Fachbereich : Gesellschaftswissenschaften und Philosophie
Fachgebiet: Völkerkunde
WS 1999/2000
Seminar: Über das Verstehen und Mißverstehen der Geister:
Vodou und die Rezeption eines fremden Weltbildes
Leitung: Bettina Schmidt
„Tieropferungen im Vodou“
Konrad Licht

aus: „Religion
und Angst“ von Karola Elwert- Kretschmer 1997
Frankfurt / New York
Inhalt
1. Einleitung
2. Métraux, Alfred: „Voo-doo in Haiti“
2.1. Métraux und Voo-doo in Haiti
2.2. Opferungsbeschreibungen
2.3. Rituale
2.4. Opferungen zu bestimmten Anlässen
2.5. Bedeutungen der Opferungen
3. Konflikt mit Gesetzen
4. Bandini, Pietro „Voodoo“
4.1. Bandini über Opferungen
4.2. Tierspezifische Schilderungen
4.3. Der Rest des Buches
5. Maya Deren „The Devine Horsemen“
6. Literaturangaben
1.
Einleitung
Vorerst möchte ich mich mit der
literarischen Wiedergabe von Tieropferungen innerhalb der
Voodooreligion auseinandersetzen. Dabei beziehe ich mich
voranging die beiden Bücher von Pietro Bandini und von
Alfred Métraux. Beide Autoren schildern die Thematik der
Tieropferungen detailliert. In anderen Arbeiten über die
Voodooreligion habe ich keine derartig ausführlichen
Beschreibungen der Tieropferrituale gefunden, womit ich
meine Auswahl auf diese beiden Bücher begründen möchte.
Zusätzlich beziehe ich noch Artikel aus er New York Times
mit ein, welche über die voodoobenachbarte Religion
Santeria und deren Umgang mit der Tieropferproblematik
berichten.
Anschließend an die Auseinandersetzung mit der
literarischen Darstellung möchte noch auf die filmische
Umsetzung der Tieropferungen am Beispiel von Maya Derens
Film „Divine Horsemen“ eingehen.
Aufgrund der Betroffenheit, die beschriebene Rituale in mir
auslösten, hielt ich es für angebracht, an einzelnen
Textstellen auch persönliche Meinungen und Ansichten
zumindestens zu benennen.
Anmerkungen:
1. Ich habe die Schreibweise Bandinis und Métraux’
„Voodoo“ übernommen.
2. Zitate werden rot gedruckt.
3. Arbeit bitte benoten.2. Métraux, Alfred
„Voo-doo in Haiti“
1994 Griftendorf
2.1.
Métraux und „Voo-doo in Haiti“
Alfred Métraux galt als Ethnologe der alten Schule. Er
besass für seine Zeit modernste fachliche Qualifikationen
und verwirklichte in seinen Reisen auch jenen
Abenteuergeist der Reisenden und Pioniere des 19.
Jahrhunderts. “Er
war auf alles neugierig und vernachlässigte nicht das
winzigste Detail..“ Im Gegensatz zu zahlreichen anderen
Ethnologen, die über den haitianischen Voodoo forschten,
schenkte Métraux auch dem Opferungsaspekt der Religion
detaillierte Aufmerksamkeit. Er berichtet über
Tieropferungen, welche er mit eigenen Augen beobachtet hat
und kennzeichnet auch Schilderungen von Voodoogläubigen
über Bedeutungen und Abläufe solcher Opferungen.
Métraux gliedert sein Buch in sieben Kapitel. Dabei
untersucht er jeweils geschichtliche, göttliche und soziale
Aspekte des Voodoo. Zusätzlich beschreibt er
Magievorstellungen und vergleicht schließlich die
Voodooreligion mit dem Christentum. Besonders detailliert
beschreibt Métraux den Ablauf von einzelnen Ritualen. Dabei
trennt er strikt zwischen eigenen Beobachtungen und
überlieferten Berichten. Neben zahlreichen Zeremonien, die
er miterlebt hat, bezieht er seine Dokumentation zum großen
Teil auf Informationen, die er von einer Voodoopriesterin
namens Lorgina erhalten hat. Zu dieser Frau hatte er eine
sehr innige Beziehung. Dadurch war er stark in die Materie
des Voodoo einbezogen, und in der Gemeinde anerkannt.
Michel Leiris beschrieb dies in der Einführung zu dem
Buch: “Bei seinem
Studium...ging es ihm weniger um theoretische Erörterungen
als vielmehr um die Möglichkeit, die Menschen
kennenzulernen, ihnen möglichst nahe zu kommen und sie
unmittelbar in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Sitten und
Bräuche zu erfassen. Einer der wesentlichen Vorzüge seiner
vielen Abhandlungen liegt...darin, daß sie aus einem
intimen, persönlichen Kontakt des Autors zur Materie, zu
den Menschen oder den Dingen, über die er schreibt,
entstanden sind.“
Métraux hielt sich dafür mehrere Male in Haiti auf. Sein
Hauptaufenthalt fand von 1944 bis 1950 statt.
2.2.
