufzubauen. Das schriftliche Medium hat die Qualität Rationales präzise vermitteln zu können. Mit dem geschriebenen Wort versuche ich, nichtvisuelle Überlegungen über Konfliktsituationen zu fassen. Durch den Gebrauch beider Medien sollen diese und andere Vorteile des Textes und des Filmes ausgenutzt werden.
Den vorliegenden Text habe ich wie folgt strukturiert. Ich beginne im ersten Teil mit einer wissenschaftlichen Einordnung der Dassanetch. Diese fällt jedoch knapp aus und besteht vor allem aus Verweisen auf die existierende Fachliteratur. Nur einzelne Aspekte, die für das Verständnis dieses Projektes unentbehrlich sind, werden detailliert dargestellt. Der zweite Teil beschreibt das Umfeld, in welchem ich meine Forschung durchführte. Dabei gehe ich zum einen auf den Ort, als auch auf die Personen ein. Der dritte Teil befasst sich mit den Hintergründen der Forschung. Hier erwähne ich zum Zwecke der Transparenz, Entwicklungen während des Entstehungsprozesses. Der vierte Teil besteht aus einer konflikttheoretischen Abhandlung. Dort definiere ich die bedeutendsten Begriffe, gehe auf wesentliche Debatten innerhalb der Konflikttheorie ein und erläutere acht Thesen, die ich dann im fünften Teil hinterfrage. Bei der Hinterfragung verweise ich zum einen auf das im Film Sichtbare als auch auf Hintergrundinformationen und zusätzliches Filmmaterial. Abschließend fasse ich die Auseinandersetzung mit der Thematik sowie die Charakteristika der Multimedialität zusammen.
Verweise auf die Dassanetch in der Fachliteratur
Dieses Kapitel soll eine knappe wissenschaftliche Einordnung der Dassanetch liefern. Ich werde den Leser dabei primär auf die bestehende Literatur verweisen und nur die Dinge hervorheben, die für das Verständnis des Filmes und des vorliegenden Textes unentbehrlich sind.
Erstmals wurde das Land der Dassanetch von Ludwig von Höhnel und seinem Begleiter Samuel Teleki im Jahr 1888 von Europäern bereist. (von Höhnel 1894) In den darauf folgenden Jahrzehnten erreichten immer wieder Reisende das Land der Dassanetch. Die Berichte über diese Reisen sind jedoch knapp und nicht primär wissenschaftlich orientiert. Einen großen Sprung stellten dann in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Forschungen der Geografin Claudia Carr und dem Ethnologen Uri Almagor dar. Carr (1977) studierte ausführlich die Beziehung der Dassanetch zu ihrem Lebensraum. Basierend auf eigenen Forschungen und den Arbeiten von Karl W. Butzer (1971) beschreibt sie die Auswirkungen des wirtschaftlichen Lebens auf die natürliche Umwelt in dem Buch Pastoralism in Crisis. Zudem liefert sie einen Überblick über die soziale Organisation der Dassanetch. Über Letzteres berichtet Almagor (1978) detailliert in seinem Werk Pastoral Partners. Er beschreibt die große Bandbreite an Beziehungsmöglichkeiten sowie soziale Unterteilungen der Dassanetch. Almagor publizierte zudem weitere Texte, die ähnliche Themenkreise behandeln, von denen die meisten in der Literaturliste angegeben sind. Die Geschichte der Dassanetch und anderer Gruppen der Region beschreibt Neal Sobania (1980) . Er fasst basierend auf Erzählungen die Herkunft der Dassanetch zusammen. Die Linguisten Hans Jürgen Sasse (1974) und Mauro Tosco (2001) beschreiben die Sprache der Dassanetch. Bei den Dassanetch, die ich kennen lernte, ist vor allem der Ethnologe Yvan Houteman bekannt, da er in unmittelbarer Nähe viele Monate lebte. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist jedoch noch keine Publikation von ihm über die Dassanetch verfügbar. Er berichte jedoch in dem Film De Dassanetch von Didier Schepens (2003) über das Dimi Ritual, welches einer der wichtigsten Momente im Leben eines Dassanetch Mannes ist, da er dadurch in den Kreis der Ältesten aufgenommen wird. Bei meinen Reisen nach Dassanetch wurde mir vermehrt von jungen Studenten berichtet, die in der Region Forschung betreiben. Peggy Elfmann (2004) verfasste kürzlich ihre Magisterarbeit zu der Welt der Frauen in Dassanetch. Diese Arbeit basierent auf ihren Aufenthalten bei der gleichen Familie, in der ich forschte.
Raum und Leben im Raum
Lebensraum
Durch das Land der Dassanetch
fließt der Omofluss, welcher in den Turkanasee mündet.
Dadurch haben die Dassanetch permanent Zugang zu Wasser und
können die Schwankungen des Flusses ausnutzen, um Felder
entlang des Flussbettes und in der Deltaregion anzulegen.
Je weiter man sich vom Fluss entfernt, desto trockener und
kahler wird das Erscheinungsbild der Landschaft. Im
Landesinneren wachsen nur wenige Pflanzenarten, was zu
einer wüstenartigen Umgebung führt. In einem Jahr finden
zwei unregelmäßige Regenzeiten statt. Die große (ir
gudoh) ist meistens zwischen März und Mai, die kleine
(ir nini) zwischen August und Oktober. Beide
verschieben sich jedoch oder fallen in manchen Jahren ganz
aus. Das flache Gebiet der Dassanetch liegt
durchschnittlich auf einer Höhe von 375 m. Besonders
kennzeichnend sind des Weiteren zwei äußere Bedingungen:
Die Hitze und der Wind. Die geringe Vegetation führt unter
anderem dazu, dass in der Hitze wenige natürliche
Schattenplätze zur Verfügung stehen. Die pflanzliche
Kargheit fördert zudem die Intensität der Staub führenden
Winde. Während der trockenen Zeit des Jahres beginnen
nahezu jeden Vormittag, Staubwolken durch das Land zu
fegen. Diese halten an, bis die Sonne ihre Intensität
verloren hat und das Land sich abkühlt.
Schon vor Jahrzehnten machte Carr (1977: 254ff.) darauf
aufmerksam, dass der Lebensraum der Dassanetch degeneriert.
Abholzung und Überweidung leisten einen Beitrag. Dazu kommt
die wachsende Population und Landnutzungsverbote von Seiten
der Regierung in ursprünglichen Teilen des
Dassanetchlandes. Degnerierungsprozesse fielen mir sogar
innerhalb der kurzen Zeit zwischen meinen Aufenthalten 2002
und 2004 auf. Die Dichte des Pflanzenwachstums in der Nähe
des Flusses reduzierte sich sichtbar. Das Buschwerk in der
Umgebung der Dörfer wurde zu großen Anteilen entfernt.
Hinzu kommt die fortschreitende Erschließung des Gebietes
mit Transportmitteln. Die LKW Fahrer kämpfen sich durch den
lockeren Sandboden und verändern die Umgebung durch Anlegen
breiter Wege. Ein solcher Weg führt nun quer durch das Dorf
meiner Gastfamilie. Diese Strasse befahren tagtäglich
mehrere Fahrzeuge. Die Dorfbewohner entschieden daher in
naher Zukunft den Standpunkt der Häuser zu verlegen. Bei
meinem ersten Aufenthalt im Jahr 2002 erreichten lediglich
zwei Fahrzeuge das Dorf, indem ich fünf Wochen lebte: Ein
Fahrzeug einer Tourismusorganisation und das Auto des
Präsidenten von Süd Omo.
Wirtschaftsweise und Mobilität
Die Dassanetch ernähren sich hauptsächlich von den
Produkten die sie anbauen (vor allem Hirse, Mais und
Bohnen) und von den Produkten ihrer Herden (vor allem
Ziegen, Rinder und Schafe) sowie von den Sachen, die sie
auf dem Markt in Omorate erhandeln (vor allem Kaffee,
Gewürze und Brot).
Besondere Bedeutung kommt den domestizierten Tieren zu.
(Vgl. hierzu Carr 1977: 99) Viele Wertvorstellungen und
Beziehungen werden durch Tiere etabliert und symbolisiert.
Namen von Personen gehen auf Ziegen zurück, Bekanntschaften
werden mit Abgaben von Tieren gepflegt oder erschaffen. Zu
den Tieren entwickelt sein Besitzer eine Beziehung, die er
mit Markierungen an dem Tier verdeutlicht. Das Fleisch und
die Milch von den Haustieren sind hoch angesehene
Nahrungsmittel. Ausgewählte Personen kümmern sich um die
Herden und Felder, die teilweise Tagesmärsche entfernt von
den Häusern positioniert sind. Unter bestimmten Umständen
verändert auch die Wirtschaftseinheit als Ganzes seine
räumliche Position. (Vgl. hierzu Carr 1977: 129ff.)
Umgebung der Forschung
Aoga besteht aus sechs Siedlungen, die teilweise außer
Sichtweite voneinander sind. Das Dorf, indem ich forschte
befindet sich drei Kilometer südlich von Omorate, der
größten Stadt im Land der Dassanetch. Die Nähe zu der Stadt
ermöglicht, dass die Bewohner häufig den sich dort
befindenden Markt besuchen. Um Trinkwasser zu erhalten,
gehen die Bewohner zu dem einhundert Meter entfernten
Omofluss. Die Siedlung meiner Gastfamilie, für welche die
Bewohner keine eigene Bezeichnung nennen, ist wie auf der
Skizze Nummer Eins erkennbar in zwei Bereiche unterteilt.
Obwohl ich mit allen Bewohnern der Siedlung Kontakt hatte,
so ist die eigentliche Räumlichkeit der Forschung die
Umgebung des Gehöftes meines Gastvaters. Skizze Nummer Zwei
zeigt somit den speziellen Ort, an dem ich forschte und an
dem nahezu alle Sequenzen des Filmes Siblings in
Conflict gedreht wurden.
Skizze Nr. 1 : Die Siedlung in der
ich forschte. Die Pfeile zeigen auf das Gehöft meiner
Gastfamilie. 1) Haus 2) Speicher 3) Kral 4)
Zickleinhaus
Skizze Nr. 2 Das Gehöft meiner
Gastfamilie. 1) Nakwas Haus 2) Kidoas Haus 3) Mein Haus 4)
Nakwas Speicher 5) Zickleinhaus 6) Kidoas Speicher 7) Kral
Meine Gastfamilie
Alle Hauptakteure des Filmes Siblings in Conflict
sind Mitglieder einer Familie.
Nyabbanga (45), der Vater der Familie, ist einer der
angesehensten Männer in der Umgebung. Auch die äthiopische
Verwaltung bittet ihn oft um Unterstützung, um zwischen den
Regierungsvertretern und den Dassanetch zu vermitteln.
Die min gudoh (Erstfrau, wörtlich: große Ehefrau)
Nakwa (40) hat sieben Kinder. Der älteste Sohn, Loichama
(16) und die zweitälteste Tochter, Kolochon (12) verbringen
die meiste Zeit in den Feldern der Familie, die einen
Tagesmarsch entfernt im Süden lokalisiert sind. Nakwas
Söhne Karre (10) und Willie (8) übernehmen tagtäglich die
Aufgabe des Hütens der Ziegen, die zum Zweck der
Milchgewinnung im Dorf verbleiben. Nakwas älteste Tochter,
Yendite (14), unterstützt Nakwa bei den häuslichen
Aktivitäten sowie bei der Versorgung der jüngsten Kinder
Ankoi (6), Arba Nech (4) und Nabario (1).
Kidoa (26) ist Nyabbangas min nini (Zweitfrau;
wörtlich: kleine Ehefrau). Kidoa hat zwei Töchter: Noicho
(4) und Nakwa tini (2). Aufgrund deren jungen Alters sind
sie für Kidoas Haushalt noch keine große Hilfe, daher hilft
besonders ihre Verwandte Nadjaout (16) bei den alltäglichen
Aufgaben.
Beide Ehefrauen besitzen jeweils ein Haus. Auch ihre
Arbeitsbereiche sind entsprechend getrennt. Sie pflanzen
getrennt ihre Produkte an und haben getrennte Ansprüche auf
die Milch der Ziegen der Familie. Dies ist auch den Kindern
der Frauen bewusst, was ihr alltägliches Verhalten
beeinflusst. Beispiele dafür liefert der Film und die
Besprechung des Filmes weiter unten.
Projekthintergründe
Vorarbeiten
Für das Land Äthiopien interessiere ich mich
seit dem Beginn meines Studiums in Mainz im Jahr 2000. Im
Jahr 2001 und 2002 arbeitete ich zweimal für die GTZ in
Zentraläthiopien. Dadurch erhielt ich auch die Möglichkeit
die Region im Süden zu bereisen. Von da an wählte ich
Südäthiopien als meinen regionalen Schwerpunkt. Seit Beginn
meines Studiums beschäftigte ich mich zudem mit der Theorie
und Geschichte des Dokumentarfilmes. Vorliegendes Produkt
basiert somit auf einer mehrjährigen Vorbereitungsphase.
Im Jahr 2002 bereiste ich das erste Mal Dassanetch. Im
Rahmen einer studentischen Exkursion unter der Leitung von
Susanne Epple des Institutes für Ethnologie und
Afrikastudien in Mainz verbrachte ich im August und
September fünf Wochen bei der Gastfamilie, bei der ich auch
für vorliegende Magisterarbeit meine Forschung ausgeübt
habe. Während meines ersten Aufenthaltes konnte ich somit
bereits Kontakte knüpfen und Beziehungen aufbauen, welche
für die Forschung für diese Arbeit wichtig gewesen sind.
Als ich im Jahr 2004 erneut zu meiner Gastfamilie reiste,
wurde ich wieder aufgenommen, als wäre ich nie weg gewesen.
Für meine filmische Arbeit war es besonders bedeutend, dass
ich zu Beginn meines zweiten Aufenthaltes den Film
Doors Wide Open vorführte. Das für diesen Film
zugrunde liegende Material filmte ich während meines
Aufenthaltes im Jahr 2002. Meine Gasteltern und
Gastgeschwister konnten durch das Sichten des Filmes
erkennen, was die Resultate meiner Arbeit mit ihnen sind.
Aufenthalte und Sprache
In der Zeit von April bis Juli 2004 bereiste ich Dassanetch
für insgesamt acht Wochen. Ich blieb im Durchschnitt zwei
Wochen vor Ort. Dazwischen arbeitete ich am South Omo
Research Center in Jinka. Die meiste Zeit war ich ohne
Begleiter in Dassanetch. Nur die ersten und letzten Tage
half mir Gino Loshere, ein 15 jähriger Schüler aus Turmi,
bei der Übersetzung. Die Dauer der Aufenthalte reichte
nicht aus, um die Sprache der Dassanetch gut zu lernen.
Alltägliche Konversationen waren vor allem mit mir nahe
stehenden Personen möglich. Abstrakte Gedankengänge konnte
ich jedoch nur mit Schwierigkeiten mit meinen Gastgebern
austauschen.
Forschungsalltag
Jeder Tag in Dassanetch begann für mich mit
Kaffee und Milch. Ich wurde zu einer meiner Gastmütter
gerufen und führte dabei informelle Gespräche. Nach dem
morgendlichen Kaffeegetränk begann meist die Zeit vor den
Häusern. Mein Forschungsalltag passte sich den Aktivitäten
meiner Gastgeber an, weshalb ich diesen hier umreißen
möchte. Die Raumnutzung der Dassanetch verändert sich im
Laufe des Tages als Reaktion auf den Sonnenstand. Während
des Vormittages verbringen die Familienmitglieder, die zu
Hause bleiben die Zeit vor oder neben ihren Häusern. Wenn
die Sonne höher steigt, setzen sich die meisten Personen
auf die Westseite des Hauses um den Schatten zu genießen.
Am späten Vormittag begeben sich die Bewohner in ihre
Schutz bietenden Häuser, da zu der zunehmenden Hitze sich
auch staubige Winde gesellen. Die meisten Personen sind
darauf aus während der Hitze nur die nötigsten Aktivitäten
zu verrichten. In meinem Tagebuch charakterisiere ich die
Mittagszeit derart:
18.6.2004 Mittags ist die
Ruhezeit. Die Bühne ist leer gefegt. Leer gefegt von dem
staubigen Wind und den Sonnenstrahlen. Die Menschen sind in
ihren Häusern oder unter den Speichern, wo es ein wenig
Schatten gibt. Die meisten schlafen. Es ist eine solare
Ruhe.
Diese solare Ruhe wird durch die länger werdenden Schatten
verändert. Am späten Nachmittag verringern die Winde ihre
Intensität und die Temperatur sinken. In diesen Stunden
interagieren die Akteure besonders gelöst. Die meisten
sitzen vor ihren Häusern oder wählen einen anderen
Schattenplatz. Menschen aus verschiedenen Häusern treffen
und unterhalten sich und gehen dabei ihren Arbeiten nach.
Die Kinder spielen intensiv miteinander. Zudem kommen in
den Abendstunden alle Familienmitglieder wieder zusammen.
Die Jungen kehren von dem Ziegenhüten zurück, Erwachsene
kehren von den Feldern oder aus der Stadt heim. Es ist eine
besonders soziale Zeit. Mit Abstand die meisten Sequenzen
der Filme Siblings in Conflict und Doors Wide
Open wurden am späten Nachmittag gemacht. In meinem
Tagebuch bemerkte ich zu dieser Zeit des Tages:
18.6.2004 Diese Ruhe wird erst
gebrochen, wenn die Schatten länger werden und die
untergehende Sonne die Wahlmöglichkeiten bezüglich des
Aufenthaltraumes erweitert. Im Schatten der Speicher finden
wieder Spiele und Arbeiten statt. Die Zeit wenn die Ziegen
nach Hause kommen ist die aktivste Zeit meiner Familie. Die
Rufe der kleinen und großen Ziegen nach einander gibt den
Akteuren einen Drive den Raum durch Aktivität zu erobern.
Nachdem die Sonne untergegangen ist verändert sich der Raum
erneut.
18.6.2004 Nachts sieht die
Raumnutzung wieder ganz anders aus. Die Mehrheit der
Bewohner sitzt auf Häuten vor den Häusern. Es gibt zu Essen
und Trinken und es wird miteinander erzählt. Derartige
Situationen sind am Tage nicht vorstellbar. Während am Tag
in den Häusern gegessen und geredet wird, ist der Raum in
der Nacht weiter geöffnet.
Mein Alltagsverhalten passte sich stark diesem Rhythmus an.
Ich verbrachte die meiste Zeit mit meinen Gastgeschwistern
und Müttern. Ich trank mit ihnen Kaffee. Ich zog mich mit
ihnen in die Häuser zurück. Ich spielte und arbeitete mit
ihnen am Abend. Zwischenzeitlich filmte ich alltägliche
Erscheinungen. Ich filmte immer dann, wenn ich es für
angebracht und lohnenswert hielt. Zu meinem filmischen
Verhalten sage ich im nächsten Kapitel noch mehr. Ich
führte bis auf wenige Ausnahmen keine Interviews. Die
Interviews, die ich führte, sind für vorliegende Arbeit
nicht relevant. Meine wesentliche Forschungsmethode war
neben dem Filmen die alltägliche teilnehmende Beobachtung.
Ich teilte den Alltag mit meiner Gastfamilie und lernte ihn
dadurch kennen. Ich passte auf die Ziegen und Kinder auf,
ich spielte mit meinen Geschwistern, ich ruhte und aß mit
ihnen. Dabei führte ich informelle Gespräche. Die meisten
davon waren praktisch und alltagsorientiert. Mit einigen
Personen konnte ich jedoch auch die Entwicklung und
Thematik meiner Forschung diskutieren.
Hauptinformanten
Einige Personen meiner Gastfamilie waren von herausragender
Bedeutung für meine Arbeit. Zu allererst ist in diesem
Zusammenhang Kidoa, die Zweitfrau meines Gastvaters zu
erwähnen. Mit ihr konnte ich am besten kommunizieren, da
sie ein gutes Verständnis für meinen Sprachgebrauch
entwickelte. Sie wusste, welche Worte ich verstand und
verwendete diese, um mit mir zu sprechen. Dadurch vermochte
sie es auch, mir effektiv neue Wörter zu erklären. Ich
verbrachte viel Zeit mit ihr, da vor allem sie mich mit
Nahrungsmitteln versorgte. Meine Dankbarkeit versuchte ich
am Ende damit auszudrücken, indem ich ihr mein Haus
überließ.
Standbild Nr.1: Kidoa.
Besonders nahe stand mir auch
Ankoi, der zweitjüngste Sohn Nakwas. Er nahm mich oft bei
der Hand und erklärte mir das Land und Leben der Dassanetch
aus seiner Sicht. Vor allem durch das Beobachten seines
Verhaltens lernte ich viel über das Thema dieser Arbeit. Da
er meistens in meinem Haus schlief erklärte er mir bis tief
in die Nacht die Regeln in der Konfliktaustragung. Viele
Dorfbewohner nannten ihn „Deinen Ankoi“, wenn
sie mit mir über ihn sprachen. In der Sequenz
interspecies conflict sagt Kidoa dies
beispielsweise.