Opferungensbeschreibungen
Ich möchte mich darauf konzentrieren, wie Métraux
Tieropferungen innerhalb der Voodoogemeinschaft beschreibt
und darstellt. Vorerst muß gesagt werden, dass er sich
jeglicher direkten Wertung diesbezüglich entzieht. Er
schreibt nicht, das er über Beobachtetes entsetzt reagiert,
oder das er Aktionen als unmenschlich empfindet. Der
„intime, persönliche Kontakt zur Materie“ wie
Leiris schrieb, wird nicht direkt in Worte gefasst. Durch
eine spezielle Ausdrucksart und detaillierter Bildlichkeit
entsteht allerdings während des Lesens eine
scheinbare
Wertung. Diese projiziert der
Leser jedoch selber in den Text. Sicherlich spielt dabei
die Einstellung des jeweiligen Lesers zu der Problematik
eine Rolle. Mir zumindest erscheinen Textpassagen, wie
folgende, auch wenn es nicht direkt angesprochen wird,
durchaus wertend: „Einige Opferpriester drehen den
Körper des Vogels solange, bis der Kopf in ihren Händen
zurückbleibt. ..Häufig wird..die Zunge, manchmal auch die
Luftröhre..mit den Zähnen
herausgerissen“.
Bei solcher Bildlichkeit, wird vorhandene Brutalität
deutlich gemacht, ohne dabei vom ethnologischen Standpunkt
abzukommen. Als Leser jedoch muß man zwangsläufig darauf
mit Abscheu reagieren. Es fällt mir auch schwer zu glauben,
dass Menschen solche Qualen nur aufgrund ihres Glaubens
beiwohnen und tolerieren können. Von der Tat der
Vollstreckung ganz zu schweigen.
Métraux fühlte sich zum Voodoo hingezogen, wollte jedoch
weder Begeisterung einbringen und auch „..nicht die Attitüde jener..,die
nicht aufhören, mit einem Augenzwinkern von frommen Betrug
zu reden.“ Sein
benanntes Ziel war es, dass Buch aus Sicht des Ethnographen
zu schreiben, „das heißt mit Methode und
Behutsamkeit.“
Unter diesem Aspekt beleuchtet er auch die Problematik der
Tieropferungen. Er schildert sowohl verschiedene Beispiele
als auch soziale Gesichtspunkte. Es wird zum Beispiel
erwähnt, wie Schulkinder an die Thematik herangeführt
werden: Die Geschichte des haitianischen Voodoos wird ihnen
unter anderen am Aufstandes zur Unabhängigkeit Haitis und
zur Sklavenbefreiung in der Nacht des 14. Augustes 1791
gelehrt. Dieses wird als eindrucksvolles Schauspiel der
Aufständigen auf einer Waldlichtung berichtet: Bei einem
tobenden Unwetter zelebriert eine Priesterin den Mord an
einem schwarzen Schwein.“..erregt stößt die Priesterin das
Messer in die Gurgel des Tieres. Das Blut spritz heraus, es
wird dampfend aufgefangen und rundum an die Sklaven
verteilt: alle trinken davon und schwören Befehle des
Boukman (dem
Rebellenführer) auszuführen“
Auch heute noch findet das Blut des Schweines häufig bei
Pakten Verwendung. Dabei dient das Tier als Symbol der
Diskretion, “..denn da es selten den Blick zum
Himmel richtet ist es kaum neugierig.“
2.3.
Rituale
In dem Kapitel „Das Ritual“ beschreibt Métraux
zahlreiche Beispiele von Abläufen der Zeremonien mit samt
ihren Opferungsgaben. Dabei unterscheidet er auch welche
Tiere für welche Götter geopfert werden und beschreibt
detailliert, wie dies stattfindet. Einige Beispiele davon,
die wie auch die folgenden ausführlicheren Beschreibungen
aus Métraux Forschungsarbeit entstammen, will ich nun kurz
schildern.
Bei dem Fest für Oga tanzte eine Frau mit einem Ziegenbock im
Arm, bevor er geopfert wird. Für Marinette-bois-chèche
werden unter anderen Ziegen
und schwarze Mutterschweine geopfert. Außerdem werden
Hühner bei lebendigen Leibe gerupft und auch begraben. Die
bösartigen Dämonen der Mondouge-mussai-loa
müssen mit lebendigen Hunden
befriedigt werden, denen man die Ohren abbeißen und an
ihrem Blut saugen muß.
Derartige Riten werden sehr traditionell zelebriert. Die
Priester präsentieren spezielle Gegenstände wie das
Opfermesser und auch das Opfer selbst während der
Einleitung in alle vier Himmelsrichtungen. Auch die Abfolge
selbst verläuft nach einem klassischen Ritualschema. Dabei
ist es das Ziel, in dem Tier heilige Kräfte zu
konzentrieren, um sie dann durch die Tötung frei werden zu
lassen. Alles ist dabei dem Ritual unterworfen. Das Tier
muß dem Gott angenehm sein und seine Attribute
präsentieren. Wenn es möglich ist soll das Tier auch die
spezielle Farbe des Gottes haben.
Einleitend wird das Tier in Verwendung von parfümierten
Wasser gereinigt. Daraufhin wird es mit einem reinen Tuch
abgetrocknet und gelegentlich erneut parfümiert, ja sogar
gepudert. Werden Stiere geopfert, so umhüllt man sie in
Samt oder Seide. Dabei soll der Stoff die Farbe des Gottes
haben, an den sich die Opferung richtet. Auch die Hörner
werden umwickelt und es werden Kerzen auf dem Gehörn
angezündet. Dadurch wurde dem Voodoo häufig satanische
Bedeutung zugeschrieben und mit Hexerei in Verbindung
gebracht. Laut Métraux sollen die Kerzen jedoch nur die
halbgöttliche Natur des Tieres verstärken. Nun wird auf dem
Rücken des Tieres mit getrockneten Speisen Kreuze gemalt.
Um als Opfertier von dem jeweiligen Gott anerkannt zu
werden, muß das Tier nun eine heilige Speise und
Flüssigkeit zu sich nehmen. Opfert man ein Huhn, setzt man
es neben das Futter und wartet, bis es die Körner aufpickt.
Bei einem Stier reicht es allerdings für gewöhnlich seinen
Mund mit Kräutern zu kitzeln. Oftmals wird dem Tier die
Nahrung allerdings eingezwungen. Métraux bezog sich auf
Beschreibungen von Michel Leivis, als er schrieb, wie einem
Stier das Maul gewaltsam aufgerissen wurde und die Flasche
mit Rum in seinen Rachen geschoben wurde. Nach dem Mahl
wird das Tier zum Eigentum des Gottes. In dieser
Vergöttlichung wird der Priester und mehrere Zuschauer von
dem loa besessen. Diese Gegenwart der Götter drückt die
Bereitschaft des loas zur Entgegennahme des Tieres aus. Bei
Hühneropferungen packt der Priester das Tier an den Beinen
und malt mit ihm auf den Personen. Dabei schüttelt er das
Huhn. Wenn sich das Huhn dabei noch nicht die Extremitäten
bricht, so werden Flügel und Beine vor der Tötung
gebrochen. Die Beteiligten versuchen jetzt eine möglichst
intime Beziehung zu dem Tier aufzubauen. Dabei reiten sie
auf dem Tier und tanzen mit ihm. Ein Mann
„..setzt sich auf den
Hals des Stieres. Er packt ihn am Maul und saugt
lange.“ Andere
küssen den ganzen Körper und sogar die Kruppe und den
Anus. „Andere
Besessene nähern sich dem ..(zu opfernden Stier) und streicheln es verliebt.“
Durch diesen
„intimen“ Beziehungsaufbau kommt es zu einer
totalen Identifikation des Opfernden mit dem jeweiligen
Opfer.
Dies erscheint mir freilich eine merkwürdige These zu sein.
Wie ist es für die Voodooisten möglich sich vollkommen mit
einer Kreatur die sich qualvoll seinem Lebensende nähert zu
identifizieren? Wenn sie sich tatsächlich in die Lage eines
solchen Tieres versetzen täten, würden sie spüren oder
zumindest ahnen können, dass ihre Aktivitäten nichts als
Greuel und Qual für das Tier bedeuten. Das Tier beinhaltet
keine göttliche Energie und fühlt sich auch in keinster
Weise dazu berufen als Mahl für einen Gott zu dienen. Ich
hatte zwar bisher keine Gelegenheit einer Voodoozeremonie
beizuwohnen, jedoch kenne ich mich zumindest so weit mit
dem Verhalten und dem Empfinden von Tieren aus, dass ich
sagen kann, dass kein Tier auf der Welt religiöse oder gar
göttliche Botschaften oder Eigenschaften aufzubringen oder
zu erhalten vermag. Das Tier, um was sich in dem Augenblick
des Rituals alles dreht, kann nichts anderes als
grenzenlose Furcht verspüren. Ich muß gestehen, dass ich
grossen Mitleid mit diesen Geschöpfen habe. Und dieses
Mitleid wandelt sich in Wut gegenüber den Tätern um. Deren
Handeln kann ich in keinster Weise verstehen. Vielleicht
wäre es durchaus angebracht, wenn es tatsächlich zu einer
„totalen Identifikation“ mit dem Opfertier
käme. Wenn die Priester am eigen Leibe spüren müssten,
welche Qualen sie den Tieren antun. Und wer weiss es schon,
vielleicht ist es ja eines Tages wirklich soweit.
Vielleicht existiert dann eine Spezies, welche den starken
Drang der Menschen auf Vorherrschaft zu brechen vermag und
somit der Menschheit zeigt, wie sinnlos es ist danach zu
streben, über alles zu herrschen, als ob wir lauter kleine
Götter sind. Wahrscheinlich bedarf es auch dafür, damit
auch das Leiden der Tiere ein Ende hat erst einen solchen
Schritt. Andere Wege zeigten diesbezüglich keine
großartigen Veränderungen auf. Es wurden beispielsweise
Gesetze erlassen, die die Opferungen unterbinden sollten.
Darauf will ich jedoch später eingehen. Vorerst will ich
mich wieder auf die von Métraux beschriebenen
Opferungsschritte konzentrieren.
Die Tiere werden jetzt in alle Himmelsrichtungen gezeigt.
Stiere werden ebenfalls dazu gezwungen, indem man sie
herumreisst und auf den Boden wirft. Böcken werden, bevor
der Gnadenstoß sie befreit, der Bart und die Hoden
abgeschnitten. Die Priester saugen letztere sogar aus! Mit
einer Messerklinge werden den Tieren gelegentlich auch
Kreuze in das Fleisch geritzt. Schließlich täuscht der
Priester mit dem Messer drei Tötungsversuche an, bevor er
die Schlachtung vollendet.
2.4.