Standbild Nr.2: Ankoi.
Wesentlich vorangetrieben hat auch Yendite, Nakwas älteste
Tochter, meine Arbeit. Da sie die meiste Zeit zu Hause
blieb, konnten wir viel Zeit miteinander in den
Schattenräumen verbringen. Dabei schenkte sie mir viel
Geduld in dem Erklären von Worten und in dem Vermitteln von
kulturellen Konzepten auf für mich verständliche Art und
Weise. Immer wenn mir eine Frage durch den Kopf ging,
wandte ich mich zuerst an sie, um Antworten zu finden.
Ebenso dankbar bin ihr für die Hilfe bei praktischen
Dingen. Sie half mir beim Kochen so wie ich ihr beim Melken
der Ziegen half.
Standbild Nr.3: Yendite.
Auch wenn ich hier drei Personen besonders hervorgehoben
habe, so war doch mein Forschungspartner Nummer eins die
Familie von Nyabbanga als Ganzes. Jedes einzelne Mitglied
hat mich in meiner Arbeit unterstützt und auf seine
spezielle Art gefördert. Ohne die Unterstützung jedes
einzelnen Familienmitgliedes wäre das Projekt nicht möglich
gewesen.
Forschungsthematik
Als ich nach Äthiopien reiste, hatte ich mich auf eine
Forschung zu den Residenzmustern in Dassanetch
vorbereitet. Ich hatte zu diesem Zweck im Vorfeld
verschiedene Literaturen zu Lebensraumnutzung, Nomadismus,
Symbolik des Häuserbaues und über die ökologischen
Besonderheiten des Omodeltas durchgearbeitet. Bei einem
Gespräch am South Omo Research Center mit meinem Erstprüfer
Prof. Ivo Strecker wenige Tage vor der Ankunft in
Dassanetch stellten wir uns die Frage, warum ich anstelle
des geplanten Vorhabens keinen Film über die Dassanetch
mache. Da wir keine befriedigende Antwort fanden,
entschieden wir, dass mein Magisterprojekt von nun an ein
multimediales Projekt sein sollte: Auf der einen Seite
solle ich einen Film, auf der anderen Seite einen
analytischen Text, der auch Hintergrundinformationen
liefert, erstellen.
In Dassanetch angekommen wusste ich nicht, worüber
der Film und daher auch der Text gehen sollten. Dies führte
dazu, dass ich im Verlauf der Forschung verschiedene
thematische Schwerpunkte im Kopf hatte. Selbst bei Beendung
der Forschung hatte ich eine andere Vorstellung von der
Thematik als zum heutigen Zeitpunkt. Verschiedene
Eintragungen aus meinem Tagebuch veranschaulichen diese
Entwicklung und sollen daher hier zitiert werden. Am 1.5.
schrieb ich:
1.5.2004 Abends filme ich
erneut: Kinder, die spielen. Mit der kleinen Nabario fange
ich an und sie eröffnet den sozialen Raum um sie herum. Das
Einfachste ist das Filmen der Kinder.... Jetzt ist der
soziale Raum der Kinder mein dankbares Motiv.
Am 6.5., fünf Tage später schrieb ich in Jinka:
6.5.2004 Es kommt mir in den
Sinn einen Film über „time, space and human
behaviour“ zu machen. Vier Kapitel: 1. Morning hours.
2. Noon hotness. 3. Playing in the evening. 4. Night. Das
dritte Kapitel könnte den meisten Platz einnehmen. Jede
Szene könnte mit dem Datum gekennzeichnet werden, sodass
eine Reihe von morgendlichen, abendlichen usw. Momenten
aneinandergereiht werden könnten.
In Dassanetch wählte ich dann das Melken als Thematik für
den Film:
14.5.2004 Gestern filmte ich
das Melken. Eine Kassette. Vielleicht mache ich einen Film
über das Melken. Wie unterschiedlich es sein kann. Wenn
Nyabbanga da ist und wenn nicht etc.
Bei Überlegungen in Jinka tauchte dann erstmals eine Idee
auf, die der endgültigen Thematik in etwa entspricht.
Jedoch war sie erst als Teilthematik in Betracht gekommen:
27.5.2004 Nach zwei Wochen in
Aoga wird das Bild des Filmes klarer: Der abendliche
Ziegenkral als Schauplatz der sozialen Interaktion. Mir
schwebt ein Film vor, der zu Doors Wide Open
ein Gegenbild liefert.
In Doors werden die Kinder als Freie, in einem
anarchistischen sozialen Raum präsentiert. In dem jetzigen
Film möchte ich das Auflegen der Schranken zeigen, vor
allem das Aushandeln der Schranken unter den Kindern. Das
heißt – die Tendenz Streit zu suchen und die
permanente Bereitschaft sich zu schlagen. Dies findet zu
JEDER Tageszeit statt und wird auch nicht von den Eltern
unterdrückt. Dies gilt es ebenfalls zu zeigen.
Bei meinem nächsten Aufenthalt erlebte ich ein Ereignis,
welches mich von der endgültigen Thematik überzeugte. Die
Notizen, die ich mir an zwei aufeinander folgenden Tagen zu
diesem Ereignis machte, möchte ich hier komplett zitieren,
da sie eine Art Schlüsselerlebnis sind:
8.6.2004 The Game: Es ist ein
Spiel. Der Kampf um die Ressourcen – das Aufbauen der
Grenzen – das Schließen der Türen – alles wird
als Spiel ausgetragen. Ich saß bei Kidoa erstmals und trank
ihren guten Kaffee – mit ein wenig Berbere [eine
Gewürzmischung]. Und das Spiel wurde schon deutlich als
Noicho – aus der einen Ecke fragt:
Bunna
shish! [Gib
Kaffee!] Kidoa antwortet mit dem Blick auf den kochenden
Topf: Man! [Es gibt keinen.] Teil 2 des Spiels war
als Angute [Kidoas Schwester] kam und nach Kaffee fragte.
Darauf schimpfte Kidoa und gab ihr sehr wenig. Dann
schimpfte Angute noch lauter, sodass ich anfangen musste
mit Lachen, da das Spiel so deutlich wurde. Daraufhin
musste auch Angute und dann Kidoa lachen. Alle Teilnehmer
kennen das Spiel. Alltäglich nehme ich daran teil, ohne
dass es mir bewusst wurde. Und das Schlagen mit dem Stock
– das Gegenüberstehen ohne sich zu bewegen –
alles Formen des Spiels. Vielleicht ist auch das
Hörnerstoßen der Ziegen ein ähnliches Spiel. Dieses Spiel
soll Thema [zuvor benutzte ich das Wort „Teil“;
strich es dann aber durch!] des Filmes sein.
9.6.2004 Nachtrag Spiel. Noicho wurde von Angute ihre
Schüssel mit Kaffee weggenommen. Obwohl sie wusste, dass
sie ihr wieder gegeben wird, schimpfte sie laut und wollte
sie schlagen. Daraufhin schrie auch Angute und schlug ihr
auf den Kopf. Dann setzte sich Lokoit [ein alter Mann] vor
das Haus und fragte nach Bun [Kaffee]. Darauf schaute Noicho schüchtern
auf den Boden und gab zwar langsam, aber ohne zu mucken die
Schüssel weg – obwohl sie immer noch nichts getrunken
hat. Die Schüssel wurde benutzt als Kelle. Daraufhin lachte
ich sie an. Als Reaktion darauf versteckte sie sich unter
einem Getreidesack. Das Spiel – die Regeln werden
befolgt oder nicht – aber immer sind sie Auslöser von
emotionalen Reaktionen die ich versuchen will einzufangen
und visuell aufzunehmen.
Zurück in Jinka ließ ich jedoch immer noch nicht von der
Melken-Thematik ab. Nunmehr stand die Konfliktthematik an
Nummer eins, vor dem Melken:
18.6.2004 Inhaltlich ist nun
klar, dass ich über zwei Aspekte erzählen möchte. Erstens:
das Schrankenlegen und die verwendete Methode. Hierbei
meine ich im Speziellen die Eisbergspitze, das Schlagen.
... Zum zweiten Aspekt: Der Ziegenkral und das Melken.
Mit den vielen Zitaten aus meinem Tagebuch wollte ich
verdeutlichen, dass ich die Thematik „vor Ort
gefunden habe“. Durch Beobachten des Alltages meiner
Gastfamilie empfand ich das Austragen von Konflikten als
bezeichnendes Merkmal. Eine große Rolle bei der Themenwahl
hat jedoch auch die Visualität der Konfliktaustragung.
Streitende und kämpfende Akteure sind audiovisuell
attraktiv darstellbar, was die Wahl ohne Zweifel
beeinflusste.
Probleme beim Filmen
Zu Beginn meines Aufenthaltes zeigten sich Probleme während
des Filmens, die im Endprodukt nicht sichtbar sind. Aus
diesem Grund werde ich einige Erfahrungen und Entwicklungen
während des Filmens vor Ort besprechen.
Mit den anfänglichen Aufnahmen war ich nicht zufrieden. Sie
vermittelten Reaktionen der Akteure, die ich nicht auslösen
wollte. Zu Beginn der filmischen Arbeit war meine Aktivität
eine Attraktion, die laufende Aktionen beendete. Akteure
unterbrachen ihr Verhalten, welches ich filmen wollte. Ein
Zitat aus meinem Tagebuch drückt die Verzweiflung darüber
aus:
30.4.2004 Wenn ich meine
Kamera raus hole, dann rennen die Kinder jedoch ins Bild
und lachen. Oder sie gucken nur. Ich hoffe, dass sie sich
das schnell abgewöhnen und das Filmen nicht mehr als
störende Attraktion empfunden wird. Ich frage mich, wie ich
diesen Prozess beschleunigen kann und wodurch ich ihn
verlangsamen könnte. Als eine Antwort darauf nehme ich mir
vor, möglichst oft mit der Kamera sichtbar zu sein. Dadurch
erhoffe ich mir eine Veralltagisierung des Filmens.
Nach wenigen Tagen erfüllte sich meine Hoffnung. Das Filmen
hörte auf Aktionen zu unterbrechen. Die Akteure gewöhnten
sich an die Präsenz der Kamera und unterbrachen nicht mehr
ihre alltäglichen Aktivitäten. Die Methode von David
MacDougall, der seine Kamera immer bei sich trug indem er
sie mittels eines Gestelles an seinem Körper befestigte,
(Vgl. Barbash & Taylor 1997: 365f.) empfand ich jedoch
nicht als erstrebenswert. Vielmehr war es auch nötig, dass
ich für gewisse Zeiten die Kamera sichtbar verstaute,
sodass die Akteure wussten, dass ich augenblicklich nicht
filmen werde. Am 15.5. bemerkte ich, dass meine Filmarbeit
den erwünschten Anfang gefunden hatte:
15.5.2004 Ich bin dabei oder
wie soll ich es ausdrücken? Das Filmen läuft. Ich merke es
an Dingen wie das mir die Dassanetch sagen – filme
das und das. Auch die Kinder rennen nicht mehr vor die
Kamera. Filmte heute das Haaremachen von Nakwa tini. Mittag
fing ich die Sonnenstimmung ein. Jetzt bin ich eine Woche
hier und die Zeit brauchte es.
Filmischer Stil
Im weiteren Verlauf meiner Forschung zeichnete sich mein
Filmverhalten vor allem durch eine Einstimmung meinerseits
auf die vermeintlichen Interessen der Akteure aus. Ich
versuchte herauszufinden, wann die Familienmitglieder das
Filmen akzeptabel und wann es als unpassend empfunden
wurde. Ich achtete auf Zeichen, die ich versuchte zu
verstehen. Verbale Äußerungen oder eindeutige Gesten waren
einfach. Unfreundliche Blicke, flüchtiges Lächeln oder
indirekte Andeutungen erforderten ein erhöhtes Maß an
Sensibilität. Meistens bestanden die Zeichen jedoch aus
noch komplizierter zu entschlüsselnden Hinweisen. In meinen
Feldnotizen nannte ich diesen Prozess ein
„aufeinander Einstimmen“. Ich beschrieb diese
Form der Interaktion, die meines Erachtens für die Praxis
des ethnologischen Filmes von zentraler Bedeutung ist,
derart:
16.5.2004 Filmen oder
Nichtfilmen und was Filmen hängt ganz stark von einer
schwer zu beschreibenden Eigenschaft des Raumes ab. Die
„Subjekte“ müssen mir Signale senden, dass sie
bereit sind gefilmt zu werden und ich muss selber gerne
filmen. Nur dann entstehen Bilder, die ich in den Film
integrieren möchte.
In dem Film gibt es dezente Hinweise auf das Aufeinander
Einstimmen. Die Standbilder Nummer vier bis sieben zeigen
Augenblicke, in denen die Akteure mein Verhalten
beobachten. In solchen Momenten versuchte ich die
Reaktionen der Akteure auf das Filmen zu deuten.
Standbilder Nr. 4-7: Die Akteure reagieren
auf den Filmemacher und umgekehrt.
Eine weitere Beeinflussung ist Jean Rouchs (2003: 45ff.)
Konzept der geteilten Ethnologie gewesen. Er forderte eine
filmische Ethnologie in der Beforschten am
Entstehungsprozess des Filmes konsequent beteiligt sind. In
der handlichen und einfach zu bedienenden Videokamera sah
er dafür die einladende Möglichkeit. Diese Forderung hatte
jedoch für meine Herangehensweise wenig direkte
Konsequenzen. Ich verweigerte konsequent den Akteuren die
Benutzung meiner Aufnahmegeräte. Dennoch teilte ich in
gewisser Weise die Macht der Darstellung. Ich versuchte
stets, der Rolle, die mir als Filmemacher von meiner
Gastfamilie gegeben wurde, gerecht zu werden.
Um mein filmisches Verhalten weiter zu erklären, ordne ich
es zwischen dem Verhalten des klassischen Direct
Cinema und Cinéma vérité Filmern ein. Beide
Richtungen entwickelten sich in den Sechziger Jahren des
20. Jahrhunderts. Die Kamera im Direct cinema
übernimmt eine rein beobachtende Funktion. (Vgl. Barsam
1992: 304ff) Die Präsenz des Produktionsteams wird gezielt
verborgen, so als ob die Kamera eine unscheinbare Fliege an
der Wand sei. Im Gegensatz dazu wirkt die Kamera im
Cinéma vérité als Katalysator. (Vgl. Barnouw 1993:
261ff.) Das Filmteam leitet aktiv Aktionen ein, was zu
einer deutlich erkennbaren Rolle der Kameramänner führt.
Das Direct cinema versucht Realität unverändert
einzufangen. Das Cinéma vérité schafft eine
filmische Realität, die es ohne Kamera nicht gegeben hätte,
und stellt diese dar.
An manchen Stellen initiierte ich aktiv Geschehnisse. Die
Sequenz approaching limits ist dafür ein Beispiel.
Die beiden Kinder fingen an sich zu schlagen, beendeten
dieses Verhalten jedoch als ich meine Kamera filmbereit
machte. Daraufhin fragte ich, warum sie für mich damit
aufhören. Die Reaktion auf diese Frage ist die sichtbare
Sequenz. Auch die Sequenz target-oriented conflict over
milk zeigt mein direktes Eingreifen. Hier fordere ich
Yendite auf, der weinenden Nakwa tini Milch zu geben.
Obwohl ich an den beschriebenen Stellen direkt das
Geschehen vor der Kamera beeinflusse, stellt die
konsequentere Beeinflussung des Geschehens meine bloße
Aktivität als Kameramann dar. In jeder Sequenz verändert
meine Präsenz das Geschehen. In vielen Filmkapiteln ist
dies an der Reaktion der Akteure deutlich zu erkennen.
Immer wieder schauen die Personen in die Kamera oder geben
Kommentare zu meiner Arbeit. Offensichtlich beeinflusste
das Filmen das Verhalten der Akteure. In manchen Sequenzen
ist dies deutlich spürbar (z. B. bei siblings of
different ages, und bei testing
determination) während es in anderen Teilen weniger
eindeutig ist (z. B. target-oriented conflict over
an object, das Ende von from conflict to
fight). Die Kamera verändert permanent die Realität,
was ich versucht habe deutlich zu machen.
Standbilder Nr. 8 & 9: Die Präsenz der
Kamera schafft eine Realität, die es ohne sie nicht gegeben
hätte.
Da ich nur in wenigen Fällen Verhalten gezielt initiiert
habe, schreibe ich mein aktives Auftreten der beobachteten
Richtung des Direct cinema zu. Ohne mein direktes
Zutun verwirklichte ich jedoch die Prinzipien des
Cinéma vérité, indem das Filmen an sich Realitäten
erzeugte, die es derartig vorher nicht gab. Dies habe ich
jedoch nicht gezielt provoziert. Für den Film Siblings
in Conflict praktizierte ich also ein aktives
Direct cinema und ein passives Cinéma
vérité.
Postproduktion
Auch nachdem das Drehen vor Ort abgeschlossen war,
durchlief das Projekt weiterhin einschneidende
Veränderungen. In diesem Kapitel möchte ich die Entwicklung
des Filmes während der Postproduktion darstellen. Damit
möchte ich auch auf den konstruktionellen Charakter des
Filmes aufmerksam zu machen.
Phase 1: Zusammensetzen
Mit Gino Loshere übersetzte ich 12 von 18 Stunden
Rohmaterial. Innerhalb von nur drei Tagen erledigten wir
dieses Vorhaben. Da ich noch nicht wusste, welches Material
ich benutzen wollte, übersetzte ich so viel. Durch das
Übersetzen der Gespräche entdeckte ich mir zuvor
Unbekanntes. Mittels der Kommentare der Akteure über mein
Auftreten erhielt das Rohmaterial beispielsweise reflexive
Eigenschaften, die mir in dem Ausmaß nicht bewusst waren.
Außerdem war ich erfreut über den genauen Inhalt der vielen
Streitgespräche. Dadurch wurden Konflikte auch auf der
verbalen Ebene dargestellt. Über die Entdeckung durch die
Übersetzung des Materials schrieb ich:
10.8.2004 Was wir übersetzen
ist wundervoll. Die Vorstellungen, die ich über den Inhalt
hatte sind so präsent in den gesprochenen Worten. Das
Dirigieren der Menschen – es ist visuell und wird
offensichtlich wenn man seine Ohren auch mit einsetzt. Es
ist mit allen Sinnen wahrnehmbar.
Nach Sichtung des Materials entwickelte ich zudem eine
mögliche Filmstruktur, die im Anhang Nummer Eins einsehbar
ist. Diese Struktur beinhaltet ausführliche Einführungen in
die Umgebung und den sozialen Raum, alltägliche und
konfliktreiche Interaktionen, ideale Abläufe vom
Ziegenmelken und chaotische Abläufe des Ziegenmelkens.
Phase 2: Wegschneiden
In Mainz verwirklichte ich dann mit geringen Abstrichen
diese entworfene Struktur. Resultat war eine über fünf
Stunden lange Rohschnittfassung. Das Ausgangsmaterial wurde
lediglich gekürzt und thematisch geordnet. Ich fragte mich,
ob ich Aufnahmen aneinander ordnen kann, die zeitlich
distanziert von einander aufgenommen wurden. Erst nach mehr
als einem Monat konnte ich diese Frage beantworten:
25.11.2004 Heute brach ich
einer meiner wichtigsten Regeln beim Schneiden. Ich mische
Ereignisse. Von drei verschiedenen Melken Tagen mache ich
ein Ereignis. Dieses sieht dann so aus, als wäre es an
einem Tag aufgenommen.
Parallel zu den Kürzungen des Filmes entwickelte ich auch
einen Filmrhythmus. Bewusst wurde mir diese Entwicklung,
als ich am 2.12.2004 eine Sequenz vor dem Melken schnitt:
2.12.2004 Ich habe es
geschafft, das Melken auf 1 Stunde und 7 Minuten zu kürzen.
Und ich habe soeben meinen Schnittstil gefunden. Es war
die taking care
fort he kid Sequenz, wo ich schneide entsprechend der
Aktionen im Bild. Yendite lässt das Holz in die Tür fallen,
ich schneide. Ankoi benutzt seine Peitsche mit den Ziegen,
ich schneide. Das Resultat ist eine Sequenz, die den
Zuschauer in die Thematik zieht. So wie ich die Sequenz
schneide, lenke ich die Wahrnehmung des Zuschauers, das
stimmt. Ich lenke sie aber mittels des Rhythmus’ der
in der Sequenz selbst vorhanden ist. Es ist ein
Schnittstil, der auf den Rhythmus des Inhaltes hört.
Nach minimalen Höhepunkten in einer Szene folgt diesem Stil
nach ein Schnitt. Das hat den Effekt, dass der Zuschauer
Szenen wahrnimmt, in denen der Höhepunkt das Ende der
Einheit darstellt. Durch das Fehlen der Lösung bleibt die
aufgebaute Spannung erhalten. Konsequent durchgeführt würde
das Ende des Filmes all die Spannung lösen, die während
jeder Szene addiert wurde. Praktisch ist dies jedoch im
Dokumentarfilm nur bei enorm stilisierten Filmen zu
realisieren. Nicht alle Szenen enthalten einen klar
definierbaren Höhepunkt. Ich habe zudem nicht alle Szenen
nach diesem Muster geschnitten, da dies inhaltliche
Reduzierungen mit sich bringen würde.
Ein weiteres Rhythmus erzeugendes Mittel entwickelte ich am
selben Tag:
Ich verstand diesen Abend noch
einen Weg durch Montage Rhythmus zu erzeugen: den formalen
Weg. Ich habe rausgefunden, dass es sehr gut passt, Szenen
zu zeigen die exakt die gleiche Länge haben. Ich schnitt
die goats
outside Sequenz.
Ich habe bemerkt, dass die schönen Aufnahmen die durch den
Wind laufen immer mehr Schönheit verlieren, wenn die Szene
länger als 5 Sekunden ist. Am Anfang war sie 12 Sekunden.
Dann reduzierte ich die Dauer Schritt für Schritt. Ich
hatte immer den Eindruck, dass sie immer noch zu lang sind.
Ich sah mir an wie lange es dauert, bis man alles
wahrgenommen hat: die Ziegen, den Wind, den Staub und die
totale Szenerie. Nach fünf Sekunden war es genug. Danach
machte ich alle Impressionsaufnahmen, wie ich Aufnahmen
nenne, die nicht von Aktionen bestimmt sind, fünf Sekunden
lang. Dadurch entwickelte sich ein netter Fluss von
Impressionen.
Auch inhaltlich veränderte sich der Film zu dieser Zeit.
Grund hierfür ist das Lesen der Fachliteratur für den
Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Am 22.11. bemerkte ich
diesbezüglich:
22.11.2004 Ich las und las
über Konflikttheorien und das hat mir geholfen genauer zu
wissen, worum es in dem Film gehen wird. Ich werde den Film
nun endgültig: Siblings in Conflict
nennen und mich nur mit den
Konfliktsituationen auseinandersetzten. Das verschafft mir
die Möglichkeit, viel zu kürzen.
Das nächste Kapitel erläutert die erwähnte Umsetzung der
Konfliktthematik. Hier möchte ich noch auf die Titelwahl
eingehen. Nach der Sichtung des Rohmaterials wollte ich in
den Titel das alltägliche Aushandeln der Rechte
integrieren. Der Arbeitstitel schwankte dann zwischen
To influence and to be influenced und Defining
borders. Ich wollte dann auch den Aspekt integrieren,
dass wie und was ich filmte, von den Akteuren beeinflusst
wurde. Der lange bestehende Arbeitstitel, der beides
integrierte, war daher Directing and to be
directed. Um die Thematik des Filmes deutlicher werden
zu lassen, wählte ich schließlich Siblings in
Conflict.
Phase 3: Inhaltliche Begrenzung
Anfangs wollte ich einen deutlich unkonventionellen Film
machen, der den Alltag in Dassanetch widerspiegelt. Er
sollte auch Sequenzen beinhalten, in denen nicht viel
passiert. Erst spät entwickelte sich das Projekt zu einem
aktionsreichen Film:
26.11.2004 Ja, ich mache
wiedermal was ich geplant habe nicht zu machen. Ich
konstruiere eine filmische Realität, die voller Aktionen,
voller Leben ist. Dieser Film wird wieder nicht die
Realität repräsentieren, wie ich sie vor Ort wahrgenommen
habe. Ich habe oft dagelegen und nichts ist passiert. Ich
beobachte die Sonne, wie sie vorrüberzieht, hörte dem
Rauschen des Windes zu und es passierte einfach nichts
Spannendes. Was ich nun mache, ist wieder eine Reduzierung
auf die aufregenden Aspekte meines Aufenthaltes. Ich
präsentiere die Highlights.
Einige Tage später versuchte ich diese Reduzierung auf
Highlights mit der filmischen Natur zu begründen:
10.12.2004 Niemand will
Sequenzen in Echtzeit sehen. Film ist immer einer
Reduzierung auf die absoluten Highlights der Realität. Es
ist eine Zusammenfassung. Es ist vielmehr Erinnern als
Denken, da Denken normalerweise langweilige
und
aufregende Ideen beinhaltet.
Aber Film erinnert nur an die Highlights, an die Dinge, die
Wert sind sich daran zu erinnern. Sonst langweilt es die
Zuschauer zu Tode. Das ist das Herz einer filmischen
Theorie, welches Film als eine mentale Repräsentation
ansieht.
Konsequent verwirklichte ich die
Konfliktthematik erst nach dem Sichten einer möglichen
Schnittfassung mit Felix Girke und Tina Brüderlin. Durch
das gemeinsame Sehen des Filmes und die hilfreichen
Kommentare verwarf ich nochmals die bis dahin bestehende
Struktur. Einzelne Sequenzen wurden verschoben,
zusammenhängende geteilt und an unterschiedlichen Stellen
eingefügt. In meinem Schnitttagebuch beschrieb ich die
Veränderungen so:
15.12.2004 Heute sah ich den
Film mit Felix und Tina. Das führte zu radikalen
Veränderungen. Erstens: Jetzt ist der Film 37 Minuten
lang!!! Zweitens: Alle Sequenzen sind in unterschiedliche
Anordnung gebracht. Anstatt dass ich die unterschiedlichen
Formen von Konflikten aufliste, die dann beim Spielen und
Melken praktiziert werden, präsentiere ich jetzt nur die
Liste von Konfliktformen, nur eben mehr davon. Das
Hauptresultat ist, dass es jetzt wirklich ein Film über
Konflikt ist und nichts mehr.
In den letzten Tagen der Postproduktion verdeutlichte ich
dann noch den theoretischen Rahmen, indem ich Zitate von
zwei konflikttheoretischen Werken integrierte. Die letzte
Veränderung war das Überblenden der Tanzsequenzen in die
Schlussbilder. Damit wollte ich verdeutlichen, dass neben
Konflikten auch harmonische Interaktionen den Alltag
ausfüllen.
Zusammenfassung
In diesem Kapitel habe ich Hintergründe zu
der Entstehung des Projektes dargestellt. Ich bin auf
Situationen vor Ort eingegangen, habe mein filmisches
Verhalten und wesentliche Entwicklungen während der
Postproduktion beschrieben. Dieses Kapitel hatte das Ziel,
den Entstehungsprozess des Filmes und des Textes
transparent werden zu lassen. Die wichtigsten Eckdaten habe
ich in Form einer Chronik in Anhang Nummer zwei
dargestellt. Dort kann der interessierte Leser die
wesentlichen Entwicklungen des Projektes zusammengefasst
ersehen.
Konflikt und Konflikttheorie
Überblick
Dieses konflikttheoretische Kapitel hat folgende Ziele: Zum
einen möchte ich Begriffe vorstellen, die für vorliegende
Arbeit besonders relevant sind. Dies ist nötig, um zu
verdeutlichen, was ich mit Begriffen wie Konflikt
meine und was nicht. Zum anderen erläutere ich Standpunkte
zu der Frage, ob sich Menschen und die menschliche
Gemeinschaft primär durch Harmonie oder durch Konflikte
auszeichnen. Die größte Aufmerksamkeit richtet sich jedoch
auf die Debatte, ob Konflikte destruktiv sind oder ob ihnen
produktive Potenziale zugeschrieben werden können. Anhand
von acht Thesen versuche ich herauszuarbeiten, wofür
Konflikte gut sind und wie sich ihr produktives Potenzial
entfaltet.
Zu den Begriffen
Unter Konflikten wird in der Fachliteratur häufig etwas
Verschiedenes verstanden. Einige Autoren verwenden den
Begriff analog zu Ausdrücken wie Gewalt oder
Aggression andere grenzen derartige Begriffe
deutlicher voneinander ab. Um mich in den folgenden
Ausführungen möglichst deutlich zu verständigen, ist es
nötig, dass wir uns mit einigen Begriffserläuterungen
auseinander setzen.
Konflikt
Was zählt als Konflikt und was nicht? Sucht man
die Antworten darauf in der konflikttheoretischen
Literatur, so ist man einem bunten Durcheinander
ausgesetzt. Manche Autoren verstehen unter Konflikten
Verhalten oder Interaktionen, andere
Wahrnehmungen und wieder andere
Beziehungen zwischen Menschen. Jeffrey Rubin zum
Beispiel definiert den Konflikt als eine bestimmte
Wahrnehmung: A „perceived divergence of
interests“ (Rubin 1994: 5). Auch Bernhard Giesen
stellt bei der Definition gegensätzliche Auffassungen
zwischen Menschen in den Vordergrund: „Ein Konflikt
bezeichnet die Unverträglichkeit zwischen den Auffassungen
mehrerer Konfliktakteure.“ (Giesen 1991: 215)
Betrachtet man Beziehungen, Interessen oder
Wahrnehmungen, so hat man ein anderes Verständnis
des Begriffes, als Autoren die unter Konflikten
Interaktionen oder Verhalten verstehen.
Ein Beispiel hierfür ist Lewis Cosers Verständnis von
Konflikt: „Conflict, as distinct from hostile
attitudes or sentiments, always takes place in
interaction between two or more persons.“ (1956:
37, Hervorhebung von mir)
Autoren wie Jack Citrin betrachten zudem ausschließlich
wirtschaftlich orientierte Interaktionen als Konflikte:
„Conflict refers to a situation in which there is
disagreement over how to divide scarce resources.”
(2001: 2547) Andere begrenzen Konflikte nicht derartig. Ich
möchte in diesem Kapitel keine universell gültige
Definition des Begriffes anstreben. Ich will an dieser
Stelle nur verdeutlichen, dass ich in dieser Arbeit unter
dem Begriff Konflikt nicht Beziehungen als solche
meine. Auch meine ich nicht Motive, Interessen
oder Intentionen von den Akteuren. Vielmehr
bespreche ich die materiellere Seite des Begriffes -
sichtbare Interaktionen. Der Fokus liegt auf dem
Prozess der Austragung. Ich übernehme somit bis zu
einem gewissen Maß den Betrachtungsstandpunkt
Coser’s. Der Kontext dieser Betrachtung, die
Diskussion über den Film Siblings in Conflict,
legt eine solche Herangehensweise nahe, da hier
Konfliktverhalten primär beobachtet und weniger
darüber gesprochen wird.
Um möglichst präzise über Konflikte zu debattieren, ist es
hilfreich, den Begriff Konflikt weiter zu spezifizieren.
Aus diesem Grund möchte ich hier noch die Bedeutung der
Begriffe sozialer Konflikt, realistischer und
nichtrealistischer Konflikt, Normen- und
Ressourcenkonflikt umreißen, da diese im weiteren
Verlauf von Bedeutung sein werden.
Sozialer Konflikt
Mit dem Begriff Konflikt meine ich
von nun an genauer gesagt den sozialen Konflikt.
Ein sozialer Konflikt zeichnet sich nach Giesen (1991: 211)
durch seine Normativität aus. Das bedeutet, dass in einem
Konflikt nur der Einsatz begrenzter Mittel erlaubt ist. Er
folgt bestimmten Normen. Ich folge somit auch Dahrendorfs
Vorstellung des sozialen Konfliktes: „Sozial soll ein
Konflikt dann heißen, wenn er sich aus der Struktur
sozialer Einheiten ableiten lässt, also überindividuell
ist.“ (1972: 24) Soziale Konflikte sind in die
soziale Struktur der Gesellschaft integriert. Faktisch ist
nahezu jeder Konflikt sozial, da selbst Kriege immer noch
von Normen beeinflusst werden. (Vgl. Giesen 1991: 220)
Realistischer & Nichtrealistischer Konflikt
Die Unterscheidung zwischen realistischem und
nichtrealistischem Konflikt geht auf Coser (1956)
zurück. Der realistische Konflikt zeichnet sich durch seine
konkrete Zielsetzung aus:
Social conflicts that arise from frustrations of specific
demands within a relationship and from estimates of gains
of the participants, and that are directed at the presumed
frustrating object, can be called realist conflicts. (Coser
1956: 156)
Nichtrealistische Konflikte werden weniger wegen eines
materiellen Zieles ausgetragen, sondern der Wirkung des
Konfliktes selbst wegen: „Nonrealistic conflicts, on
the other hand, are not occasioned by the rival ends of the
antagonist, but by the need for tension release of one or
both of them.” (Coser 1956: 156) Bei
nichtrealistischen Konflikten geht es also primär um die
Befriedigung durch den Konflikt selbst, als darum ein
greifbares Ziel zu erreichen.
Die Unterscheidung in diese beiden Kategorien werde ich bei
der Besprechung des Filmes übernehmen. Ich empfinde jedoch
die Wahl der Begriffe realistischer und
nichtrealistischer Konflikt als wenig gelungen.
Zum einen, weil der nichtrealistische Konflikt durch eine
Negativbezeichnung definiert wird. Zum anderen, weil das
Adjektiv realistisch darauf verweist, das etwas
der Wirklichkeit entspricht. Nichtrealistische Konflikte
sind jedoch nicht weniger wirklich als realistische
Konflikte. Stattdessen verwende ich im weiteren Verlauf den
Begriff zielgerichteter Konflikt, wenn ich das
meine, was Coser als realistischen Konflikt bezeichnet. In
dem Adjektiv zielgerichteter ist die Haupteigenschaft des
realistischen Konfliktes ausgedrückt, nämlich, dass er auf
ein konkretes Ziel ausgerichtet ist. Das Hauptmerkmal des
nichtrealistischen Konfliktes ist, dass die Akteure ihn
seiner selbst willen ausüben. Von daher verwende ich für
den nichtrealistischen Konflikt von nun an den Begriff
selbstmotivierender Konflikt.
Ressourcen- & Normenkonflikte
Konflikte, die über den Zugang zu bestimmten
Ressourcen ausgetragen werden, können als
Resourcenkonflikte bezeichnet werden. (In der
Literatur wird häufig auch der Begriff des
Verteilungskonfliktes oder des
Wirtschaftskonfliktes synonym verwendet.) Giesen
versteht unter dieser Art des Konfliktes Folgendes:
Gesellschaften und soziale Organisationen haben ... nicht
nur das Problem der Erzeugung, sondern auch das
der zufriedenstellenden Verteilung von knappen
Gütern zu lösen. Alle bekannten Lösungen des
Verteilungsproblems können nicht alle Bedürfnisse aller
Mitglieder restlos erfüllen und erzeugen Frustrationen bei
den betroffenen Mitgliedern. Erzeugung und Verteilung von
knappen Gütern wird damit zur wichtigsten Quelle sozialen
Konfliktes. (1991: 213-214)
Giesen weist hier auf die Verteilung von Gütern hin, die
Ressourcenkonflikte auszeichnen. Ronald Fisher bezeichnet
Ressourcenkonflikte als typische realistische Konflikte:
Economic conflict involves competing motives to
obtain scarce resources, including territory, and is
therefore one of the clearest forms of realistic conflict.
Each party wishes to acquire the most of the resource that
it can without perceptible limits, and therefore directs
its behavior towards maximizing its gain at the expense of
the other party. (1990: 33-34)
Ressourcenkonflikte sind spezielle realistische
bzw. zielgerichtete Konflikte.
Dem Ressourcenkonflikt wird oft der
Normenkonflikt gegenübergestellt. Ein
Normenkonflikt besteht dann, wenn sich mindestens
zwei Parteien über die Auslegung von Regeln
auseinandersetzen. (In der Literatur wird auch häufig der
Begriff Regelkonflikt verwendet.) Fisher zählt
folgende Eigenschaften für solche Normenkonflikte auf:
„Value conflict revolve around incompatible
preferences, principles, or practices that people believe
in and are invested in with reference to their group
identity.“ (1990: 34) In der empirischen Realität
sind Normen- und Ressourcenkonflikte häufig miteinander
verwoben. Typologien, wie die zuletzt aufgeführten,
vereinfachen und reduzieren reale Umstände häufig, sind
jedoch für das Ziel der verständlichen Vermittlung
hilfreich.
Gewalt
Worin unterscheidet sich Gewalt von Konflikten?
Nach den Einordnungen des Begriffes Konflikt wende
ich mich nun dem der Gewalt zu. Für eine
anschauliche Begriffserklärung verweise ich auf die
Darstellungen von Wolfgang Gabbert (2004) und möchte hier
nur die prägnantesten Charakteristika erwähnen. Unter
Gewalt meine ich eine Interaktion, ein
Verhalten. Es ist eine besonders intensive und
daher enger zu definierende Form der Konfliktaustragung.
Gabbert definiert den Begriff der Gewalt so:
Gewalt ist eine Interaktion (im Sinne von Wechselwirkung),
in deren Verlauf mindestens einer der Beteiligten
absichtlich und gegen den Willen seiner Interaktionspartner
Handlungen vollzieht, die zu deren physischer Verletzung
führen oder führen könnten. (2004: 97)
Im Gegensatz zum Konflikt sind bei der Gewalt die Aspekte
der physischen Verletzung und der Absichtlichkeit
zwangsläufig integriert. Kulturübergreifend existiert kein
einheitliches Verständnis darüber, was als Gewalt anzusehen
ist und was nicht.
Die gleichen Verhaltensweisen werden ... in verschiedenen
Kulturen mal als Gewalt, mal als etwas anderes
interpretiert, und der Umfang dessen, was in
unterschiedlichen Gesellschaften jeweils unter
„Gewalt“ ... verstanden wird, differiert.
(Gabbert 2004: 92)
Aggression
Was beinhaltet Aggression? Hierzu zählen nicht nur
die Handlungen als solche sondern auch
Einstellungen, Gedanken und
Gefühle, welche die Person durchlebt und die das
Verhalten von den Akteuren beeinflussen. Der Anthropologe
Konrad Lorenz bezeichnete die Aggression als einen
„auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier
und Mensch“ (Lorenz 1963: IX).
Aggression ist durch Verhaltensbeobachtungen, welche in dem
Film Siblings in Conflict vermittelt werden nur
bedingt fassbar:
We cannot rely upon the observation of a behavior alone to
determine whether it is aggression. We have to tap the
person’s psychological state at the time he initiated
the behavior. (Scherer 1975: 3)
Ich werde in dieser Arbeit nicht primär den
psychologischen Zustand der im Film gezeigten
Akteure beschreiben. Über Motivationen von den Akteuren
lässt sich nur spekulieren. Der Begriff Aggression
und die Bedeutung dessen sollen hier also nur peripher von
Bedeutung sein.
Konflikt – Konsensus Debatte
Sind die Menschen von Natur aus aggressive, egoistische
oder gemeinschaftliche Wesen? Diese Frage wird seit
langer Zeit in der Literatur kontrovers diskutiert. Beide
Richtungen und weitere Unterteilungen möchte ich in diesem
Kapitel kurz erläutern, da diese Diskussion der Grundstein
der Konflikttheorie ist.
Thomas Hobbes’ Konzept des „Jeder gegen
Jeden“ ist eine der deutlichsten pessimistischen
Theorien über die menschliche Natur. (Vgl. Binns 1977: 183)
Er verstand den Menschen als ein Wesen, das permanent von
aggressiven Trieben gesteuert wird, die ein dauerhaft
friedliches Miteinander unmöglich machen. Konflikte haben
für Hobbes ihren Ursprung in der Natur des egoistischen
Menschen. (Vgl. Wrong 1984: 204f.) Gefundener Konsensus
unter den Menschen bedeutet nur eine vorübergehende Pause
der Auseinandersetzung. Trotz kultureller und sozialer
Impulse, dass Zusammenleben der Menschen zu befrieden,
fällt der Mensch immer wieder auf seine Natur zurück:
„Hobbes believed that the civil peace was a very
fragile thing, and that chaos could and did break through
the fragile thing...“ (Bernard 1983: 63) Eine
deutliche Gegenposition wäre eine Theorie, welche die
menschliche Natur primär als kooperativ bezeichnet und
Konflikte externen Einflüssen zuschreibt. Bereits seit
Aristoteles wird diese Theorie vertreten. Er verglich die
Menschen und das menschliche Zusammensein mit dem
kooperativen Zusammenspiel eines Bienenstaates. (Vgl.
Bernard 1983: 14)
Beide Richtungen, also die Vorstellungen, dass der Mensch
grundsätzlich egoistisch oder grundsätzlich
gemeinschaftlich ist, werden bis in die Gegenwart
kontrovers diskutiert und erweitert. Emile Durkheim, zum
Beispiel, folgt Hobbes mit seiner Vorstellung von der
aggressiven menschlichen Natur. Er erweitert aber das
Konzept, indem er in jedem Individuum eine zweite, soziale
Seite sieht. Diese ist von gemeinschaftlichen Motiven
geprägt und schafft eine permanente Auseinandersetzung mit
der individuellen (aggressiven) Seite. Er versteht den
Menschen dualistisch. (Vgl. Bernard 1983: 115) Ralf
Dahrendorf bezeichnet sowohl die menschliche als auch die
gesellschaftliche Natur als von Konflikten durchdrungen.