Opferungen zu bestimmten Anlässen
Initiierung von Gläubigen
Der Novize läßt
sich von dem Priester mit Nahrung vollschmieren. Daraufhin
hält der Priester ein Huhn an den Körper und läßt es die
Nahrung aufpicken. Danach drückt der Priester das Huhn
wieder ans ich, „..bricht ihm die Flügel und die
Beine, reißt die Zunge mit den Zähnen heraus und träufelt
drei Tropfen Blut auf den Kopf des Initiierten. Er dreht
dem Huhn den Hals um und tötet es.“
Heilung
Métraux konnte
auch Heilungsrituale beiwohnen. Der Priester
„fegte“ Hühner über den Körper des Patienten.
Dabei sollte das Huhn entweder Körner aufpicken, welche auf
dem Patienten lagen oder sie einfach wegfegen. Dies führt
freilich zur totalen Willenlosigkeit der Tiere. Die danach
in sich gekauerte Henne wird nach Beendigung des Rituals
bei lebendigen Leibe begraben. Dadurch wird die Gesundheit
des Patienten erkauft.
Weihnachten in
Port-au-Prince
Auch zu
Weihnachten, wie zu nahezu allen Gelegenheiten, indenen
sich an die Götter gewandt wird, opfern die Voodoopriester
Hühner. Das Tier wird wie gewohnt in alle Himmelsrichtung
gezeigt, bevor der Priester, welcher sich in Trance befand,
mit seinem Säbel den Kopf des Huhnes abschlug. Er
„..saugte das aus dem
zuckenden Körper sprudelnde Blut und schnitt das Tier in
mehrere Stücke..“ Von dem Huhn war schließlich nur noch
eine „..unförmige
Masse aus Federn, Knochen und Fleisch“
übrig. Gelegentlich werden die
Knochen von geopferten Hühnern für beispielsweise
Wahrsagezwecke aufbewahrt.
Selbst bei der Taufe einer Trommel, werden Tiere geopfert.
Meist handelt es sich dabei um weiße oder schwarze Böcke.
2.5.
Bedeutung der Opferungen
In seinem Vorwort erklärt Métraux, was Voodooanhänger von
ihrem Glauben erwarten: „Ihre Anhänger verlangen von
.. (ihrer
Religion) Heilung ihrer
Leiden, Befriedigung ihrer Bedürfnisse und die Hoffnung auf
ein Fortleben.“
Anscheinend glauben die Voodooanhänger, dass nur sie diese
„Hoffnung auf ein Fortleben“ haben. Nur so
lässt sich mir die Brutalität, welche die
Voodoozeremonieteilnehmer an Tieren ausüben, erklären. Sie
müssen andere Lebewesen als reine Objekte ansehen. Es
scheint mir unmöglich zu glauben, dass von ihnen Tiere als
Wesen mit Gefühlen oder einer Seele angesehen werden. Wie
sonst wäre es ihnen ohne schlechtes Gewissen möglich diese
Wesen aufzuziehen, zu füttern - nur um sie später möglichst
qualvoll hinzurichten? Tiere sind anscheinend nach ihren
Erkenntnissen und Glaubensrichtungen keine Lebewesen, die
diesen Drang nach Überleben haben. Ich nehme eher an, das
Voodooanhänger in ihren Opfertieren Dinge sehen, die erst an Sinn und Bedeutung
gewinnen, sobald der Augenblick ihrer Opferung naherückt.
Es wird häufig geschrieben, das im Voodoo viele Tiere als
heilig gelten. Moreau de Saint Mery identifiziert die
Voodoo Religion selbst sogar mit einer Schlange, ein
„allmächtiges
übernatürliches Wesen“. Voodoopriester handeln, nach Moreau,
stets im Namen der Schlange, ob sie einen neuen Anwärter in
ihre Gesellschaft aufnehmen oder nicht. Die dazugehörige
Veranstaltung findet im Geheimen statt. Eine Priesterin
steigt auf einen Käfig, in welchem sich eine Schlange
befindet. Dadurch wird sie zu einer Art von Pythia und
vermag heilige die Entscheidungen zu fällen. Danach steigt
die Priesterin wieder von dem Käfig, welcher nun auf den
Altar gestellt wird. Anschließend wird eine Ziege geopfert
und ihr Blut getrunken. Das soll die Lippen der Teilnehmer
versiegeln. Lieber sollten sie sterben oder gar töten, als
das das Geheimnis des Voodoos veröffentlicht wird.
Obwohl diese Darstellung aus der Zeit der Kolonialisierung
stammt, wird sie auch heute noch oft zitiert.
Mir stellt sich die Frage, wenn ich derartige
Beschreibungen von Zeremonien lese, inwieweit die
Beteiligten tatsächlich an das glauben, was sich vor ihren
Augen abspielt. Nehmen die Zuschauer es tatsächlich ernst,
dass die Priesterin auf dem Käfig die göttliche Schlange
darstellt? Ist ihnen tatsächlich nicht bewußt, dass in dem
Käfig nichts weiter als ein Reptil gefangen ist, welches
möglicherweise Todesängste ausstehen muss?
Vermutlich sind diese Fragen damit zu beantworten, dass
ihnen die Realität gleichgültig ist. Was für sie zählt, ist
ihr Glaube an ihre Göttlichkeiten. Und die Schlange oder
das Blut der Ziege sind hauptsächlich religiöse
Ausdrucksmöglichkeiten. Die Ziege wird getötet um ihre
Glaubensstärke zu verfestigen. In einem blutigen Schwur
steckt der Wunsch nach einer stabilen und geheimnisvollen
Religion. In der Tötung der Ziege und dem Trinken des
Blutes wird direkt ausgedrückt, was vielleicht in anderen
Opfergaben-Beispielen im Verborgenen bleibt. Nämlich das
die Opferungen, welche an die Götter gerichtet sind, in
Wirklichkeit gebrachte Opfer für den Fortbestand des
religiösen Glaubens darstellen. Die Götter wirken dadurch
realer, ja menschlicher, wenn man ihre Gunst erwerben muss.
Durch rituelles Abschlachten halten sich die
Voodoogläubigen die traditionellen Wünsche ihrer Loas vor
Augen. Die Vorstellungen über ihre Götter und ihren Glauben
versinnbildlichen sie lebhaft in zahllosen Zeremonien.
Diesem Wunsch nach Glaubensfestigung fallen die Tiere zum
Opfer. Die Tiere sind dank ihrer Symbolik reines Mittel zum
Zweck.
Dies wird unter anderem in einer Schilderung von
Descourtilz, einem Zeitgenossen von Saint-Méry, deutlich.
Er tötete eine Schlange, der alles mögliche zu essen
gereicht wurden ist, „...ohne dass dieses Sakrileg bei
den Verehrern des Reptils große Aufregung hervorgerufen
hätte.“
Frühe Aufzeichnungen schilderten bereits, dass Tiere
getötet wurden, um Feinden Angst einzujagen. 1792 schrieb
Malenfant in seinem Expeditionsbericht: „Als wir uns dem Lager näherten,
sahen wir...große Stange in der Erde stecken, auf deren
Spitzen verschiedene Vogelkadaver in unterschiedlicher
Weise gesteckt waren. Auf einigen befanden sich Reiher, auf
anderen weiße Hühner, auf wieder anderen schwarze Hühner.
Auf dem Weg lagen abgeschnittene Teile von Vögeln, die in
Abständen auf den Boden geworfen und von kunstvoll
arrangierten Steinen umgeben waren“.
3.
Konflikt mit Gesetzen
Ich erwähnte zuvor bereits den Versuch durch Gesetze die
Tieropferungen in den Religionen zu unterbinden. Am
Beispiel der Santeriareligion möchte ich nun, basierend auf
diversen Artikeln aus der New York Times darüber berichten.
Im Jahre 1987 fand ein Versuch statt, religiöse Tieropfer
gesetzlich zu verbieten. In Hialeah City, Florida, entwarf
die Stadt ein Gesetz, welches die Tieropferungen der
Santeria Anhänger unterbinden sollte. Vor allem Hühner,
Schweine, Schafe und Schildkröten werden bei Geburten,
Hochzeiten und Tod von den Anhängern geopfert. Außerdem
finden diese Opferungen zu Heilzwecken, Initiierungen und
alljährlichen Zelebrationen statt. Die Tiere werden durch
Kehlschnitte getötet und anschließend meistens gegessen.
Santeria ist eine Religion, die ebenfalls aus dem
afrikanischen Voodoo entstanden ist. Sie wurde von
westafrikanischen Sklaven nach Kuba überliefert, und wird
heute auch in Florida von über 70000 Menschen praktiziert.
Der Santeriapriester Ernesto Pichardo in Hialeah war, laut
New York Times, empört über das Verbot der Tieropfer. Als
Argument brachte er an, dass zum Beispiel Jäger Tiere nach
Belieben abschlachten dürfen, und lediglich der religiöse
Hintergrund in seiner Religion das Töten illegal werden
läßt. Dadurch fühlte er sich in seiner religiösen Freiheit
verletzt und wandte sich an den Supreme
Court:“What needs
to be resolved here ist the restoration of religious
freedom into the constitution.“ Dabei fand er unter anderen von der
Catholic leage for religious and civil rights
Unterstützung. Pichardo versuchte sich für die religiöse
Freiheit in der gesamten Welt einzusetzen. Dabei lenkte er
gezielt von dem Standpunkt der Tierschützer ab, denen er
gegenüberstand: „This is not a local issue any
longer, any more than it is just about Santeria or offering
animals. It has become about all religions.“
Sein Anwalt erklärte im
November 1992 vor dem Supreme Court: „This is a case about open
discrimination against a minority religion.“
Die Stadtverwaltung versuchte
ihr Gesetz wiederum damit zu verteidigen, das es hierbei um
Tieropferungen als gerichtliches Problem ohne Anbetracht
der Religion gehe. Tatsächlich jedoch wurden lediglich
religiöse Opferungen, nicht die Tötung selbst
illigalisiert. Aus diesem Grunde entschieden alle neun
Richter des Supreme Court am 11. Juni 1992, dass das Verbot
der Stadt Hialeah gegen die religiöse Freiheit verstoße.
Justice Kennedy erklärte dies unter anderem mit den
religiösen Traditionen, die respektiert werden
müssen: „The
sacrifice of animals as part of religion rituals has
ancient roots.“ Desweiteren wurde die Entscheidung wie
folgt begründet: „Although the practice of animal
sacrifice may seem abhorrent to some, religious beliefs
need not be acceptable. logical, consititent. or
comprehensible to others..“
Somit wurde die
religiöse Freiheit wieder stabilisiert und den Tieren das
gerichtlich legale Opferungspotential zugeschrieben.