Jeglicher Zusammenhalt beruht seiner Meinung nach auf
Zwängen. (Dahrendorf 1972: 28) Für ihn sind Konflikte feste
Bestandteile von Gesellschaften. Er fragt sogar, ob sie
generell lebensnotwendig sind. (Vgl. Bernard 1983: 175)
Dem gegenüber stehen bis heute Theorien, welche die
menschliche Natur und/oder das gesellschaftliches
Zusammenleben primär in gemeinschaftlichen Konzepten
erklären. Diese Richtung wird in der Literatur als
Konsensustheorie bezeichnet:
Consensus theories are said to include those social
theories that emphasize the persistence of shared values
and norms as the fundamental characteristics of
societies.” (Bernard 1983: 1)
Vertreter hierfür sind zum Beispiel Talcott Parsons und
Georg A. Lundberg. Letzterer beschreibt vor allem
nichtindustrielle Gesellschaften als stabile
Organisationen, die sich in ihrem Lebensraum auf gemeinsame
Werte, Vorstellungen und Ziele berufen können:
In such a society, „community“ meant consensus
on nearly all things that mattered. … In sum, the
residents of a given geographic area had not just a few but
many interests in common, and these mutual interests served
to integrate the people and to preserve the traditional
order. (Lundberg et al. 1968: 520)
Das Verständnis von der Natur des Menschen und der
Gesellschaft wird innerhalb der Literatur einmal in
Konfliktkonzepten und zum anderen in denen des Konsensus
beschrieben. Es wird jedoch mittlerweile vermehrt
akzeptiert, dass beide Theorien unter gewissen Umständen
ihre Gültigkeit haben. Wird das Zusammenleben mit Begriffen
des Konfliktes erklärt, so werden diese vorhanden Aspekte
betont. Benutzen Theoretiker Konsensus Konzepte, so betonen
sie diese des menschlichen Lebens. Es geht also um Betonung
von vorhandenen Aspekten. Letztlich lässt sich die Frage,
ob Aggression auf die Natur des Menschen zurückzuführen
ist, nicht universell beantworten:
Conflict is an aspect of all past and present human
societies, but whether it should be attributed to human
nature or to social organizations is not known at present.
(Bernard 1983: 213)
Über die Vertreter der verschiedenen Standpunkte schreibt
Thomas J. Bernard weiter:
[All] are correct in part, all are partly wrong, non is
wholly adequate. Actual societies are held together by
consensus, by interdependence, by sociability, and by
coercion. (1983: 8)
Für die vorliegende Arbeit ist ein Teil der beschriebenen
Debatte von besonderer Relevanz: Die unterschiedliche
Einordnung von Konflikten in den beiden Richtungen. C.J.
Crouch (2001: 2554/2555) bezeichnet es als die zentrale
Entscheidung von Theoretikern Konflikte entweder als
Ausnahmezustand oder als endemisches Ereignis anzusehen.
Während die Konsensustheoretiker Konflikte als chaotischen
Ausnahmezustand ansehen, der überwunden werden muss, sehen
Konflikttheoretiker diese als festen Bestandteil
menschlichen Interagierens. Diese unterschiedlichen
Sichtweisen beeinflussen nicht nur Thesen über Natur des
Menschen oder der Gesellschaft. Auch das Verständnis von
Konflikten selbst hängt davon ab: Diejenigen die Konflikte
als außergewöhnlich ansehen, behaften ihn oft mit störenden
und zerstörerischen Attributen. Diejenigen, die Konflikte
als endemisch ansehen, behandeln sie eher als potentiell
produktiv. Diese Debatte soll nun diskutiert werden.
Konflikt: destruktiv oder produktiv?
Auch der Frage, ob Konflikte primär
destruktiv oder produktiv sind, wird ohne eine universell
gültige Antwort zu finden nachgegangen. Die Debatte soll in
diesem Kapitel beschrieben werden.
Die Geschichte der Konflikttheorie ist vom Gegensatz
zwischen jenen Positionen gekennzeichnet, die Konflikte als
grundsätzlich dysfunktional oder destabilisierend
betrachten und jenen, die Konflikt als ordnungsgenerierend
oder produktiv sehen. (Eckert 2004: 7)
Autoren, die Konflikte primär als destruktiv bezeichnen,
beschreiben sie oft derart:
Probably the most striking thing about conflict is its
destructive potential. The word itself often conjures up
images of heads being busted, of buildings burning, and of
death and destruction. (Leslie et al. 1973: 78)
Diejenigen, die Konflikte als düsfunktional betrachten,
vergleichen ihn häufig mit Begriffen wie Krankheiten,
Zwängen, Fehlverhalten oder Störungen des Normalzustandes.
(Z. B. Cooley 1956a: 50; Parsons nach Coser 1956: 21;
Scherer 1975: 10) Lewis Coser grenzt sich von Autoren wie
Talcott Parsons ab indem er Konflikten eine Reihe von
positiven Funktionen zuschreibt. Über Parsons schreibt er:
„Parsons’ general orientation has led him to
view conflict as dysfunctional and disruptive and to
disregard its positive functions.“ (1956: 23)
Autoren, welche die produktiven Eigenschaften von
Konflikten nicht erwähnen, vertreten meistens ein
Gesellschaftsbild, welches auf Stabilität und Ordnung
beruht. Ein Zitat von Parsons liefert dafür ein Beispiel:
Die funktionalen Erfordernisse des sozialen Systems als
Einheit gehören jedoch einer anderen Ordnung an. Unter
ihnen bezeugt „Stabilität“ dies am
deutlichsten. In gewissem Sinn neigt ein soziales System zu
einem „stabilen Gleichgewicht,“ zu einer
dauerhaften Erhaltung seiner selbst als System und
zur Bewahrung eines bestimmten, entweder statischen oder
dynamischen strukturellen Musters. (1986: 160)
Des Weiteren vergleicht Parsons das soziale System mit
einem Organismus, der das Ziel hat ein physiologisches
Gleichgewicht (ebd.) aufrecht zu erhalten. Autoren wie
Parsons betrachten Konflikte als störend für dieses
Gleichgewicht. Sie werden als chaotisch außerhalb der
normalen Interaktion angesehen. Derartig negativ behaftete
Beschreibungen von Konflikten wollen Autoren wie Georg
Simmel, Lewis Coser, Ralf Dahrendorf und Georg Elwert die
produktiven Aspekte des Konfliktes entgegensetzen. In
meinen Augen eignet sich diese Herangehensweise an
Konflikte bei der Betrachtung der im Film gezeigten
Konfliktsituationen besser. Wie ich später darstellen
werde, ist das Austragen von Konflikten in Dassanetch eine
alltägliche Erscheinung. Konflikte sind gelernte
und normierte Arten der Interaktion in Dassanetch
und keine abnormalen Ereignisse, die prinzipiell
störende Eigenschaften besitzen. Aus diesem Grund möchte
ich acht Thesen von Autoren aus dem Lager, die Konflikte
als Teil der Gesellschaft ansehen, erläutern, um sie dann
anhand des Filmes zu besprechen. Dabei liefere ich keine
vollständige Darstellung der Konflikttheorie sondern gehe
vor allem auf Argumentationen ein, die ich mittels des
Filmes Siblings in Conflict veranschaulicht sehe.
Populäre Thesen wie die, dass Konflikte zu sozialem Wandel
beitragen, werden beispielsweise nicht besprochen, da sie
keinen fruchtvollen theoretischen Rahmen für das im Film
Gezeigte darstellen.
These #1: Normalität
Die erste These, die ich erläutern möchte, lässt sich
derart zusammenfassen: Konflikte sind fester
Bestandteil menschlicher Interaktionen und keine abnormalen
Ereignisse. Nach Georg Simmel braucht jede
Gesellschaft
...irgendein quantitatives Verhältnis von Harmonie und
Disharmonie, Assoziation und Konkurrenz, Gunst und
Mißgunst, um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen.
(1958: 187)
Ralf Dahrendorf behauptet, dass „irgendwelche
Konflikte stets und überall dort [zu] finden [sind], wo
menschliche Gesellschaften bestehen.“ (1972: 21) Er
fährt fort, solche Gesellschaften als abnormal zu
bezeichnen, in denen keine Konflikte stattfinden.
(Vgl. Bernard 1983: 3) Klaus Rainer Scherer bezeichnet
Konflikte als normale und natürliche Prozesse in
menschlichen Verbindungen. (Scherer 1975: 281) Julia Eckert
bezeichnet sie als „Grundmerkmal jedes menschlichen
Zusammenseins.“ (2004: 7) Akzeptiert man diese These
so hat es folgende Konsequenz: Konflikte können nicht mehr
losgelöst von sozialen und kulturellen Bedingungen
betrachtet werden. Sie können nicht als Ausnahmezustand
untersucht werden sondern müssen vielmehr in
Gesellschaftstheorien und –beschreibungen integriert
werden.
These #2: Muster
Die zweite These lautet: Konfliktabläufe folgen
vorhersehbaren Mustern. Scherer zufolge laufen
Konflikte nach wiederkehrenden Mustern ab. Er versucht den
Ablauf von Konflikten in ein Modell von fünf Stufen zu
fassen (Vgl. 1975: 270-274): Stufe 1 – Vor der
Konkurrenz: Hier befinden sich die Teilnehmer in einem
Zustand der Kooperation oder stehen in keiner Beziehung zu
einander. Stufe 2 – Konkurrenz: Die
Teilnehmer erkennen, dass sie in Konkurrenz mit dem anderen
geraten sind. Stufe 3 – Konflikt: Die
Akteure gehen mittels der gewählten Strategie in den
Angriff über. Diese Stufe kann eskalieren und es besteht
die Möglichkeit einer Polarisation. Stufe 4 –
Krise: Dies stellt ein neues Level dar, indem es
häufig zu Gewalt kommt. Stufe 5 – Lösung:
Die Lösung kann vielfältig ausfallen: Es kann zu Stufe 1-3
zurückgekehrt werden oder es kann zur Revolution kommen.
Dass Konflikte bestimmten Mustern folgen, macht sie sowohl
für die Wissenschaft als auch für die Akteure selbst
vorhersehbar. (Vgl. auch Zittelmann 2004: 47)
These #3: Strategie
Konflikte stellen bewusst gewählte Strategien von
Akteuren dar. Eine allgemein akzeptierte Meinung ist,
dass Aggressionen Teil unserer tierischen Natur
sind. (Scherer 1975: 13) Konflikte werden oft von Affekten
und Emotionen gesteuert dargestellt. Ethnologische
Forschungen versuchen teilweise, diese Vorstellungen zu
verändern. Elwert schreibt dazu beispielsweise:
Die populäre Sichtweise, dass Konflikte durch Emotionen
motiviert sind, kann von der Anthropologie nicht bestätigt
werden. Menschen reagieren weniger auf Emotionen als auf
angenommene oder wahrgenommene Handlungsziele. Die Reaktion
auf eine Konfliktsituation hat höhere strategische
Qualitäten, wenn sie auf kühler Kalkulation und nicht auf
Emotionen basiert. (Elwert 2004: 32-33)
An anderer Stelle fasst Georg Elwert diese Gedanken so
zusammen: „[Violence] is ... a narrowing of the
available forms of action and at the same time it is a
strategic choice.“ (Elwert et al 1999: 9) Die Autoren
argumentieren entgegengesetzt zu den populären Annahmen
dahingehend, dass Konflikte nicht instinktive Aktionen
sondern Teil einer bewussten Strategie sind. Diese These
ermöglicht also, die Konfliktpartner als wählende
Akteure zu betrachten. Die Akteure bevorzugen die
Austragung von Konflikten anstatt andere potentiell
mögliche Alternativen zu wählen. Coser schreibt dazu:
„Means other than conflict, depending assessments of
their efficacy, are always potentially available to the
participants.“ (Coser 1956: 50) Konflikt wird dann
als unkomplizierteste Strategie zur Erreichung der
gesetzten Ziele bewusst gewählt: “Because of its
effectiveness as a means to need satisfaction, aggression
is often not turned to as the last resort, but as the
first.” (Scherer 1975: 87)
These #4: Beziehung
Je enger die Beziehung zwischen zwei
Menschen ist, desto wahrscheinlicher treten Konflikte
auf. Diese These wird zunächst dadurch begründet, dass
häufiges Zusammensein überhaupt erst Möglichkeiten liefert,
in Konflikt miteinander zu geraten. Durch regelmäßige
Interaktionen erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, dass
Anlässe für Konflikte auftreten: „The more frequent
the interaction, the more occasion for hostile
interaction.“ (Coser 1956: 72, Vgl. auch Scherer
1975: 265) oder wie es Citrin ausdrückt: „[T]here can
be no conflict between an earthling and the man on the
moon.” (2001: 2548) Die These bezieht sich jedoch vor
allem auf einen anderen Aspekt. Nicht nur der formale
Rahmen des häufigen Zusammenseins gerät in den Blick. Es
sind die engen Beziehungen zwischen den Akteuren, welche
für die Häufigkeit der Konflikte verantwortlich sind.
Simmel, zum Beispiel, sieht in der Intensität von
Beziehungen Nährboden für heftige Konflikte:
Je mehr wir als ganze Menschen mit einem anderen gemein
haben, desto leichter wird sich unsere Ganzheit jeder
einzelnen Beziehung zu ihm assoziieren. Daher die ganz
unverhältnismäßige Heftigkeit, zu der sich sonst durchaus
beherrschte Menschen, manchmal gerade ihren Intimsten
gegenüber fortreißen lassen. (1958: 206)
Er führt die Heftigkeit von Beziehungen auf die Intimität
unter den Akteuren zurück. Es gibt zwei Richtungen, welche
auf unterschiedliche Weise die oben genannte These
vertreten. Die erste meint, dass enge Beziehungen dazu
führen, dass Konflikte unterdrückt werden und zu späterem
Zeitpunkt intensiviert ausbrechen. Coser schreibt
stellvertretend für diese Richtung: „The closer the
relationship, the greater the affective investment. The
greater also the tendency to suppress rather than express
hostile feelings.” (1956: 62) Die Unterdrückung von
Konflikten bei Akteuren, die in einem engen Verhältnis
zueinander stehen, wird mit der Angst vor dem destruktiven
Effekt begründet. (Coser 1956: 68) Die Unterdrückung hilft
jedoch nicht auf Dauer und es kommt zu einem besonders
intensiven Ausbruch des Konfliktes.
In close-knit groups, feelings of hostility tend,
therefore, to accumulate and hence to intensify. If
conflict breaks out in a group that has consistently tried
to prevent expression of hostile feelings, it will be
particularly intense… (Coser 1956: 152)
Die zweite Richtung sagt aus, dass Konflikte in engen
Beziehungen zugelassen werden, da diese als stabil genug
angesehen werden. Die Akteure sind sich der Enge der
Beziehung bewusst, sehen Konflikte daher nicht als
potenzielle Gefahr an. Konflikten wird dabei nicht das
Potenzial zugeschrieben, enge Beziehungen zu erschüttern.
Simmel (1958: 208) argumentiert dahingehend, dass die
Teilnehmer vorhersehen, dass ein Konflikt ihrer engen
Beziehung nicht viel anhaben kann. Coser beschreibt das so:
„If the relationship is stable, if, in other words,
the participants feel that it will not be endangered by
conflict, conflicts are likely to arise between
them.“ (1956: 83) Diese Richtung führt zu folgender
Schlussfolgerung: Beziehungen, in denen Konflikte häufig
auftreten, können als stabil angesehen werden:
„Stable relationships may be characterized by
conflicting behavior.“ (Coser 1956: 85)
These #5: Entspannung
Konflikte führen zu einem entspannten
Gruppenverhältnis. Diese auf den ersten Blick
widersprüchliche These kann mit zwei Argumenten unterstützt
werden. Das erste besagt, dass die Gesellschaft durch
Konflikte ausbalanciert wird. Coser fasst Simmels Gedanken
darüber so zusammen: „Simmel … say[s] that
enmities and reciprocal antagonism also maintain the total
system by establishing a balance between its component
parts.” (1956: 35) Er unterstützt dieses Argument und
nennt Konflikte einen Balancemechanismus. (Coser
1956: 84) Durch sie werden unterschiedliche Interessen
ausgehandelt und Entscheidungen gefällt oder Kompromisse
gefunden.
Das zweite Argument geht davon aus, dass die offene
Ausführung von Konflikten das Ausbrechen von aufgestauten
aggressiven Emotionen unwahrscheinlich macht. Coser
schreibt zu dieser These: „[Conflict]... eliminates
the accumulation of blocked and balked hostile dispositions
by allowing their free behavioral expression.“ (1956:
39) Es reinigt die Luft, Konflikte auszutragen. Diese These
wird meist mit psychologischen Argumenten erklärt. Die
Vertreter gehen davon aus, dass aggressive Handlungen
kathartische Wirkungen haben: “After a cathartic
experience, the individual’s aggressive energy is
supposed to have been released and, therefore, he is no
longer motivated to be aggressive.“ (Scherer 1975:
94)
Findet eine Unterdrückung der aggressiven Energie
statt, so findet nach dieser Theorie das Gegenteil statt:
„If the aggressive energy is not released by
appropriate releasing stimuli leading to the appropriate
aggressive patterns, the aggressive energy will
accumulate.” (Scherer 1975: 50) Ähnliche Überlegungen
bringen Coser dazu, zu behaupten, je mehr Konflikte
ausgetragen werden desto geringer fällt ihre Intensität
aus. (1956: 153) Charles H. Cooley fasst dies in einem Satz
zusammen: „The unsettled condition is worst of
all.” (1956b: 287) Die ungeklärten Zustände bringen
die Akteure seiner Meinung nach in größere Probleme als das
Austragen von Konflikten. Durch Konfliktaustragung wird die
aggressive Energie gezähmt.
These #6: Lernen
Das Verhalten in Konflikten wird gelernt. Um diese
These zu erläutern, möchte ich zuerst auf die Begriffe
Rolle und sozialer Raumes eingehen. Eine
Rolle bezieht sich auf das Verhalten, das von
Individuen erwartet wird. Diese beeinflusst das Auftreten
des Einzelnen. Der soziale Raum vermittelt dem
Akteur Verhaltenserwartungen, die er für die Person passend
findet. Diese Prozesse finden in der Interaktion zwischen
Menschen statt. Louis A. Zurcher schreibt dazu Folgendes:
Our role enactments are best understood not by linking them
to specific physiological and psychological elements, but
as products of our social interaction with other people.
(1983: 12-13)
Die Vorstellung des symbolischen Interaktionismus geht
davon aus, dass wir aktiv Rollen schaffen. Wir entsprechen
ihnen nicht nur, sondern wir interpretieren, organisieren,
modifizieren und kreieren sie:
Within each setting, we negotiate with other people both
our own and their identities. … Identities are
compromises we effect between our own self-concepts and the
demands of a role in a specific social situation. (Zurcher
1983: 13)
Somit sind auch die Verhaltensweisen von Akteuren
Kompromisse zwischen den Differenzen von Eigenintentionen
und Rollenerwartung anderer. Diese Erwartungen gehen von
dem sozialen Raum aus, welcher den Akteur umgibt:
„Social setting refers to the pressures for role
conformity put upon the individual by others… in a
specific situation.” (Zurcher 1983: 15) Ich möchte
jedoch den sozialen Raum nicht auf pressures
reduzieren. Viel mehr gehören meines Erachtens auch
options, also Möglichkeiten, dazu welche den
Akteuren geboten werden. Der soziale Raum liefert nicht nur
Einschränkungen sondern er zeichnet sich auch durch
Freiräume und Wahlmöglichkeiten aus. Thomas Bierschenk
schlägt vor, Gesellschaften nach den Möglichkeiten und
Grenzen zu charakterisieren. Er nennt dies Bündelung von
Strategien im Angesicht von Konfliktsituationen. (2004:
212)
In dem sozialen Raum werden allgemeine Einstellungen wie
Freiheits- und Gerechtigkeitskonzepte
verbreitet. (Vgl. Cooley 1956a: 32) Die Werte werden in
Kindeszeiten etabliert und durchlaufen keine großen
Veränderungen bis ins Alter. (Vgl. Cancian 1976: 354) Diese
Normen schaffen einen gemeinsamen Hintergrund:
Norms are internalized during childhood by members of the
group, perpetuating common psychological ground and
resulting in the protection of group solidarity. (Foster
1988: 181)
Diese Normen bilden nach dieser Aussage das Rückrad für
Gruppengemeinschaft und kulturelle Verbundenheit. Robert A.
Rubenstein bemerkt dazu, dass diese Normen in sozialen
Interaktionen stetig verändert und geschaffen werden.
[C]ulture is driven by the dynamics of the symbolic
processes as these are worked out in the activities of
social actors. These actors communicate with one another
through symbolic acts, and the products of such acts are
meanings that social consensus has been made available for
exchange. (Rubenstein 1988: 7)
Scherer argumentiert dahingehend, dass wir den kulturellen
Normen meist unbewusst entsprechen. Viele unserer
Vorstellungen basieren auf einem kulturellen Konsensus. Wir
folgen den Normen, weil wir sie als korrektes Verhalten
empfinden, weniger, um eine Gruppenkonformität zu
entwickeln. (vgl. Scherer 1975: 172)
Wie läuft das Erlernen der Konfliktaustragung ab?