4.
Pietro Bandini :
„Voodoo - Von Hexen, Zombies und schwarzer
Magie“
München 1999
4.1.
Bandini über Opferungen
Der Mythen und Kulturgeschichtsforscher Pietro Bandini
stellt in seinem Buch „Voodoo-Von Hexen, Zombies und
schwarzer Magie“ die Religion des Voodoo in seiner
gesamten Breite dar. Er umreißt ihre geheimnisvolle
Geschichte, die einzelnen Götter und beschreibt außerdem
die komplexen und traditionellen Riten der Religion und
seiner schwarzen und weißen Magie.
In seinem zehn Seiten umfassenden Kapitel
„Manjé-loas, die Speisung der Götter“
beschreibt Bandini Tieropferungen in der Voodooreligion.
Das besondere bei seinen Schilderungen ist, dass er dabei
seine Meinung zu der Problematik mit einbezieht. Er
versteckt sich nicht hinter der Wissenschaft, sondern legt
offenkundig die Unmenschlichkeit dieser Rituale dar. Dabei
findet jedoch kein Verriss der Religion statt. Er trennt
lediglich zwischen den Begründungen die ihm die Voodooisten
bezüglich den Opferungen gaben und seinen eigenen gewonnen
Eindrücken. Somit stellt er beispielsweise die Ansichten
der Voodooanhänger, bezüglich der Notwendigkeit der
Opfergaben, seiner eigenen Meinung dazu gegenüber. Die
Voodoogläubigen begründen die Opferungen damit, dass sie
für Speisen der loas verantwortlich sind. Dabei laben sich
die loas freilich nicht an den Tieren im physischen Sinne,
sondern viel mehr an der „Essenz“ der Opfer. An
ihr stärken sich die loas und sind dadurch fähig, die
Menschen mit kosmischer Energie zu versorgen.
„Wie in den Mythologien
vieler anderer Völker wird auch im Voodoo vorausgesetzt,
daß zwischen den Göttern und ihren Geschöpfen ein
energetischer Austausch stattfindet.“
Würden die Opferungen
abgebrochen, so brechen die loas im Gegenzug die
Energieversorgung zu den Menschen ab. Das würde zu
Krankheiten, Dürreperioden und allgemeinen Verfall
führen. „Nach
Überzeugung der Voodooisten liegt es also im
wohlverstandenen Eigeninteresse der Menschen, die loas
durch Opfer zufriedenzustellen.“ Bandini äußert sich allerdings später
dahingehend, dass seiner Meinung nach keine Notwendigkeit
für die Tieropferungen besteht: „Wie mir berichtet wurde, ist man
jedoch in dem einen oder anderen Humfò dazu übergegangen,
„echte“ Tieropfer durch symbolische Handlungen
zu ersetzen, und meiner Überzeugung nach könnte der
Voodooismus insgesamt diesen Schritt vollziehen, ohne
Einbußen an spiritueller Substanz befürchten zu
müssen.“ Außerdem
drückt Bandini auch sein Unverständnis gegenüber speziellen
Ritualen und deren Rechtfertigungen aus:
„Selbstverständlich
nennen die Voodooisten wiederum viele-aus ihrer
Sicht-einleuchtende Gründe, warum der Ziegenbock vor der
Opferung kastriert werden muß, und zur Rechtfertigung
anderer Scheußlichkeiten mehr.“
Nicht nur die
Rechtfertigungen, sondern auch die rituelle Brutalität der
Opferungen selbst kommentiert Bandini kritisch, und legt
deren Sinnlosigkeit an den Tag: „Auch wenn die Voodooisten beteuern, daß
jeder Schritt der Zeremonie aus symbolischen Gründen
unerläßlich sei, steht für mich außer Frage, dass zumindest
einige Bestandteile des Opferrituals für das Opfertier
äußerst qualvoll sind. Hierzu zählt vor allen der Brauch,
.. die Flügel und Beine des Huhns zu brechen. Schließlich
müsse man verhindern, heißt es, daß das Huhn.. die Flucht
ergreifen könne. Nun, zu einer solchen Flucht hätte die
bedauernswerte Kreatur gewiß auch dann keine Gelegenheit,
wenn man sogleich zu dem Schritt überginge, der ohnehin als
unmittelbar nächster vorgesehen ist: der Tötung des
Huhns.“
Jedoch
beschränkt sich Bandini nicht darauf, die Religion und
deren Praktizierung zu kritisieren. Er schildert vorrangig
deren Inhalte und detaillierten Abläufe. So kommen auch die
bestimmten Regeln der dargebrachten Speisen mit samt ihren
streng geregelten Einzelheiten zum Vorschein. Bandini
erklärt detailgetreu tierspezifische Opferungen.
4.2.
Tierspezifische Schilderungen
Einleitend wird das Huhn, wie bereits von Métraux
erläutert, angefaßt an seinen Flügeln, in alle vier
Himmelsrichtungen gezeigt. Anschließend geht der Priester
zu jedem Kultanhänger und führt das Huhn an seinen Füßen
haltend über die Köpfe der Teilnehmer. Daraufhin schwingt
der hungan das Tier in der Luft. Métraux schilderte diesen
Vorgang deutlicher, indem er ihn mit Bewegungen eines
Tambourmajors verglich. Das Huhn wird letztendlich laut
Bandini entweder erwürgt oder erstochen. Bestimmte Götter
bevorzugen eine spezielle Tötungsart.
Bandini versucht dem Leser zu verdeutlichen, welche
fremdartigen Eindrücke die Opferungen auf ihn
hinterließ: „So
oder so wird bei solchen Opferungen reichlich Blut
vergossen-erheblich mehr Blut, als ein durchschnittlicher
Europäer zu sehen (und zu riechen!) gewohnt
ist.“ Die
Opferungen von Ziegen und Stieren fallen meistens noch
blutiger und brutaler aus. Die Prinzipien sind allerdings
die selben. Bandini meint, dass sobald jemand einmal eine
Schlachtung eines Stiers durch einen Voodoopriester
beobachten durfte, fällt es demjenigen leicht zu verstehen,
warum man den Voodooanhängern oft nachsagt, dass sie auch
Menschenblut vergießen lassen. Beschreibungen wie folgende
versuchen diese These zu versinnbildlichen:
„Sofern es sich bei dem
Opfertier um eine Ziege oder gar einen Stier handelt,
werden so große Mengen Blut vergossen und aufgetragen, daß
sich die heilige Stätte in den Schauplatz eines Massakers
zu verwandeln scheint.“ Die Voodooisten selbst sagen jedoch, das
die Götter „Ziegen ohne Hörner“ nicht annehmen
würden. Den Petro-loa Marinette, grenzen sie dabei
allerdings aus, den für ihn wollen sie nicht bürgen.
Marinette ist in der Regel in tiefschwarzen Nächten mit
schwarzen Schweinen zu versorgen.
4.3. Der
Rest des Buches
Die Opferungsbeispiele beschränken sich natürlich nicht
ausschließlich auf das genannte Kapitel. Durch den gesamten
Buchverlauf finden sich vereinzelt diesbezüglich
Beschreibungen. Doch hierbei beschränkt sich Bandini auf
eine unkritische und schematische Darstellung. Die
Opferungen werden dabei nicht zum zentralen Thema gemacht,
sondern nur innerhalb des Kontextes erwähnt. So finden
beispielsweise die Opfergaben im Todesfalle eines
Voodoogläubigen Erwähnung. Hierbei wird im Totenhaus ein
Altar hergerichtet, worauf Speisen für den Toden gedeckt
sind. Eine Ziege wird hereingeführt und im Falle das die
Ziege die Speisen frißt, stellt dies die Zufriedenheit des
Toten dar. „Dieser Bund zwischen Lebenden und
Toten wird nun sogleich gefestigt, indem man die Ziege nach
vorgeschriebenen Ritus opfert.“ Weitere Beispiel für derartige Erwähnungen
sind die Opfergaben für den Wassergott Agwé, wobei die
auserwählten Schafe und Hühner an einer bestimmten Stelle
eines Gewässers über Bord geworfen werden, und rituelles
Töten zum Zwecke der Ansammlung spiritueller Energien.
Letzteres wird dadurch realisiert, das Teile eines
geopferten Huhnes mit Haaren und Nägeln eines Amtanwärters
in einem Topf vermischt werden. Dadurch soll es zu einer
Vermischung der individuellen Lebenskraft des Gläubigen und
der spirituellen Energie des Opfertieres kommen. Zusätzlich
liefert Bandini auch Rezepte deren Basis Tiertötungen sind,
wie das Rezept zur Erstellungen eines Amuletts
„Makandal“ welches als Talismann dem
Abwehrzauber dient:
„Man nehme
einen Krokodilzahn und tauche ihn in die sogenannte
„Wacheflasche“, die folgende Mixtur enthält:
drei Teelöffel Schießpulver
einige Tropfen Galle von Stier, Ziege oder Keiler
das Blut einer bei Vollmond getöteten Schildkröte
Fingerbreit Wasser aus dem Fischteich
einige Tropfen Rattenblut
20 Gramm mürbes Alligatorfleisch
einige Tropfen Jungfrauenblut“
Die wesentliche Aspekt der Opferungen sind freilich in
„Manjé-loas“ angesiedelt. Meiner Meinung nach
wertvoll sind dabei auch geäußerte Kritikpunkte. Als
Ethnologe sollte man gewiß objektiv an die beforschte
Ethnie herantreten. Jedoch schließt dies nicht aus, das man
sich dabei auch von ihr distanzieren darf und soll. Was
grausam ist, sollte meiner Meinung auch als grausam
dargestellt werden. Solange man dabei nicht beginnt, die
Ethnie zu verrufen, kann man eine Meinungsäußerung durchaus
anbringen. Bandini tut dies geschickt und seriös, nicht
zuletzt dank folgender Passage, die den Leser davor
bewahren soll, die Voodooreligion mit ihren Stereotypen zu
vereinheitlichen: „Die Tatsache, daß lebende Tiere
geopfert werden, kann auf den westlichen Teilnehmer einer
solchen Zeremonie befremdlich, ja sogar abstoßend wirken.