Psychologische Studien leisten dazu einen hilfreichen
Beitrag. Aggressives Verhalten wird durch a) Beobachtung
und Nachmachen und b) selektive Bestärkung gelernt. (Vgl.
Scherer 1975: 82) Wächst ein Kind in einem sozialen Raum
auf, indem vermehrt Konfliktaustragungen stattfinden, so
empfindet es dieses Verhalten als normal. Das Nachmachen
der Handlung findet jedoch nicht ohne Eigenbeteiligung
statt: „There is no imitation that is absolutely
mechanical and uninventive – a man cannot repeat an
act without putting something of his idiosyncrasy into
it.” (Cooley 1956b: 302) Die Übernahme von Verhalten
hängt aus psychologischer Sicht von dem Grad der Belohnung
ab:
Whether or not a person will put into practice the novel
forms of aggression that he has learned through imitation
depends upon whether his aggression is rewarded or not. For
aggression, like all other learned behaviors, follows the
law of effect: Any organism will tend to repeat a
behavior that has been reinforced in the past. (Scherer
1975: 86)
Die in These Nummer Fünf erwähnte kathartische Wirkung
einer Handlung führt entsprechend der psychologischen
Lerntheorie zu einem Erlernen von aggressiven Akten. Die
Lerntheorie will zeigen, dass dasjenige Verhalten
angenommen und standarisiert wird, welches den Akteur in
irgendeiner Art belohnt. Konflikte, die kathartische
Wirkung zeigen gehören dazu.
Since tension reduction is usually considered to be a
reinforcer, a cathartic effect of an overtly aggressive act
will actually reinforce this behavior. Thus, according to
learning theory, catharsis may decrease aggressive
motivation in the short run, but actually increase it in
the long run. Catharsis may result in the learning of
aggressive habits through reinforcement. (Scherer 1975:
99-100)
Kathartische Konfliktaustragungen hätten also zweierlei
Effekte: Sie reduzieren Gewalt in Konflikten und gewöhnen
die Akteure an das Austragen von Konflikten.
Eine auf den ersten Blick unlogische Erkenntnis der
Lerntheorie entpuppt sich als hilfreiches
Analysehilfsmittel. Nicht das Verhalten, welches permanent
belohnt wird, hat besonders bestärkende Wirkungen sondern
viel mehr die intermittierend, unregelmäßig stattfindende
Belohnung. Das Kind, dessen Aggression von Zeit zu Zeit
belohnt wird, legt in der Regel häufiger aggressives
Verhalten an den Tag, als das Kind dessen Aggressionen
stets belohnt werden. Scherer erklärt dies so:
If we are accustomed to having to wait for our rewards, we
do not give up very quickly if they seem to be a little
slower in coming, and it will take a while before we shall
give up hope entirely. Thus aggressive behavior does not
have to be reinforced every single time to become a firmly
established part of an individual’s behavior
repertoire. On the contrary, intermittent reinforcement,
especially if it occurs irregularly … tends to
produce a more stable and persistent habit of aggression.
(1975: 91)
Ich will diese These nicht mit zu vielen psychologischen
Konzepten und Begriffen erläutern. Zwei Termini muss ich
aber noch kurz erwähnen: Der Begriff der
Reaktionsgeneralisierung bezieht sich auf die
Annahme, sobald, wenn ein aggressives Verhalten als
erfolgreich und stärkend wirkt, tendieren wir dazu
ähnliches aggressives Verhalten auszuprobieren. (Vgl.
Scherer: 92) Der Begriff der Reizgeneralisierung
bezeichnet Folgendes: Menschen agieren aggressiv in anderen
Situationen als in der Situation, in der aggressives
Verhalten belohnt und gelernt wurde. (Vgl. Scherer: 106)
Diese und andere psychologischen Untersuchungen werden für
den weiteren Verlauf der Arbeit hilfreich sein. An diesem
Punkt sei auch erwähnt, dass die Akteure diesen
Lernkonzepten nicht willenlos folgen. Sie stellen eine
Beeinflussung dar, keine Lenkung:
While...psychic pressures can be very powerful indeed,
except in limited conditions they leave the ultimate
decision to the subject - the pressures reduce but do not
eliminate his freedom. (Etzioni 1976: 680)
These #7: Richtlinien
Der kulturelle Raum bietet Richtlinien zur
Konfliktaustragung. Um diese These zu erläutern, ist
es hilfreich, die Begriffe
Konfliktinstitutionalisierung sowie Ein-
und Entbettung vorzustellen.
Einbettung und Institutionalisierung der Konflikte
Gewalt, Aggression und Konflikt
werden häufig als „Ausbruch atavistischer Impulse
oder Triebe, als antisozial und abweichend
betrachtet.“ (Gabbert 2004: 88) Ethnologische
Forschungen versuchen vereinzelt das Gegenteil zu beweisen.
Selbst Gewaltakte folgen bestimmten Regeln folgen, die
kulturell bedingt sind. (Ebd.) Georg Elwert schreibt dazu:
Die Anthropologie hat gezeigt, dass sogar gewaltsame
Konflikte kulturell codierten Mustern folgen und
institutionalisierte Formen haben, und dass ihre
Erscheinungsform kontrolliert und gelenkt ist. (Elwert
2004: 29)
Dieses Phänomen nennt Elwert Einbettung der Konflikte in
die kulturellen Normen:
„Unter Einbettung versteht man das Ensemble von
moralischen Werten, Normen und institutionalisierten
Arrangements, die bestimmte Handlungstypen begrenzen und
gleichzeitig das Ergebnis dieser Handlung berechenbar
machen. Die Tatsache, dass Konflikte sowohl über
kontrollierte und vorhersehbare Aspekte als auch über ein
Element von Überraschung verfügen, gibt ihnen eine hybride
Struktur. Deshalb könnte man von einer partiellen
Einbettung sprechen.“ (2004: 29)
Die partielle Einbettung führt dazu, dass Konflikte nach
Elwert sozial geordneten Pfaden folgen. Christoph
Zürchner schlussfolgert daraus:
Es gibt also in manchen Fällen Regelwerke, welche die
Bandbreite des Möglichen bei der Konfliktaustragung durch
sozial konstruierte Leitplanken kanalisieren. Je stabiler
diese Leitplanken sind, desto tiefer ist die
Konfliktaustragung gesellschaftlich eingebettet. (2004:
102)
Dahrendorf widersprach der Vorstellung, dass Konflikte
unterdrückt werden könnten. Er sah aber (wie Elwert) die
Möglichkeit, dass sie regulierbar sind um die Gewalt zu
reduzieren. „[H]e argued that it is only by providing
organized channels for the expression of grievances and
hostilities that social life is able to continue.“
(Bernard 1983: 172) Elwert formuliert Ähnliches:
Gegensätzliche Interessen sind zwischen Menschen
allgegenwärtig. Wenn es keine geregelten Methoden gibt,
dies auszudrücken, werden zufällige Konflikte, und in noch
stärkerem Maße deren Meidung die Chance für Kooperation
minimieren. Kooperation erfordert nicht
Konfliktunterdrückung, sondern berechenbare Möglichkeiten,
Konflikte auszudrücken und auszutragen. (2004: 34)
Auch Coser argumentierte, dass es für eine gewaltarme
Konfliktaustragung einer Institutionalisierung der
Konflikte erfordere:
One safeguard against conflict disrupting the consensual
basis of the relationship, however, is contained in the
social structure itself: it is provided by the
institutionalization and tolerance of conflict. (1956: 152)
Die Institutionalisierung kann man in informalen
Regelwerken erkennen. Das Einhalten dieser Regeln wird
durch soziale Kontrolle überwacht. Mitmenschen drohen
Sanktionen gegen den Akteur an, der die Regeln verletzt.
(Vgl. Koehler 2004: 274)
Entbettung
Findet eine Überschreitung der Norm während eines
Konfliktes statt, so kann man von einer Entbettung
sprechen. Dabei kommt es jedoch meistens nicht zu einer
völligen Entregelung der Austragung. Viel mehr findet
häufig eine Transformation des Regelsystems statt. Neben
dem unkontrollierbaren Merkmal des entbetteten, entregelten
Konfliktes gesellt sich auch hier ein potenziell
produktives Element: Der entbettete Konflikt kann zu der
Entwicklung neuer Normen beitragen:
Entbettung heißt also zuerst – aber meist nicht auf
Dauer – die Auflösung von sanktionsfähigen Normen,
vielfach dann aber die Etablierung neuer Normensysteme und
neuer Sanktionsapparate. (Eckert 2004: 14)
Schon Simmel stellte fest, dass Konflikte zu der
Erweiterung von Normen und Regeln führen können:
He [Simmel] implies that in the course of conflict new
rules are continuously created and old rules modified. By
bringing about new situations, which are partly or totally
undefined by rules and norms, conflict acts as a stimulus
for the establishment of new rules and norms.” (Coser
1956: 124)
These #8: Produktivität
Gesellschaften, welche Konflikte zulassen, steigern die
Produktivität des Konfliktes. Die letzte These baut
auf dem zuvor Beschriebenen auf. Sie versucht zu
fassen, wie Gesellschaften Konflikte produktiv handhaben
können. Viele Autoren vertreten die Meinung, dass
kanalisierte Konfliktaustragung zum Wohle der Gemeinschaft
beiträgt.
Elwerts Grundthese ist, dass es für den Frieden in einer
Gesellschaft umso besser ist, je mehr Konflikte zugelassen
und formalisiert werden. Obwohl die Quantität der Konflikte
ansteige, mindere sich doch ihre Intensität. (Eckert 2004:
22)
Stark eingebettete Konfliktaustragungen führen zu
geringerer Gewaltbereitschaft. Somit ist also nicht der
Konflikt als solcher das Problem,
sondern vielmehr, ob und wie Konfliktaustragung durch
sozial konstruierte Regelwerke kanalisiert werden kann,
oder ob Konflikt zunehmend entregelt und gewaltförmig
ausgetragen wird. (Zürchner 2004: 102)
Konflikte wirken vor allem dann destruktiv, wo sie nicht
eingebettet sind: „[C]onflict tends to be
dysfunctional for a social structure in which there is no
insufficient toleration and institutionalization of
conflict.“ (Coser 1956: 157) Durch Unterdrückung von
Konflikten setzen sich Gesellschaften stärker der Gefahr
des „katastrophalen Zusammenbruchs“ aus.
(Übersetzt von Coser 1956: 128) Eine gewaltarme
Gesellschaft braucht gewissen Spielraum für Konflikte:
Actually, developing and maintaining a nonviolent system
[m]ay well require providing sufficient room for legitimate
forms of conflict, just as keeping a bicycle upright
requires pushing the pedals. (Etzioni 1976: 680-681)
Was nützt Konfliktzulassung den Akteuren?
We conform to role expectations, but make effort to protect
our individuality. We create roles, but do so with a
realistic sensitivity to relevant social structures. We
resolve role conflicts, but are guided in that endeavor by
our perceptions of a socially workable resolution. (Zurcher
1983: 15)
Von dieser Feststellung ausgehend lässt sich die Frage
möglicherweise beantworten. Konflikt ist ein Mittel,
Verhalten auszuhandeln, welches dem Widerspruch zwischen
individuellen Zielen und Rollenerwartung gerecht wird.
Durch den Weg des Konfliktes hat das Individuum die
Möglichkeit trotz bestimmten Rollenerwartungen seine
individuellen Ziele zu verteidigen. Toleriert eine
Gesellschaft alltägliche Konflikte oder fördert die
Gemeinschaft sie gar, so hilft das den Individuen, ihren
Zielen nachzugehen. Vor allen die Ziele werden gefördert,
die der Rollenerwartung entgegen sprechen.
Zusammenfassung
In dem konflikttheoretischen Teil habe ich relevante
Begriffe erklärt, bin auf die Überlegungen eingegangen, ob
sich Gesellschaften durch Konflikte oder durch Harmonie
auszeichnen. Ich habe Aspekte der Debatte ob Konflikt
destruktiv oder produktiv sind erläutert. An dieser Stelle
werde ich zuvor Gesagtes zusammenfassend einschätzen, um
einen Ausblick zu liefern inwieweit das in diesem Kapitel
Dargestellte für den weiteren Verlauf der Arbeit relevant
ist.
Die Konflikt-Konsensus-Debatte fragt danach ob
sich Menschen und Gesellschaften primär durch Konflikte
oder durch Konsensus auszeichnen. Beide Positionen werden
in der Literatur bis in die Gegenwart vertreten. Diese
Debatte versucht auch zu klären, ob Konflikte auf der
menschlichen Natur basieren oder ob gesellschaftliche
Strukturen für immer wieder auftretende Konflikte
verantwortlich sind. Eine radikale Position (z. B.:
Der Mensch ist von Natur aus aggressiv) findet schnell
überzeugende Gegenpositionen. Menschen vereinen in sich
Bedürfnisse der Harmonie und des Konfliktes. Die
Gesellschaft ist sowohl von Konsensusbestrebungen als auch
von Konfliktmomenten durchdrungen. Diese Auseinandersetzung
ist von rein akademischem Interesse und verläuft sich in
ihrer Anwendung oder empirischen Bestätigung schnell im
Sand.
Die Frage danach, ob Konflikt primär destruktive oder
produktive Auswirkung hat, war zentrales Element dieses
Kapitels. Traditionell werden Konflikte als destruktive
Elemente außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung
bezeichnet. Viele Autoren wirken dem jedoch entgegen, indem
sie die produktiven Eigenschaften von Konflikten benennen.
Sie gehen dabei auf die stabilisierende Wirkung des
Konfliktes für die Gruppe ein und auch auf die Möglichkeit
des Einzelnen, durch Konfliktaustragung seine Interessen zu
verfolgen. Fazit vieler Akademiker, die derart
argumentieren ist, dass es umso besser für eine
Gesellschaft sei, je mehr Institutionalisierungen von
Konflikten gegeben sind. Folgen Konflikte bestimmten
kulturell normierten Bahnen, so wird ihre destruktive
Energie eingeschränkt und die produktiven Potenziale am
ehesten umgesetzt. Auch in dieser Debatte zeigt sich, dass
eine Festlegung darauf, ob Konflikte produktiv oder
destruktiv sind, in die Leere führen würde. Konflikte
können immer beides sein. Je nachdem wie sie ausgetragen
werden entwickeln sie ihre Wirkungen. Während diejenigen,
die Konflikte prinzipiell als destruktiv kategorisieren ihn
oft als eine Krankheit der Gesellschaft
darstellen, sehen andere Konflikte oft als eine Art
hilfreiches Übel. Konflikt wird zwar als produktiv
eingeschätzt, jedoch häufig im Hinblick darauf, Schlimmeres
(z. B. statische Herrschaftsstrukturen,
Gewaltausbrüche und Kriege) zu vermeiden. Ein Autor aus
diesem Lager nannte Konflikte eine Reaktion auf
Krankheiten. (Scherer 1975: 281)
Was ist an diesen Debatten interessant für die Untersuchung
des Filmes Siblings in Conflict? Der Film
stellt eine Vielzahl von alltäglichen Konflikten in
Dassanetch vor. Mittels der aufgestellten Thesen werde ich
nun einige der dieser Konfliktmomente analysieren. Ziel ist
es auch, die Thesen mittels der im Film gezeigten
Konfliktsituationen zu hinterfragen und an manchen Stellen
zu erweitern.
Der Film Siblings in
Conflict vor dem Hintergrund der
Konflikttheorie
Dieses Kapitel hat das Ziel, Konflikte und
Konfliktverhalten in dem Film Siblings in Conflict
vor dem zuvor beschriebenen konflikttheoretischen
Hintergrund zu analysieren. Ich beziehe mich dabei vor
allem auf das im Film Sichtbare, gebe jedoch auch an
manchen Stellen zusätzliche Informationen, welche dem
Filmrezipienten nicht zugänglich sind. Außerdem verweise
ich auf das Zusatzmaterial der DVD, wo ich Sequenzen
hinterlegt habe, die nicht im Film zu sehen sind, welche
aber die für vorliegende Untersuchung relevant sind. Die im
konflikttheoretischen Teil aufgestellten Thesen werde ich
nochmals erwähnen, sie entsprechend des Kontextes
umformulieren und sie dann mithilfe des filmischen
Materials diskutieren. Da sich der Film Siblings in
Conflict nicht für die Prüfung aller Thesen gleich gut
eignet, werde ich manche ausführlich und andere nur knapp
besprechen.
Siblings in Conflict und
die Normalität These
Die erste These lautete: Konflikte sind fester
Bestandteil menschlicher Interaktionen und keine abnormalen
Ereignisse. Für den Rahmen meiner Feldforschung möchte
ich die Behauptung so umformulieren: In meiner
Gastfamilie fanden regelmäßig Konflikte statt und galten
als normale Art des Umgangs.
In dem Kapitel über die Hintergründe dieses
Projektes habe ich beschrieben, dass ich ursprünglich ein
anderes Thema bearbeiten wollte. Dass ich über Konflikte in
Dassanetch schreibe und viele Filmaufnahmen derartige
Situationen zeigen hat sich vor Ort entwickelt. Ich empfand
das Auftreten von Konflikten in meiner Gastfamilie als
bezeichnendes Merkmal. Die Häufigkeit der
Konfliktaustragung war meines Erachtens auffallend groß.
Diesen Eindruck gewann ich zwar schon vor Ort, als Thematik
für das Projekt entwickelte es sich jedoch erst in der
Nachbearbeitung - bei der Sichtung des Filmmaterials.
Jeden Tag fanden in meiner Gastfamilie Konfliktaustragungen
statt: Jeden Morgen, während des Tages, bei jedem
abendlichen Melken und immer wenn es Nacht wurde. Worüber
gestritten wurde und mit welcher Intensität variierte von
Ereignis zu Ereignis. Konflikte waren aber fester
Bestandteil der Interaktion. Die in dem Film präsentierten
Auseinandersetzungen sind aus dem zur Verfügung stehenden
Filmmaterial stark selektiert. Ich habe sie ausgewählt,
weil ich sie für Konfliktaustragungen in Dassanetch
bezeichnend halte. Unzählige Konflikte aus den 18 Stunden
Filmmaterial habe ich nicht übernommen.
Mindestens zwei Sequenzen zeigen, dass die Konflikte
parallel neben anderen Formen der Interaktion stattfinden.
Zum einen ist das die Sequenz target-oriented conflict
over an object. Hier interessieren sich zwei nicht im
Bild zu erkennende Person (die Person, deren fordernde Hand
zu sehen ist, ist Yendite) für den Besitz zweier
Rasierklingen, die Kidoa und ihrer Tochter Noicho gehören.
Mehrmals werden die beiden direkt und indirekt aufgefordert
diese herauszugeben. Dies geschieht während Kidoa ihrer
kleinen Tochter Nakwa die Haare rasiert. Kidoa unterbricht
nicht die Handlung, die darauf aus ist, ihre Tochter zu
pflegen und frisieren. Yendite fordert während des
Konfliktes ein anderes Geschwisterteil dazu auf, nach den
Tieren im Haus zu schauen. Der stattfindende
Ressourcenkonflikt unterbricht nicht andere Aktionen und
Interaktionen. Am Ende der Sequenz habe ich gezielt den
Moment gelassen, der keinen Konflikt beinhaltet. Kidoa
weist ihre Tochter Noicho (die soeben erfolgreich den
Besitz einer Klinge gegen eine größere Schwester verteidigt
hat) darauf hin, dass sie durch ihr Zusehen demnächst
selbst Haare rasieren kann. Dadurch wird ebenfalls
deutlich, dass sich der Konflikt um die Rasierklingen neben
anderen Formen der Interaktion ereignet. Neben dem
Beschreiben eines zielgerichteten Ressourcenkonfliktes
erzählt diese Sequenz also über ein Konfliktereignis
welches stattfindet, ohne andere Interaktionen unmöglich zu
machen.
Die Sequenz interspecies conflict vermittelt dies
auf ähnliche Weise. Hier findet ein Konflikt über
Zugangsrechte zwischen Ziegen und Menschen statt. Kidoa
fertigt Perlen für ein Ausstellungsstück für das South Omo
Research Center an und unterbricht ihre Aktivität nicht,
obwohl sie sich am Konflikt (wenn auch nur indirekt)
beteiligt. Das Nebeneinhergehen von Konflikten und anderen
Formen der Interaktion wird jedoch vor allem durch die
Beobachtung mit der Kamera vermittelt. Abwechselnd
beobachtet sie Szenen des Konfliktes und Szenen der
Perlenherstellung. Die Aufnahmen sind (bis auf die der
kleinen Nakwa, die Perlen auf einem Stock aufreiht) in
dieser Reihenfolge gedreht wurden. Das abwechselnde
Interesse meinerseits als Kameramann für den Konflikt und
für das Perlenherstellen beruht auf dem Nebeneinhergehen
der Ereignisse und verweist auf ihre zeitliche
Parallelität. Beide Ereignisse schließen sich auch hier
nicht aus. Da die Sequenz stark verkürzt ist, habe ich die
ungeschnittene Version in Nummer sechs im Zusatzmaterial
angehangen. Dort ist die Parallelität der Ereignisse noch
deutlicher zu erkennen.
Die These, dass Konflikte integrierter Bestandteil
menschlicher Interaktionen und keine unnormalen Ereignisse
sind, wird durch meine Feldbeobachtungen und durch den Film
Siblings in Conflict somit für Dassanetch
bestätigt.
Siblings in
Conflict und die Muster These
Die zweite These lautete: Konfliktabläufe folgen
vorhersehbaren Mustern. Die von Scherer aufgestellten
Stufen sind auch in einigen Konflikten in Siblings in
Conflict wiederzuerkennen. Als Beispiel möchte ich
hier die Sequenz siblings of different ages
untersuchen. Die Stufe eins Vor der Konkurrenz
bezieht sich auf die Beziehung zwischen Yendite und Ankoi
vor Beginn des Spieles. In der Sequenz ist diese Stufe
nicht sichtbar, da die Aufnahme während des Spieles beginnt
und beide Parteien schon miteinander konkurrieren. Die
Stufe zwei beinhaltet das Erkennen der Konkurrenz. Beide
wollen den Spielsieg erreichen. Nur einer von beiden kann
dies schaffen womit Ankoi und Yendite unmittelbar bei
Spielbeginn in Konkurrenz zu einander geraten. Die dritte
Stufe, die Konfliktaustragung, beginnt als Ankoi
Yendite vorwirft die Spielregeln zu verletzen und beide um
das Privileg des nächsten Schrittes streiten. Die vierte
Stufe, die Krise, tritt ein als nicht mehr klar
ist ob das Spiel weiterhin ausgetragen wird, da beide ihre
Positionen verteidigen. Zwischen diesen beiden Stufen
schwankt dann der weitere Verlauf. Die Lösung ist
schließlich der Sieg Yendites.
Auch die anderen präsentierten Konflikte enthielten die
meisten der beschriebenen Stufen. Im Film selbst sind
jedoch meistens nur Stufe drei bis fünf zu sehen.
Siblings in Conflict und
die Strategie These
Die dritte These lautete: Konflikte stellen bewusste
Strategien von Akteuren dar. Diese Behauptung will vor
allem ausdrücken, dass Menschen nicht von ihrem Unbewussten
zu Konflikten gezwungen werden, dass sie nicht auf
Konflikte zurückfallen, sondern dass sie sich bewusst für
das Mittel entscheiden. Anhand von reinen Beobachtungen,
auch die, welche per Medium Film vermittelt werden, lässt
sich diese These nicht beweisen. Warum die Akteure
Konflikte austragen, ist im Film nicht eindeutig erkennbar.
Es besteht jedoch die Möglichkeit Hinweise wahrzunehmen,
welche die Entscheidung der Akteure beeinflussen.
Die Austragung des Konfliktes aufgrund einer strategischen
Entscheidung lässt sich in der Spielsequenz siblings of
different ages ersehen. Ankoi weist Yendite mehrmals
daraufhin, dass sie vorsätzlich falsch spiele. Yendite
wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Es kommt zu
Streitgesprächen und Schlägen. Ziel beider Parteien ist es
offensichtlich, das Spiel zu gewinnen. Diese Intention wird
von beiden verbal geäußert. Das Verwenden des Konfliktes
ist eine strategische Wahl um das Ziel zu erreichen. Es ist
eine Spielstrategie.
Die Sequenz interspecies conflict führt zu
ähnlichen Vermutungen: Ankoi vertreibt mit Schlägen die
Ziegen aus den Häusern. Er weiß, dass er dadurch die Ziegen
(zumindest für eine gewisse Zeit) effektvoll vertreibt. Das
Interesse der Ziege, nämlich das Privileg sich im Haus
aufhalten zu dürfen wird durch diese strategische
Entscheidung zunichte gemacht. In Sequenz Nummer Sieben des
Zusatzmaterials sehen wir Ankoi, wie er einen Hund aus
meinem Haus vertreibt. Danach steht der Hund vor dem Haus
und schwankt sichtbar zwischen einem erneuten Hineingehen
und dem aufgebenden Verlassen der Szenerie. (Er blickt
abwechselnd zum Haus und in Richtung Ankoi.) Nachdem Ankoi
verbal den Hund erneut warnt, zieht er sich zurück. Sein
Zurückziehen zeigt, das es seine Strategie ist, das Mittel
Konflikt nicht zu wählen. Ähnlich wie bei der
Sequenz, die ich zuvor beschrieb, ist es Ankois Strategie
den Konflikt als Mittel zu nutzen den Hund zu vertreiben.
Zudem gebe ich ihm eingangs den Auftrag diese Aktion
auszuführen.
Bei anderen Konflikten, etwa die während des Melkens ist
ein Zurückführen auf strategische Entscheidungen nicht
möglich. Dass sie nicht auf Strategien
zurückzuführen sind, also affektive Handlungen sind, jedoch
auch nicht. Diese These ist, wie eingangs erwähnt, durch
den Film oder durch Beobachtungen nicht konsequent zu
bekräftigen. Hierfür wären formelle und informelle
Gespräche nötig, die ich vor Ort zu diesem Zweck nicht
geführt habe.
Siblings in Conflict und
die Beziehung These
Die vierte These lautete: Je enger die Beziehung
zwischen zwei Menschen ist, desto wahrscheinlicher treten
Konflikte auf. Um sie auf den Film zu spezialisieren,
formuliere ich sie so: Familienmitglieder, die in enger
Beziehung zueinander stehen, geraten häufiger in Konflikte
als Familienmitglieder die distanziertere Beziehungen
haben.
Alltägliche Aufgaben in meiner Gastfamilie sind
entsprechend des Alters und Geschlechtes auf die Mitglieder
verteilt. Die meiste ist der älteste Sohn, Loichama,
gemeinsam mit der zweitältesten Tochter, Kolochon, nicht im
Gehöft der Familie. Sie sorgen für die Ziegen und
Rinderherden weiter im Süden des Landes. Yendite, die
älteste Tochter, übernimmt eine Vielzahl von Arbeiten in
der näheren Umgebung des Hauses. Die Söhne Karre und Willie
erfüllen die Aufgabe des Hütens der Ziegen, die zum Zwecke
der Milchgewinnung im Gehöft gehalten werden. Beide
verlassen morgens mit den Ziegen das Dorf, kehren zur
Mittagszeit zurück und verlassen das Gehöft wenig später
erneut, bis zum Abend. Somit ist Yendite die meiste Zeit
mit den jüngsten Geschwistern zusammen, während die älteren
lange außerhalb des Gehöftes sind. Die Geschwister
verbringen den Alltag in unterschiedlichen sozialen Räumen,
die nach Alter und Geschlecht aufgeteilt sind.
Die meisten Konflikte ereigneten sich zwischen denjenigen,
die häufig zusammen waren. Karre stritt sich besonders oft
mit Willie und vor allem während des Ziegenhütens. Ankoi,
Arba Nech und Noicho gerieten Tag für Tag in der Umgebung
des Hauses in Streitigkeiten. Wie bereits im theoretischen
Teil erwähnt, bietet häufiges Zusammensein oft Anlässe für
Konflikte. Die These beruft sich aber nicht primär auf
diese Feststellung. Vielmehr diskutiert sie die Behauptung,
dass Menschen sich eher auf Konflikte einlassen, wenn sie
eine enge Beziehung zueinander haben. Dies soll nun
diskutiert werden.
Als ich Ankoi zu einer einwöchigen Reise nach Jinka
mitnahm, vermisste er vor allem zwei Personen aus seinem
sozialen Raum: Seine Mutter und seinen jüngeren Bruder Arba
Nech. Zu Hause spielte und interagierte Ankoi am häufigsten
mit Arba Nech. Ging einer von beiden zum Fluss folgte der
andere fast immer. Konflikte auszutragen war ein fester
Bestandteil der Interaktion zwischen beiden. Die Szene
testing determination zeigt eine
Konfliktsituation, die nicht zwischen beliebigen Personen
ausgetragen werden kann. Ankoi und Arba Nech sind Brüder,
die alterstechnisch am nächsten zueinander stehen.
Ungewöhnlich wäre eine solche Konfliktaustragung zwischen
Parteien, die formal weniger Nähe zueinander haben als zum
Beispiel Arba Nech und Loichama. Loichama, als der deutlich
Ältere, würde Arba Nech keine gleichen Rechte während der
Konfliktgestaltung eingestehen. Er würde nicht darauf
warten, ob Arba Nech die Initiative übernimmt. Die
Beziehung zueinander beeinflusst die Austragung.
Hierarchien beeinflussen das Einsetzen von Mitteln in
Konflikten. Die Sequenz siblings of different ages
zeigt dies. Hier dominiert die Älteste (Yendite) den
Ablauf. Sie droht, schimpft und bestraft ihre kleineren
Geschwister. Die Gegenwehr fällt nur marginal aus –
durch Davonlaufen von Arba Nech und Jammern im Fall von
Ankoi. Große hierarchische Unterschiede vermindern die
Austragung von Konflikten, da der Ausgang von der Stellung
der Parteien vorgeschrieben wird. Wenn Nyabbanga seine
Söhne auffordert Dinge zu bringen, so verbietet es die
Stellung seiner Söhne diese Forderung zu verneinen, was zu
einem Konflikt führen könnte. Formale Distanz hemmt die
Entwicklung von Konflikten. Formale Nähe fördert im
Gegensatz dazu, wie wir gleich sehen werden, das Austragen
von Konflikten.
In Dassanetch geht formale Nähe meist einher mit engen
Beziehungen. Jungen, die derselben Altersklasse angehören,
verbringen die meiste Zeit ihres Alltages miteinander und
entwickeln ein relativ starkes Gruppenzugehörigkeitsgefühl.
(Siehe hierzu Almagor etc.) Formale Nähe führt auch
innerhalb meiner Gastfamilie zu engen Beziehungen. So
besteht zwischen Noicho und Ankoi eine Distanz, obwohl sie
etwa gleichen Alters sind, da ihre Mütter unterschiedliche
Personen sind. Formale Nähe und Distanz führen nicht
automatisch zu engen bzw. distanzierten
Beziehungen. Vielmehr entwickelt sich die Tiefe der
Beziehung durch alltägliche Interaktionen. Ein Beispiel
hierfür wäre die tägliche Essensverteilung. Kidoa kocht für
ihre zwei Töchter und Nakwa für ihre Kinder. In der Regel
wird Essen zwischen den Teilfamilien nicht ausgetauscht. Es
ist üblich, dass Noicho ihrer Schwester Nakwa tini Essen
abgibt und das die Kinder Nakwas untereinander teilen.
Schwieriger ist es, wenn ein Kind der einen Teilfamilie
Nahrung von der anderen möchte. Dann wird das Essen in der
Regel verteidigt. Noch stärker ist dies der Fall, sobald
ein Kind von außerhalb der Familie nach Nahrung fragt. Die
achte Sequenz des Zusatzmaterials zeigt eine derartige
Situation: Ankoi gibt freiwillig seine gekochte Hirse an
Arba Nech ab, verteidigt sie aber vehement gegen ein Kind
welches nicht der Familie angehört. Die enge Beziehung
zwischen Akteuren wird durch Teilen, distanzierte
Beziehungen durch gegenseitige Verweigerungen gestärkt.
Auf der einen Seite teilen Personen, die eine enge
Beziehung zueinander haben, Zugänge. Auf der anderen Seite
tragen sie häufig Konflikte untereinander aus. In
Dassanetch bestehen Wirtschaftseinheiten, die relativ
abgeschlossen sind. Ein Beispiel ist die Familie, die
eigenständig ihre Nahrung produziert oder individuell
einhandelt. Personen die nicht der Familie angehören oder
integriert wurden sind haben keinen alltäglichen Anspruch
auf das Erwirtschafte. Dieser Konsensus führt dazu dass
Einheiten wie die Familie im Alltag nicht zu Abgaben an
Fremde verpflichtet sind.
Verhältnismäßig tabuisiert ist auch das Fragen nach
Ressourcen zwischen kleineren benennbaren Einheiten, wie
die Teilfamilie. Das Fragen nach Essen, welches in Nakwas
Haus gekocht wurde, wird von den Kindern Kidoas nur unter
bestimmten Voraussetzungen akzeptiert. Ein Beispiel ist,
wenn Kidoa aus Gründen der Abwesenheit nicht für die Kinder
kochen konnte. Ähnlich verhält es sich mit
altersorientierten Einheiten. Die älteren Söhne essen
untereinander, ebenso ältere Töchter und die kleinen
Geschwister. Meist erhält jede dieser Einheiten eine eigene
Kalebasse mit Nahrung. Nur selten kommt es vor, dass eine
Einheit Rechte auf die Kalebasse der anderen hat. Ein
Fragen danach wird als nicht normiert angesehen und erfährt
meist Ablehnung.
Standbild Nr. 8: Die Teilfamilie als
Ressourcenbeschützende Einheit: Kidoa und ihre Töchter
verteidigen gemeinsam ihre Rasierklingen gegen Personen
außerhalb der Teilfamilie.
Die Kultur der Dassanetch beinhaltet somit die Vorkehrung,
dass es nicht regelmäßig zu Forderungen unter formal
distanzierten Mitgliedern kommt. Zielgerichtete Konflikte
werden zwischen Akteuren mit formal distanzierten
Positionen nicht gefördert sondern durch kulturelle
Vorstellungen tabuisiert. Mit der zuvor beschriebenen
Überlegung, dass durch alltägliche Interaktionen formale
Nähe in der Regel auch zu nichtformaler Nähe führt, lässt
sich dies nun übertragen: Personen die eine distanzierte
Beziehung zueinander haben können tendenziell weniger auf
kulturelle Normierungen von Konflikten zurückgreifen.
Konflikte zwischen solchen Akteuren finden daher
tendenziell seltener statt. Um diese Aussage dem Wortlaut
der anfänglichen These anzupassen: Personen die eine enge
Beziehung zueinander haben können in Dassanetch auf
kulturelle Normierung von Konflikten untereinander aufbauen
und tragen daher Konflikte häufig aus. Gemeinsame
Zugangsrechte führen ebenso wie normiertes Teilen immer
wieder zu auftretenden Konflikten die normierte
Rechtfertigungen finden.
Es trifft zu, dass Konflikte in engen Beziehungen
ausgetragen werden und dann meist eingebetteten Pfaden
folgen. Somit passt die Argumentationsrichtung, die
behauptet, dass Konflikte in engen Beziehungen häufig
ausgetragen werden, weil die Akteure keine ernste
Erschütterung befürchten. Die hier besprochene These
bestand im theoretischen Teil vor allem aus Argumenten, die
auf den individuellen Akteur zurückzuführen sind. Die
empfundene Nähe sei dafür verantwortlich ist, dass
Personen die sich nahe sind miteinander Konflikte
austragen. In diesem Kapitel schlug ich vor, dass
kulturelle Normen verantwortlich sind, dass
zueinander nahe stehende Akteure Konflikte häufiger
austragen als Personen mit distanzierten Beziehungen. Dies
soll den Inhalt der ursprünglichen Diskussion der These
nicht bestreiten, sondern ihn mittels ethnologischer
Perspektive erweitern.
Siblings in Conflict und die Entspannung These
Die fünfte These lautete: Konflikte führen zu einem
entspannten Gruppenverhältnis. Als Argument für diese
These wurden vor allem zwei Punkte vorgetragen. Erstens:
Konflikte sind Balancemechanismen innerhalb einer Gruppe.
Dies beinhaltet, dass Konflikte helfen, unterschiedliche
Interessen zu organisieren. Zweitens: Konfliktaustragungen
haben kathartische Wirkungen. Sie reinigen also innere
Empfindungen und Zustände der Akteure, sodass weniger
Konflikte durch Aufstauung eskalieren. Um die These nun an
dem Film zu prüfen, soll sie so umformuliert werden:
Das Austragen von Konflikten hilft, die
unterschiedlichen Interessen der Familienmitglieder zu
balancieren. Ausgetragene Konflikte verringern das Risiko
der Eskalation.
In der Sequenz target-oriented conflict over milk
kommt es häufig vor, dass sich Kinder über den Zugang zu
Milchrechten streiten. Ankoi und Noicho streiten in einer
Einstellung darüber, wem der Zugang zu dem Euter zusteht.
Damit diskutieren sie, welche Familie die Rechte an dieser
Ziege innehat. In der Tat wurde die Ziege Kidoas Familie
zugeschrieben, ist also Noicho zugeordnet. Schließlich gibt
Ankoi nach und will in Noichos Hand melken. Hier wird
deutlich, wie durch das Mittel Konflikt unterschiedliche
Interessen der Familienmitglieder wieder aus- bzw.
einbalanciert wurden.
Auch in der Sequenz siblings of different ages
findet eine Einbalancierung statt: Yendite interpretiert
die Spielregeln zu ihren Gunsten, woraufhin Ankoi ihr dies
vorwürft. Sie wehrt sich vehement mit verbalen Aussagen und
harmlosen Schlägen. Er weist sie sooft auf ihren Betrug
hin, bis Yendite ihm das Recht eingesteht, den nächsten
Schritt zu machen. Durch den Einsatz verschiedener
Konfliktmittel (Androhungen, Streitgespräche, Schläge) wird
auch hier ein Kompromiss zwischen den beiden sich
ausschließenden Zielen (beide wollen gewinnen) gefunden.
Das zweite Argument der These beruft sich auf den
kathartischen Effekt des Konfliktes. Das Austragen von
eingebetteten Konflikten mindert die Gefahr von
Eskalationen. Die Sequenz from conflict to fight
bestätigt die Behauptung, dass nicht ausgetragene Konflikte
Eskalationen auslösen können. Nachdem Willie von seiner
Mutter geschlagen wurde, läuft er weinend davon. Zwar
schmeißt er mit einem Stock nach ihr, jedoch aus sicherer
Distanz. Zudem verfehlt er um Weiten die Mutter, was bei
dem treffsicheren Willie zu der Annahme führen muss, dass
er sie nicht treffen wollte. Danach gehen beide einander
aus dem Weg. Erst nachdem die Mutter den Kraal verlassen
hat, kehrt er zurück. Dann setzt er sich ruhig hin und
hilft beim Melken. Dass er seine Frustration noch nicht
abgebaut hat, legt der darauf folgende Kampf mit seinem
jüngeren Bruder Ankoi nahe. Er zerschmeißt einen Ball um
Ankoi zu provozieren, woraufhin beide Gewalt gegeneinander
anwenden. Die These, unausgefochtene Konflikte führen zu
Aufstauung von aggressiven Impulsen, die dann
unkontrolliert ausbrechen, wird in dieser Sequenz
veranschaulicht. Wie in der Erläuterung der letzten These
deutlich wurde, werden Konflikte zwischen Akteuren
ausgetragen, die sich nahe stehen. Die wenigen Eskalationen
die sich während meines Aufenthaltes ereigneten fanden
zwischen Personen mit relativ distanzierter Beziehung
statt. Zwar sind Ankoi und Willie altersmäßig nicht viel
weiter entfernt voneinander als Ankoi und Arba Nech, jedoch
trennt die beiden eine soziale Stufe: Während Ankoi noch zu
Hause bleibt, die Frisur eines Kleinkindes trägt und noch
nicht regelmäßige Aufgaben übernimmt so ist Willie
tagtäglich für die Ziegen verantwortlich und trägt die
typische nigen (kleine Jungen) Frisur und ein Tuch
um die Hüften. Der einzige weitere beobachtete eskalierte
Konflikt fand zwischen einer jungen Mutter aus Aoga und
einer älteren Frau statt, die wenig im Alltag miteinander
interagierten. Bei distanzierten Beziehungen sind Konflikte
nicht so stark eingebettet und werden daher seltener
ausgetragen. Meine Beobachtungen zeigten, dass dann
Konflikte eher der Gefahr der Eskalation ausgesetzt sind.
Standbild Nr. 9: Die soziale Distanz der
beiden Brüder wird durch Kleidung und Frisur ausgedrückt.
Der umgekehrte Fall der These ist nicht mit
Einzelbeobachtungen allein zu bestätigen. Es ist nicht
möglich anhand einzelner Konfliktaustragungen zu sagen,
dass diese kathartische Wirkung hat. Jedoch konnte ich
während meiner gesamten Feldforschungsperiode feststellen,
dass Konflikte zwischen den Parteien, die regelmäßig
miteinander Konflikte ausgetragen haben erstaunlich selten
eskalierten. Die häufigen Konflikte zwischen den
Geschwistern verminderten daher vermutlich die Gefahr von
Gewaltausbrüchen in der Familie.
Zu dieser unbewussten gewaltreduzierenden Wirkung von
Konflikten möchte ich noch eine bewusste Auswirkung
erwähnen, die ebenfalls Gewaltausbrüche unwahrscheinlicher
macht. Das Konfliktverhalten von Noicho und Arba Nech in
der Sequenz approaching limits dient dabei als
Ausgangspunkt. Durch das Aneinanderschlagen der Köpfe kommt
Noicho an die Grenze ihrer physischen Belastbarkeit. Noicho
fordert Arba Nech dazu auf, sein Verhalten zu reduzieren.