In der Geborgenheit eines europäischen Gelehrtenzimmer über
die vielschichtige symbolische Bedeutung solcher Opfer zu
schreiben ist eines; hautnah vor Ort zu erleben, wie das
herzwarme Blut aus der Kehle eines mit bunten Bändern
geschmückten Stieres springt, ist ein Erlebnis von ganz
anderer Qualität.“
5. Maya
Deren „The Devine Horsmen“
Ganz anders, als Bandini, behandelt der Film „The
Devine Horsmen“ von Maya Deren die Thematik der
Tieropfer. Der Film, vor allem durch seine Kommentare,
stellt sich auf die Seite der Voodoogläubligen und
rechtfertigt stets deren Rituale. Der Film sieht es als
seine Aufgabe, die Brutalität der Opfergaben zwar zu
benennen, aber gleichzeitig herabzuspielen. Am
offensichtlichsten wird dies in der Zusammenstellung der
Szenen deutlich.
Der Zuschauer wird gemächlich in die Problematik
eingeführt. Dies geschiet durch harmlos wirkende Sequenzen,
in denen Gläubige mit Hühnern in den Händen tanzen. Die
Wirkung der Harmlosigkeit eribt sich aus der Anwendung der
slow motion. Dadurch scheinen die Bewegungen weniger
schmerzvoller für die Tiere zu sein. Zusätzlich folgt die
Kamera den Bewegungen der Hände, sodaß das Herumwirberln
eine Art Geschmeidigkeit und Seichtheit erfährt. Wäre die
Aufnahme in realer Geschwindigkeit und mit befestigter
Kameraperspektive gedreht, so würden Bewegungen chaotischer
und gewaltsamer, gleichzeitig auch realer erscheinen.
Nun folgende Sequenzen zeigen eine deutlichere Brutalität.
Davon lenkt allerdings der Kommentator ab, indem er auf den
Zustand des Menschen, der das Huhn in den Händen hält
lenkt: „Possession is the psychic phenomena which
occurs when the diving becomes manifest.“ Zusätzlich
zu der akkustischen Ablenkung, findet noch eine visuelle
statt: das umherwirbelde Huhn wird durch match on movement,
einer speziellen Form der Paralellmontage, mit einem sich
ähnlichbewegenden Tänzer in Verbindung gesetzt. Am Ende der
Szene lenkt ein stark besessenner Tänzer von den
zuvorgesehenen Bildern ab.
Ähnliche Ablenkung findet auch wiederholt später statt. Bei
dem Fest für Agwe, tanzt eine Priesterin mit Hühnern in den
Händen. Dabei berichtet der Kommentator, das es sich
hierbei um die feierlichste Angelenheit des Voodoo handelt.
Bei dem Fest für Gede werden Tieropfernugen erstmals zum
Thema gemacht. Dies wird eingeleitet indem eine Ziege
gezeigt wird und die Stimme sagt „life and death
become one and the same“. Nachdem ausführlcih gezeigt
wurde, wie der Priester mit Mehl auf den Boden malt und
Wasser vergießt, wird erklärt -natürlich aus Sicht der
Voodoogläubigen, warum der Priester mit den Hühnern über
die Menschen malt, nämlich um alles Böse zu vertreiben. Als
schließlich gezeigt wird, wie dem Tier Beine, Flügel und
schließlich das Genick gebrochen wird rechtfertigt auch
dies der Erzähler: „The Attitude..is never morbid.
The intend and emphasise of sacrifice is not upon the death
of the animal. It is upon the transfusion of his life to
the loa.“ Während diese Opferungen gezeigt werden,
bleiben die Täter anonym. Die Gesichter werden konsequent
versucht aus dem Bild zu halten. Nach den Opferungen der
Hühner und des Ziegenbockes erwähnt der Film für eine lange
Zeitspanne die Opferungen nicht mehr, sondern betont die
künstlerische Bedeutung des Voodoo. Dadurch soll sich der
Rezipient wahrschleich von den Bildern erholen. Erst mit
dem Einbringen des Bullen, welcher schließlich an einen
Baum gedrückt wird und mit einem kleinen Messer (mit einer
solchen Waffe, dauert eine Tötung sicherlich wesentlich
länger als sie gezeigt) erstochen wird, konfrontiert er den
Zuschauer erneut mit der Problematik. Dabei wird die Tötung
stark verkürzt und auch die Narben des Bullen auf dessen
Fleisch finden keine weitere Bedeutung. Lediglich die Sicht
der Gläubigen bezüglich Notwendigkeit der Opferung wird
erwähnt: „The sacrifice of the bull is the ultimate
feed for the god.“
Wie ich erläutert habe nimmt der Film
keine kritische Stellung gegenüber den Opferungen ein. Er
spielt gezielt die Brutalität der Zeremonien herab. Dadurch
wird uns die Voodooreligion aus Augen der Gläubigen
dargestellt. Auch an anderen Stellen in dem Film wird dies
deutlich. So spricht der Kommentator von dem loa, wenn er
einen Gläubigen meint, der sich in Besessenheit befindet,
statt von einer gläubigen Person. Von daher stellt der Film
eine einseitige, wenn auch bildlich künstlerisch gestaltet,
Annäherung an die Voodooreligion dar und dient
hauptsächlich dem Verständnis über Derens persönliche
Haltung zum Voodookult.
6.
Literatur
Métraux, Alfred
„Voo-doo in Haiti“
Griftendorf, 1994
Bandin, Pietro
„Voodoo-Von Hexen, Zombies und schwarzer Magie“
München, 1999
Christoph / Oberländer
„Voodoo“
Köln, 1996
Diverse Artikel aus
New York Times
Nov. 1992-Juni 1993