Nach dem Schlagabtausch pegelt Noicho die Intensität der
Schläge ein, auf ein in ihren Augen erträgliches Maß. Wenig
später, nachdem sie Arba Nech zur Mäßigung aufforderte,
fängt sie selbst wieder mit dem Aneinanderschlagen der
Köpfe an, jedoch nur so lange bis Arba Nech erneut seine
Stirn zum Schlagen benutzt. Indem die beiden rau
miteinander und mit sich selbst umgehen, erfahren sie ihr
Verständnis von dem was in Konflikten akzeptabel ist. Sie
pegeln ihr Verhalten darauf ein, dass es nicht zu
Gewaltanwendung kommt. Die Theorie der Katharsis lässt die
Personen oft willenlos erscheinen. Durch die
Konfliktaustragung verringere sich der aggressive
Energieanteil in der Person. Die Sequenz approaching
limits legt jedoch, wie ich angedeutet habe, auch
nahe, dass den Akteuren durch Konfliktaustragung bewusst
wird, wo die Grenze des akzeptablen Konfliktverhaltens
liegt. Dieses Bewusstwerden führt dann zu einem Einhalten
der Grenze. Die Gefahr des Gewaltausbruches wird minimiert,
indem durch konfliktreiche Interaktion auf die Konsequenzen
von Gewalt hingewiesen wird. Die Gewalt erhält ein Gesicht,
das von Konflikten unterscheidbar wird.
Siblings in Conflict und die Lernen These
Für die These Das Verhalten in Konflikten wird
gelernt bietet der Film Siblings in Conflict
eine Vielzahl von Beispielen. Dass kleine Kinder durch
Beobachtungen Verhalten lernen, legt die Sequenz
siblings of different ages nahe. Hier sehen wir in
einer Nahaufnahme Nakwa tini, die mit großen Augen ihren
Geschwistern beim Streiten und Schlagen zusieht. Ihr
aufmerksamer Blick suggeriert, dass die Beobachtungen
Gedanken auslösen. Durch ihren Blick auf die
interagierenden Akteure aus ihrem engen sozialen Umfeld
wird veranschaulicht, was häufig in ethnologischen Werken
beschrieben wird: Das soziale Umfeld, in dem Kinder
aufwachsen liefert den Rahmen für Normen und
Wertevorstellungen welche sie in ihrer Entwicklung mit
bestimmten Modifikationen übernehmen.
Standbild Nr. 10: Die kleine Nakwa
beobachtet das Konfliktverhalten ihrer Geschwister.
Verhalten in Konflikten wird durch verbale Äußerungen und
durch Beobachten in Dassanetch von früh an gelernt. Die
Geschwister wachsen in einem sozialen Raum auf, wo
Konfliktaustragungen bis zu einem gewissen Alter nicht
gebremst werden. Als Nabario in der Sequenz a mother
and her youngest auf ihre Mutter zuläuft um sie mit
einem Stock zu schlagen stellt Nakwa nur fest, dass sie
gekommen ist, ihre Mutter zu schlagen. Unmittelbar danach
streichelt sie ihre Tochter und stillt sie. Nabarios
(Konflikt-) Verhalten wird belohnt. Der Theorie der
Reizgeneralisierung zufolge wird Nabario Ähnliches in
anderen Situationen ausüben. Sie lernt normiertes Verhalten
in Konflikten. In der Sequenz siblings of different
ages schlägt sie mit einem Ast Noicho, ohne auch hier
Gegenwehr zu erfahren. Das Rohmaterial beinhaltet noch
viele weitere Momente dieser Art, in welchen Nabario für
Schlagen im Speziellen und Konfliktverhalten im Allgemeinen
nicht bestraft sondern gelobt wird. Sequenz Nummer drei der
Zusatzsequenzen zeigt, wie sie einen toten Käfer mit einem
Stein zerschlägt. Daraufhin kommentiert ihre Mutter das
amüsiert. Jedoch soll hier nicht der Eindruck erweckt
werden, dass Nabario niemals Widerstand auf Konfrontation
spüren musste. In der Sequenz Nummer vier des
Zusatzmaterials ist Nakwa zu sehen, die mit einem Stöckchen
Nabario leicht auf den Kopf schlägt und Weiteres androht.
Momente wie diese haben jedoch der Lerntheorie zufolge
keine schwächende Wirkung in Bezug auf das Erlernen von
Konfliktausübung. Im Gegenteil: Dadurch, dass Verhalten
nicht regelmäßig belohnt wird, sondern auch hin und wieder
ohne Erfolg ausgeübt wird, ist das Erlernen von
Konfliktverhalten stärker. Die Behauptung, dass
unregelmäßig belohnte Konflikte zu einer Festigung dieses
Verhaltens führen, ist nach meinen Eindrücken sehr
hilfreich. Immer wieder beobachtete ich Kinder die Milch,
Wasser oder andere Nahrungsmittel forderten. In dem Film
sehen wir auch häufig derartige Momente. Oft konnten die
Forderungen aufgrund von Knappheit der Güter nicht erfüllt
werden. Dennoch oder vielmehr gerade deswegen waren Fragen
nach Ressourcen alltägliche Ereignisse die von allen
Kindern der Familie regelmäßig geäußert wurden.
Standbilder Nr. 11 & 12: Kleine
Kinder, wie Nabario, dürfen sich in Konflikten üben ohne
Gegenwehr zu sprüren.
Das Lernen von Konfliktverhalten findet auch auf ganz
offensichtliche Art und Weise statt. Sequenzen eins und
zwei im Zusatzmaterial zeigen dies: In der ersten Sequenz
hören wir Yendite direkte Anweisung über Konfliktverhalten
geben. Sie sagt „Wenn du etwas willst, weine nicht
danach! Durch Weinen erhältst du gar nichts.“ Diese
Aufforderung ist Arba Nech gewidmet, der in Ihren Augen
unpassendes Konfliktverhalten an den Tag legt. Die
Aufforderung ist Beispiel für offensichtliches Lehren von
Konfliktverhalten. Sequenz Nummer zwei zeigt Noicho wie sie
weinend und schreiend Karre hinterher rennt, um den
gull (Laufstock) zurückzuerhalten, mit dem sie
zuvor gespielt hat. Karre benützt den Stock jedoch
augenblicklich zum Eintreiben der Ziegen. Eine ältere Frau
(es ist Kidoas Mutter, also Noichos Großmutter) läuft in
das Bild und weist Noicho daraufhin, dass sie als Mädchen
nicht nach dem Stock verlangen soll. Hier wird zum einen
deutlich, dass geschlechtsspezifische Rollen das Verhalten
auch in Konflikten prägen. Zum anderen verdeutlicht diese
Sequenz wie Verhalten in Konflikten angelernt wird. Ein
Konflikt zwischen einer erwachsenen Frau und einem Mann, in
welchem die Frau dem Mann nachläuft um seinen Stock zu
haben, ist in Dassanetch nur schwer vorstellbar. Noicho
wird dies in der Sequenz versucht abzulernen. Ihr wird ihre
Rolle beigebracht, womit sich Noicho nur widerwillig
anfreundet.
Rollenerwartungen sind darauf aus, gesellschaftlich
akzeptiertes Verhalten dem Einzelnen anzugewöhnen. Dies
beinhaltet Verbote wie Möglichkeiten. Oft sind die Akteure
mit der Erfüllung von Rollenerwartung einverstanden und
entsprechen ihr. Hin und wieder führen sie jedoch auch zu
Konflikten. Der soziale Raum, in dem die Kinder in
Dassanetch groß werden bietet eine Reihe von Möglichkeiten
Konfliktverhalten zu erproben und zu erlernen. Das Gelernte
steht den Erwachsenen später zur Verfügung, um die
unterschiedlichen Interessen auszubalancieren. Da die
Kinder in einem Raum aufwachsen, wo sie von einer Vielzahl
von Personen umgeben sind, ist die Erziehung wie auch das
Erlernen von Konflikten, keine reine kernfamilieninterne
Angelegenheit. Es ist von gesellschaftlich akzeptierten
Normen beeinflusst. Diese Normen werden, wie im
konflikttheoretischen Teil dieser These erläutert wurde,
durch Interaktionen im Alltag modifiziert und erstellt.
Auch hierfür liefert der Film Siblings in Conflict
Beispiele. Die Sequenz argument zeigt, wie sich
Nakwa mit einem Mann über die Auslegung von Werten
unterhält. Beide interpretieren sie unterschiedlich und es
findet ein typischer Normenkonflikt statt. Aber auch in der
Sequenz interspecies conflict sind Kidoa und ihre
Tochter Noicho über das Auslegen von Richtlinien anderer
Meinung. Kidoa findet das Noicho alt ist und immer einen
Rock tragen soll. Ankoi ist offensichtlich auch dieser
Meinung. Noicho möchte dem jedoch nicht entsprechen und
wehrt sich dagegen.
Siblings in Conflict und die Richtlinien These
Der kulturelle Raum bietet Richtlinien zur
Konfliktaustragung. Diese These argumentiert
dahingehend, dass Konflikte in kulturelle Normen
eingebettet sind. Daher formuliere ich die These so um:
In Dassanetch sind Konflikte in kulturelle Normen
eingebettet.
Auf die Einbettung der Konfliktaustragung gibt es in dem
Film Siblings in Conflict eine Vielzahl von
Hinweisen. Einige davon sollen hier dargestellt werden.
In der Sequenz interspecies conflict treibt Ankoi
Ziegen aus den Häusern. Er benutzt dabei einen Stock
(totch). Das erste Mal geht er in das Haus, treibt
die Ziegen heraus und scheucht sie davon. Beim zweiten Mal
wird die Ziege von Arba Nech festgehalten und drei Jungen
schlagen sie mit Stöcken. Diese Aktivität lockt noch
weitere Kinder an. Kidoa, die im rechten Bildrand
angeschnitten zu sehen ist und das Ereignis aus einer
geringen Distanz beobachtet, ruft den Kindern zu:
„Hört auf, es ist genug!“ Für Kidoas
Verständnis überschreiten die Kinder die Norm. Sie fordert
sie auf, die Austragung zu beenden. Diese Aufforderung
verweist auf ein Verständnis von angemessener und
unangemessener Konfliktaustragung. Sie ist ein Zeichen für
die Einbettung der Konflikte in kulturelle Normen. Hier im
speziellen Fall wurde die Ziege aus Kidoas Sicht zur Genüge
bestraft. Weitere Maßnahmen entsprächen nicht der Norm. Der
Konflikt drohte eine Entbettung zu erleben.
Die argument Sequenz beschreibt, was in dem
theoretischen Teil benannt wurde. Normen sind nicht
statisch sind und nicht alle Mitglieder der Gesellschaft
besitzen dieselben Vorstellungen. Ein im Film nicht
identifizierter Gast fordert Nakwa dazu auf, ihr Kind und
das von Kidoa zu schlagen. Er stellt die Forderung, da die
Kinder nicht die Ziegen eingetrieben haben und dies nun
Nakwa selbst tun muss. Nakwa entgegnet darauf, dass die
beiden Kinder zu klein sind geschlagen zu werden. Der Gast
verneint die Antwort vehement. Nakwa sagte mir in einem
informellen Gespräch, das Mädchen ab dem Alter indem sie
Röcke tragen geschlagen werden könnten, und auch dann immer
nach bestimmten Regeln. Der Mann vertritt die Meinung, dass
man sich über solche Dinge keine Gedanken machen sollte. Er
ist der Auffassung, dass Normen über das Schlagen von
Kindern freier ausgelegt werden sollten.
Die Sequenz argument, blows & social consensus
zeigt wie Normen vermittelt werden und welche Wirkung sie
haben. Der Konflikt findet hauptsächlich zwischen Yendite
und Noicho statt. Yendite möchte in ihrer Konstruktion
eines Modellgehöftes nicht gestört werden und Noicho möchte
nach ihren Vorstellungen mitbauen. Yendite fordert Noicho
auf sich nicht an dem Bau zu beteiligen und schlägt sie zur
Untermauerung. Noicho lässt sich nicht davon abbringen. Die
Konfliktaustragung bleibt auf diesem Level. Links und
rechts neben Yendite sitzen zwei Personen: eine Mutter und
ihre Tochter. Beide bestärken Yendite darin, sich gegen
Noicho zur Wehr zu setzten. Die Mutter rät ihr sie zu
schlagen, falls sie sich einmische. Die Tochter weist die
Teilnehmer darauf hin, dass man mit Noicho immer so
umspringen müsse. Die beiden bestätigen dass Yendite sich
angemessen - normengerecht - verhält. Ihr Benehmen wird
nicht kritisiert. In dieser Sequenz taucht der Hinweis auf,
dass die Normen nicht von allen Mitgliedern einheitlich
verstanden werden. Die Frau, rechts vom Bild weist darauf
hin, dass die Mutter von Noicho darüber verärgert wäre,
wenn sie sähe, dass sie geschlagen wird. Mit diesem Hinweis
benennt sie einen beeinflussenden Faktor. Die Beziehungen
zu den Konfliktparteien verändern die Auslegung von Normen.
Was bei einigen als normal gilt, wird bei Austausch der
Parteien als normenverstoßend interpretiert.
Standbild Nr. 13: Yendite konfrontiert
Noicho, was von dem Mädchen links im Bild und der hier
nicht Sichtbaren Mutter des Mädchens unterstützt wird.
Eine der schwierigsten aber herausforderndsten Probleme ist
die Unterteilung in die Kategorien eingebetteter und
entbetteter Konflikt. Oben gezeigte Beispiele deuten darauf
hin, dass eine solche Unterscheidung immer personengebunden
stattfindet. Dies macht die Auswahl von Kriterien für eine
Einteilung von Konflikten schwierig. Ab wann entspricht ein
Konflikt nicht mehr den Normen? Diese Frage kann nur
beantwortet werden, wenn die Normen bezeichnet werden
können. Sie verändern sich jedoch, wie oben gezeigt wurde.
Eine Unterteilung in eingebettete und entbettete Konflikte
ist somit immer situations- und personenabhängig.
Allen Beteiligten der Sequenz from conflict to
fight war mit Sicherheit klar, dass sich der Kampf
zwischen Ankoi und Willie jenseits der Normen abspielte. Am
sinnvollsten ist die Einordnung als entbetteten Konfliktes
darauf zurückzuführen, wie die Beteiligten den Verlauf
einordnen. Ich will nun Hinweise auf die Einschätzung des
Konfliktes Person für Person herauskristallisieren.
Yendite gibt ihrem Vater lautstarke Erklärung über den
Verlauf des Konfliktes. Das ist ungewöhnlich. Alltägliche
Interaktionen werden dem Vater nicht prinzipiell berichtet.
Vielmehr wurden vor ihm Dinge bewusst nicht erwähnt. Der
Vater gilt als absolute Autoritätsfigur. Seine Autorität
wird nicht hinterfragt. Sie wird jedoch umgangen durch
Aktivitäten, die nicht vor seinen Augen stattfinden. Dieses
Umgehen wird von den Kindern der Familie kollektiv
unterstützt. Auch die Ehefrauen tauschen sich Informationen
mit ihren Kindern oder untereinander aus, die dem Vater aus
strategischen Gründen nicht mitgeteilt werden. Nyabbanga
ist sich bewusst, dass die Familie hin und wieder Dinge
verheimlicht. Yendite ruft während dem Konflikt in der
erwähnten Sequenz ihren Vater. Hierin sehe ich einen
Verweis darauf, dass es in ihren Augen kein besseres Mittel
gibt zur Lösung des Konfliktes gibt.
Es ist ungewöhnlich, dass Nyabbanga in einen Konflikt
zwischen seinen Söhnen eingreift. Normalerweise lässt er
seine Kinder damit allein. Häufig schmunzelte er mich an,
als wir zusammen seine streitenden Kinder beobachteten.
Seine klaren Äußerungen über die Entwicklung des
Konfliktes, seine Verwunderung über die heutigen Ereignisse
und das autoritäre Beenden sind direkte Ausdrücke seiner
Einschätzung des Konfliktes als unnormales Ereignis.
Standbild Nr. 14: Der Vater beendet den
Entbetteten Konflikt.
Ankois Tränen und Jammereien lassen sich ebenfalls direkt
auf diese Einschätzung zurückführen. Die meisten Konflikte
finden mit gemäßigtem Mienenspiel und emotionalen Ausdruck
statt. Es sind kontrollierte wenn auch deutliche
Ausdrucksformen. Tränenausbrüche sind Zeichen für intensive
Formen der Konfliktaustragung. Sie sind jedoch mit
zunehmendem Alter Ausdruck von Verlust über die Kontrolle
des Konfliktverlaufes. Kinder bis ins Alter von Noicho
weinten häufig. In einigen Sequenzen ist dies auch zu
sehen. Ankoi wurde jedoch bei jedem Weinen darauf
hingewiesen, das er sich beherrschen solle. Am Ende der
Sequenz wundert sich sein Vater auch über dieses Verhalten.
Sein Tränenausbruch zeigt, dass er den Konflikt als
eskaliert empfindet.
Wenige Minuten zuvor zeigte Willie die gleiche Reaktion bei
dem Konflikt zwischen ihm und seiner Mutter. Bei ihm ist
diese Reaktion ein noch deutlicheres Zeichen für die
Einschätzung des entbetteter Konfliktes.
Alle anderen im Film Siblings in Conflict
sichtbaren Konflikte können als eingebettet bezeichnet
werden, da die Mehrzahl der Teilnehmer keine Hinweise auf
eine entbettete Einschätzung geben. In der Sequenz
argument, blows & social consesus äußert sich
Noicho dahingehend, dass Yendite unrechte Mittel einsetzt.
Die restlichen Anwesenden verneinen jedoch eine derartige
Einschätzung. Da an vielen Stellen in den meisten Sequenzen
Hinweise für korrektes Verhalten gegeben werden, kann von
einer kulturellen Normierung von Konfliktverläufen
gesprochen werden.
Siblings in Conflict und die Produktivität These
Gesellschaften, welche Konflikte zulassen steigern die
Produktivität des Konfliktes. Hier soll die These
nicht im Allgemeinen betrachtet werden sondern für die
Gesellschaft der Dassanetch: Die kulturellen Normen in
Dassanetch fördern die Konfliktaustragung, wodurch
Konflikte produktiv gehandhabt werden. Da diese These
auf den zuvor gestellten aufbaut kann die Prüfung dieser
auch als Zusammenfassung des zuvor Gesagten verstanden
werden.
Die Einleitung in den Film, welche das Setting
darstellt, stellt den Lebensraum in wenigen Bildern vor. In
der Beschreibung des Dassanetchlandes habe ich bereits
darauf hingewiesen, dass der Raum von einer gewissen Härte
gekennzeichnet ist. Das Land ist trocken, es gibt wenig
Vegetation, es ist heiß und es wehen Tag für Tag aggressive
Staubteufel durch die Dörfer. Regen ist eine äußerst
unvorhersehbare Erscheinung. Demzufolge wächst auch nur
bedingt im Landesinneren Gras. Nahrung zu finden ist für
die Ziegen eine permanente Suche. Die Hunde im Dorf
verfolgen jede Äußerung der Bewohner und stürmen los sobald
sie vermuten gerufen worden zu sein – oft umsonst.
Dann stürzen meistens alle Hunde nach dem Objekt der
Begierde. Nicht selten kommt es zu Keifen oder anderen
Konfrontationen.
Auch die Menschen in Dassanetch wissen, dass Ressourcen
saisonabhängig knapp sind. Abhängig von der Jahreszeit
geben die Ziegen mal mehr und mal weniger Milch. Abhängig
von der Erntezeit sind die Speicher mit Getreide gefüllt
oder restlos entleert. Zugang zu Ressourcen führen
regelmäßig zu unterschiedlichen Interessen. Zielgerichtete
Konflikte sind zwangsläufig auf dem Tagesprogramm. In
gewissen Situationen und zwischen bestimmten Personen
finden diese Konflikte keine Ausdrückung sondern werden
durch kulturell bedingte Normen umgangen. Nahrungsvorräte,
die Kindern zugeteilt wurden, sind nicht für den Vater
zugänglich und umgekehrt. Ebenso besteht zum Beispiel eine
Grenze zwischen Gästen und Gastgebern. Im Umfeld, mit
welchem Akteure am häufigsten interagieren, bestehen solche
Grenzen jedoch auffallend selten. Kinder verbringen die
meiste Zeit des Tages mit Kindern und nicht mit ihren
Vätern. Männer verbringen den Alltag mit ihren
Altersgenossen. Konflikte innerhalb diesen Gruppen, in
denen die Mitglieder ähnliche Statuspositionen haben, sind
kulturell institutionalisiert. In Dassanetch werden
Konflikte zwischen den Personen welche die meiste Zeit des
Tages miteinander verbringen als normengerechte Art der
Interaktion verstanden. Dies betrifft auch alternbedingt
weit auseinander stehende Personen. Nakwa und ihre Kinder
gerieten zu unzähligen Anlässen aneinander. Fast bei jeder
Verteilung von Mahlzeiten ereigneten sich Konfliktmomente
zwischen ihnen.
Im Hinblick auf zuvor Gesagtes lassen sich nun die Vorteile
der institutionalisierten Konfliktaustragung umreißen. Das
Beobachten von Konfliktverhalten anderer Akteure führt in
frühesten Jahren zum Erlernen der Austragung von
Konflikten. Schon im Kleinstkindalter erproben sich
Geschwister diesbezüglich untereinander. Durch Reiz- und
Reaktionsgeneraliserungen entwickeln Kinder ein reiches
Repertoire an möglichem Konfliktverhalten. Der Film
Siblings in Conflict liefert Beispiele für dieses
Erlernen. Zudem zeigt er, dass der kulturelle Raum diese
Prozesse fördert.
Der Einzelne wie auch die Gemeinschaft erhalten von der
Konfliktoffenheit in Dassanetch Vorteile. Ankoi profitiert
davon, Yendite in der Sequenz siblings of different
ages zu dem Befolgen der Regeln zu bringen. Er erhält
dadurch höhere Chancen das Spiel zu gewinnen. Für Noicho
ist es vorteilhaft, dass sie ihre Mutter stört, die ihrer
jüngsten Tochter Milch gibt, weil sie dadurch selbst welche
bekommt. Die Familie als Ganzes profitiert vom Zulassen des
Konfliktes zwischen den Spezies: Indem Ankoi die Ziegen aus
den Häusern vertreibt, werden die Nahrungsvorräte der
Menschen geschützt. Durch Konflikten über die
Arbeitsverteilung, werden Rollen ausgehandelt und
gefestigt. Wiederum hat dies den Effekt, dass die
Wirtschaftseinheit der Familie möglichst selten
Zusammenbrüche oder Stöße erhält wie die in der
Schlusssequenz sichtbaren entbetteten Konflikt. Indem
Aufgabenverteilungen nicht statisch, sondern bis zu einem
bestimmten Grad variierbar sind, wird dem Einzelnen
ermöglicht, Unzufriedenheit abzubauen. Die Gefahr des
unterdrückten Konfliktes wird umgangen oder zumindest
reduziert.
Die bis hierhin genannten Erklärungen beschreiben vor allem
die positive Auswirkung der Institutionalisierung von
zielgerichteten Konflikten. Nun möchte ich meine
Aufmerksamkeit den Auswirkungen von selbstmotivierenden
Konflikten widmen. Sie sind in dem Film vor allem in dem
Kapitel self generating conflicts zu finden.
Welchen Vorteil bringt das minutenlange Abwarten und
Gegenüberstehen der beiden Akteure in der Sequenz
„testing determination“? Was bringt es Noicho
und Arba Nech wenn sie in der Sequenz approaching
limits ihre Köpfe aneinander schlagen? Ein Teil der
Antwort auf diese Frage liefert erneut das Konzept der
Reaktionsgeneralisierung.
Selbstmotivierende Konflikte, wie die beiden erwähnten,
kann man meines Erachtens am fruchtvollsten als eine Übung
ansehen. Die Akteure sammeln mit Konflikten, die nicht
darauf ausgerichtet sind, ein konkret fassbares,
materielles Ziel zu erreichen Erfahrungen. Sie lernen
langfristig, sich durch Konflikte zu schützen und zu
entwickeln. Die Ausdauer, die Ankoi und Arba Nech in der
Sequenz testing determination gezeigt haben,
pflegt sie auch. Das Erproben physischer Belastbarkeit in
dem Konflikt approaching limits zeigt Noicho und
Arba Nech ihre Grenzen aber auch ihre Möglichkeiten auf.
Durch Konflikte, deren Ziel der Konflikt selbst ist,
erweitern die Akteure ihr Spektrum an möglichen Mitteln.
Ein erweitertes Spektrum an Verhalten in Konflikten bietet
Aussicht auf erhöhtes Durchsetzten der individuellen
Interessen.
Auch die Gemeinschaft profitiert dadurch, da man von einer
Steigerung der Wettbewerbssubtilität sprechen kann.
Erweitertes Repertoire an Möglichkeiten in
Konfliktsituationen eines Mitgliedes führt zu einem Anreiz
der Erweiterung des Anderen. Der Konkurrent beflügelt
seinen Kontrahenten.
Die zuletzt genannten Erläuterungen schreiben dem
selbstmotivierenden Konflikt vor allem langfristige
Auswirkungen zu. Sie haben jedoch auch unmittelbare
Auswirkung, die man als positiv ansehen kann. Die Aussicht
auf Befriedigung von Spieltrieben und anderen Sehnsüchten
bringt Akteure dazu, in selbstmotivierenden Konflikt
miteinander zu treten. Ein weiterer Effekt ist, dass
Zustände wie Langeweile umgangen werden. Kinder empfinden
schlichtweg Freude an Aktivitäten und Proben.
Die These beinhaltet neben der Annahme, dass Konflikt
Nutzen bringt, auch noch den Aspekt, dass die
Institutionalisierung Vorteile bringt. Wie auch bei dem
zielgerichteten Konflikt ist der Nutzen der
Institutionalisierung des selbstmotivierenden Konfliktes
die Legethematisierung dessen. Die Sequenz testing
determination zeigt, wie die Mutter ganz in der Nähe
verweilt als sich ihre Söhne mit Stöcken gegenüberstehen,
bereit jede Sekunde auf einander einzuschlagen. Die Mutter
unterbindet diesen Konflikt nicht. Kindern werden nicht von
Konflikten (ob nun zielgerichtet oder nicht) abgehalten
– solange bis diese Schaden verursachen. Besteht
akute Gefahr von Verletzung so sind die Grenzen der Normen
erreicht und Akteure höherer Stellung unterbinden den
Konflikt. Der entbettete Konflikt wird beendet. Ein
Beispiel ist Nyabbanga der am Ende der Sequenz from
conflict to fight seine kämpfenden Söhne zum Aufhören
fordert.
Dadurch dass in Dassanetch Konflikte kulturell akzeptiert
sind, wird es den Vertretern legitim ermöglicht, ihre
Interessen durch Mittel dessen zu erreichen. Konflikte
werden regelmäßig unter Personen ausgetragen, die im Alltag
miteinander interagieren. Kinder werden daran gewöhnt und
erleben eingebettete Austragung als alltägliche
Interaktion. Dadurch wird ermöglicht, dass alle genannten
Vorteile wirksam werden können. Diese Vorteile laufen
darauf hinaus, dass die Lebensqualität der Akteure
gesteigert wird. Zum einen wird den Interessen nachgegangen
und zum anderen wird das destruktive Potenzial von
Konflikten minimiert. Durch allgemeine Akzeptanz von
eingebetteten Konflikten werden institutionalisierte
konfliktreiche Interaktionen als normal empfunden. Negative
Auswirkungen in Form von Beleidigung, Verletzung oder
Minderwertigkeitsgefühle finden durch die Normierung von
Konflikten wenig Nährboden. Durch die Gewöhnung an
Konflikte wird aber auch das Vorhandensein von Auslösern,
wie z. B. Nahrungsknappheit, in den Alltag integriert
und thematisiert. Gleiches gilt für die Auseinandersetzung
mit diesen Konfliktauslösern. Das Einbetten entspricht
somit den Eigenschaften des Alltags in dem Lebensraum.
Eine weitere positive Auswirkung der Einbettung scheint der
Effekt der Katharsis zu sein. Obwohl schwer zu überprüfen,
so liegt die Vermutung nah, dass das alltägliche Ausüben
von Konflikten das Streben nach Erfüllen von individuellen
Interessen befriedigt. Durch institutionalisiertes
Konfliktverhalten sehnen sich die Akteure vermutlich
weniger nach entbetteten Konfliktaustragungen. Das Ausüben
senkt somit die Häufigkeit entbetterer Konflikte, die
vermehrt destruktive Auswirkungen mit sich bringen.
Konfliktaustragungen werden gezähmt, was das
gemeinschaftliche Zusammenleben befriedet.
Zusammenfassung
In diesem Kapitel habe ich die acht Thesen, welche im
konflikttheoretischen Teil dargestellt wurden anhand des
Filmes Siblings in Conflict geprüft. Für die
meisten Thesen liefert der Film Bestätigungen und
Veranschaulichungen. Einige habe ich umformuliert und neue
Aspekte vorgeschlagen. Ziel war es anhand von Beobachtungen
(vor Ort und im Film) bestimmte Eigenschaften von
Konfliktverhalten in Dassanetch zu benennen und zu
erklären. Dies beinhaltete sowohl das Beschreiben von
normalen Abläufen von Konflikten und Verweise auf
kulturelle Normen diese beeinflussen als auch Erklärungen
über Auswirkungen der Normen auf Konflikte die Akteure und
die Gemeinschaft. Ausgehend von Verhaltensbeobachtungen in
meiner Gastfamilie, die teilweise durch den Film
Siblings in Conflict dokumentiert sind, habe ich
konkretes Verhalten erklärt und daraus dann kulturelle
Normen verdeutlicht.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Konflikte in
Dassanetch alltägliche Formen der Interaktion zwischen
Akteuren sind, die eine enge Beziehung zueinander haben. Je
distanzierter die Beziehungen zwischen zwei Akteuren sind,
desto weniger sind offene Konflikte institutionalisiert.
Bei weniger nahe stehenden Personen werden gegensätzliche
Interessen durch andere kulturelle Normen entschieden wie
z. B. Rolle und Status der Konfliktparteien und sich
daraus ergebende Hierarchien. Personen, die im Alltag
häufig miteinander agieren greifen oft auf das Mittel
Konflikt zurück was von den Mitgliedern der Gruppe
grundsätzlich toleriert wird. Von früh an werden Kinder an
das Austragen von Konflikten gewöhnt. Die Abläufe werden
mit zunehmendem Alter mehr und mehr formalisiert.
Konfliktaustragungen werden solange akzeptiert und
motiviert bis der Konflikt in den entbetteten Zustand
übergeht, er nicht mehr den Normen folgt. Dann schließen
sich Aktionen an, die darauf ausgerichtet sind, die
Entgleisung zu beenden oder im Zaum zu halten. Die
Einbettung von Konflikten in die Vorstellung vom
alltäglichen Umgang miteinander und die daraus
resultierende Häufigkeit von Konfliktaustragungen hat
produktive Auswirkungen auf die Gemeinschaft und den
Einzelnen. Interessen werden legitim geäußert und
vertreten. Durch eingebettete Konflikte können Akteure ihre
Rechte wahrnehmen und sie erweitern. In diesem Sinn ist die
Institutionalisierung von Konflikten in Dassanetch ein
Verweis auf demokratische Aspekte der
Gesellschaftsorganisation.
Schlussworte
Am Ende der einzelnen Kapitel habe ich bereits
Zusammenfassungen der inhaltlichen Darstellungen geliefert.
An dieser Stelle möchte ich daher nur die Nutzung zweier
Medien zusammenfassen. Mittels der Medien Film und Text
habe ich alltägliche Konfliktsituationen in Dassanetch
bebildert und beschrieben. Die Kombination der beiden
Medien ermöglichte die Vorteile des bewegten Bildes sowie
des geschriebenen Wortes auszunutzen. Die herausragende
Qualität des Filmes ist die Veranschaulichung von
Beobachtungen. Der Film Siblings in Conflict zeigt
eine Auswahl an Konfliktmomenten, wie ich sie vor Ort
beobachten konnte. Teilweise konnte ich auch bei der
Sichtung des Materials Aspekte finden, die sich vor Ort
meiner Wahrnehmung entzogen haben. Eine weitere Qualität
des Filmes ist es, dass die Filmarbeit im Allgemeinen
verständlicher für die Akteure des Filmes sind. Durch das
Sichten des Filmes Doors Wide Open erhielten die
Akteure ein genaues Verständnis von den Endprodukten meiner
Arbeit. Zudem verleiht der Film den Akteuren stärker die
Möglichkeit selbst zu Wort zu kommen, als dies im
geschriebenen Wort je der Fall sein wird.
Die herausragende Qualität des geschriebenen Textes ist die
Darstellung von analytischen nicht visuellen
Gedankengängen. In dem Text habe ich eine Auswahl von
konflikttheoretischen Überlegungen aus der Fachliteratur
benutzt um das im Film Sichtbare einzuordnen. Ein Resultat
dieser intermedialen Darstellung ist, dass die Bedeutung
der Bilder durch die textliche Darstellung herausgearbeitet
wird. Ein anderes Resultat ist, dass die textlichen
Erläuterungen durch den Film verständlicher werden. Die
Kombination der beiden Medien stellt eine Bereicherung für
beide Wege der Darstellung dar. Nicht nur die Endprodukte
bereichern sich gegenseitig, sondern auch in der
Entstehungsphase beeinflusste die Produktion des einen
Werkes die Entwicklung des anderen. Die Thematik des Filmes
entwickelte sich aus einer Selektion der Ereignisse.
Während der Feldforschung suchte ich Aktionen, die filmisch
attraktiv darstellbar sind. Dies waren vor allem visuell
ausdrucksstarke Handlungen. Primär verbale Interaktionen
interessierten mich weniger. Dies ist zum einen auf meine
mangelnde Fähigkeit der tiefgehenden Kommunikation
zurückzuführen. Vor allem ist dies aber durch die
Visualität des filmischen Bildes zu erklären. Der Inhalt
des Textes beruht auf der Thematik des Filmes. Das
Verfassen des theoretischen Teiles des Textes beeinflusste
jedoch fundamental die Form des Filmes. Das Studium der
Konflikttheorie schuf den Rahmen für beide Darstellung,
sowohl die schriftliche als auch die filmische.
Offensichtlich wird dies vor allem bei der Gliederung des
Filmes. Die Struktur des Filmes ist stark an der
theoretischen Darstellung angelehnt. Einordnungen in
zielgerichtete und selbstgenerierende Konflikte entstanden
parallel zu der Erstellung des Textes. Die acht
konflikttheoretischen Thesen wurden vor dem Hintergrund des
Filmmaterials ausgesucht. Die Sammlung der Thesen sowie die
Darstellung der verschiedenen Konzepte beeinflusste meine
Vorstellung von dem filmischen Endprodukt. Durch das
Studium der Konflikttheorie hielt ich es für notwendig
einige Sequenzen in den Film zu integrieren, die in
früheren Schnittfassungen nicht integriert waren. Andere
Aspekte fielen raus, da sie im theoretischen Rahmen eine
doppelte Veranschaulichung waren. Kurzum: der Film sähe
ohne den Text anders aus, als Endprodukt.
Meiner Meinung nach ist die Multimedialität also sowohl für
die Produktion förderlich als für bei der Rezeption. Der
Rezipient bekommt ein anschaulicheres und verständlicheres
Bild von der Thematik wenn sowohl Film als auch Text zu der
Vermittlung benutzt werden. Dies gilt aller
Wahrscheinlichkeit nicht nur für vorliegendes Projekt
sondern trifft für alle Thematiken und Richtungen zu. Der
Filmemacher und Schreiber profitiert von der Nutzung beider
Medien da er sich auf unterschiedlicher Weise der Sache
annimmt. Dieses erlangte differenzierte Verständnis ist
dann an den Rezipienten über die beiden Medien
vermittelbar. Man könnte das Spiel weiter fortsetzen, und
noch weitere Medien benutzen. Tonaufnahmen oder Malerei zum
Beispiel könnten weitere Aspekte der Thematik betonen. Ich
habe in diesem Projekt die Medien Film und Text ausgewählt,
da sich die beschriebenen Qualitäten dieser Medien
fruchtvoll ergänzen.
Literatur
Bernard, Thomas J
1983: The Consensus-Conflict Debate. Form and Content in
Social Theories.
New York: Columbia University Press
Bierschenk, Thomas
2004: Die Informalisierung und Privatisierung von
Konfliktregelung in der Beniner Justiz.
In: Eckert, Julia (Hg.): Anthropologie der Konflikte. Georg
Elwerts konfliktheoretsiche Thesen in der Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 186-216
Binns, David
1977: Beyond the sociology of conflict.
New York: St. Martin’s Press
Cancian, Francesca
1976: Norms and Behavior
In: Loubser, Jan J + Rainer C. Braun, Andrew Effrat, Victor
Meyer Lidz (Hg.): Explorations in General Theory in Social
Science. Essyays in Honor of Talcott Parsons.
New York: The free press
S. 354-366
Cooley, Charles H.
1956a: Social Organization.
Glencoe: The free press
1956b: Human Nature and the social order.
Glencoe: The free press
Coser, Lewis A.
1956: The Functions of Social Conflict.
New York: The Free Press
Dahrendorf, Ralf
1972: Konflikt und Freiheit. Auf dem Weg zur
Dienstklassengesellschaft.
München: Piper & Co.
Eckert, Julia
2004: Gewalt, Meidung und Verfahren. Zur Konflikttheorie
Georg Elwerts.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der
Konflikte.Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S.7-25
Elwert, Georg
2004: Anthropologische Perspektiven auf Konflikt.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der Konflikte.
Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 26-38
Elwert, Georg; Stephan Feuchtwang; Dieter Neubert
1999: The Dynamics of Collective Violence. An Introduction.
In Elwert, Georg;Stephan Feuchtwang; Dieter Neubert (Hg.):
Dynamics of Violence. Processes of Escalation and
De-Escalation in Violent Group Conflicts.
Berlin: Duncker & Humblot
S. 9-31
Etzioni, Amitai
1976: Collective Violence.
In: Merton, Robert K.; Robert Nisbet (Hg.): Contemporary
Social Problems.
New York: Harcourt Brace Jocanovich, Inc.
S. 677-724
Fisher, Ronald J.
1990: The Social Psychology of Intergroup and International
Conflict Resolution.
New York: Springer Verlag
Flap, Hendrik Derk
1988: Conflicit, loyality, and violence. The effect of
social networks on behaviour.
Frankfurt: Peter Lang
Foster, Mary Le Cron
1988: Conclusion. Expanding the Anthropology of Peace and
Conflict.
In: Rubenstein, Robert A.; Mary LeCron Foster (Hg.).
Introduction in The Social Dynamics of Peace and Conflict.
Culture in International Security.
London: Westview Press
S. 179-191
Gabbert, Wolfgang
2004: Was ist Gewalt? Anmerkungen zur Bestimmung eines
umstrittenen Begriffs.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der Konflikte.
Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 88-101
Giesen, Bernhard
1991: Konflikttheorie.
In: Reimann, Horst (Hg.): Basale Soziologie. Theoretische
Modelle.
Opladen: Westdeutscher Verlag
S. 208-220
Koehler, Jan
2004: Institutionalisierte Konfliktaustragung, Kohäsion und
Wandel. Theoriegeleiteter Praxischeck auf Gemeindeebene.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der Konflikte.
Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 273-297
Leslie, Gerald R.; Richard F. Larson; Benjamin L. Gorman
1973: Order and Change. Introductory Sociology
Oxford: University Press
Lorenz, Konrad
1963: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der
Aggression.
Wien: Dr. G. Borotha-Schoeler Verlag
Lundberg, George A.; Clarence C. Schrag; Otto N. Larsen;
William R. Catton Jr.
1968: Sociology.
New York: Harper & Row
Parsons, Talcott
1986: Aktor, Situation und normatives Muster. Ein Essay zur
Theorie sozialen Handelns.
Frankfurt: Suhrkamp
Rubenstein, Robert A.; Mary LeCron Foster
1988: Introduction in The Social Dynamics of Peace and
Conflict. Culture in International Security.
London: Westview Press
S. 1-14
Rubin, Jeffrey Z. (Hg.)
1994: Social conflict: escalation, stalemate, and
settlement.
New York: McGraw-Hill, Inc
Scherer, Klaus Rainer
1975: Human aggression and conflict.
Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall, Inc
Simmel, Georg
1958: Der Streit.
In: Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die
Formen der Vergesellschaftung.
Berlin: Duncker & Humblot
S. 186-255
Strecker, Ivo
1999: The Temptations of War and the Struggle for Peace
Among the Hamar of Southern Ethiopia.
In: Elwert, Georg; Stephan Feuchtwang; Dieter Neubert
(Hg.):
Dynamics of Violence. Processes of Escalation and
De-Escalation in Violent Group Conflicts.
Berlin: Duncker & Humblot
S. 227-259
Wrong, Dennis
1984: Hobbes, Darwinism, and the Problem of Order.
In: Powell, Walter W.; Richard Robbins (Hg.): Conflict and
Consensus. A Festschrift in Honor of Lewis A. Coser.
New York: The free press
S. 204-217
Zittelmann, Thomas
2004: Wege zur Konfliktethnologie. Eine Subjektive
Erinnerung.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der Konflikte.
Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 39-57
Zurcher, Louis A.
1983: Social roles. conformity conflict and creativity.
Beverly Hills: Christian Verlag
Zürchner, Christoph
2004: Einbettung und Entbettung. Empirische
Institutionenzentrierte Konfliktanalyse.
In: Eckert, Julia M. (Hg.): Anthropologie der Konflikte.
Georg Elwerts konflikttheoretischen Thesen in der
Diskussion.
Bielefeld: transcript Verlag
S. 102-120