WS 1999/2000
Übung: Ethnographische Forschung - Lektürekurs
Leitung: Mark Münzel
„Beispiele von Feldforschungen über die Maasai“
Konrad Licht
21.3.2000
Beispiele von
Feldforschungsmethoden
über die Maasai
Inhalt
Einleitung
1. Maasai über Maasai
1.1. Tepilit Ole
Saitoti
1.2. S.S. Ole Sankan
2. Lektüreforschung
2.1. Raphal Laube
2.2. Kunigunde Böhmer Bauer
3. Geschlechtsspezifische Forschung
3.1. Paul Spencer
3.2. Ulrike von Mitzlaff
4. Medial ausggerichtete Forschung
4.1. Doris Wagner Glenn
4.2. Melissa Llewlyn Davies
5. Unwissenschaftliche Forschung
Corinne Hoffmann
6. Ideale Feldforschung
Literatur
Einleitung
Die Maasaikultur
wurde schon lange vor der Kolonialisierung Afrikas
beschrieben. Durch Überlieferungen von Karavanenhändlern
erhielten sie schon frühzeitig das Image der
unberechenbaren und kriegerischen Wilden. Dieses Bild sitzt
noch bis heute in den Köpfen. Auseinandersetzungen auf
kriegerischer Ebene scheuten auch europäische
Kolonialisten. Es ist zum Teil dieses Image, was die
Attraktivität der Maasai gegenüber Touristen und auch
Ethnologen aufrechterhält. Viele Forscher begaben sich für
langjährige oder kürzer ausfallende Aufenthalte in den
Busch, um einen Teil „Wahrheit“ über diese
Maa-sprechende Ethnie herauszufinden. Einige Arbeiten waren
seriös und sinnvoll, andere weniger. Entscheidend dafür
waren hauptsächlich ihre Vorgehensweise. Unterschiedlichste
Methoden wurden bei den Feldforschungen angewandt. Neun
davon will ich nun davon untersuchen.
1. MAASAI ÜBER MAASAI
Beginnen
möchte ich mit einer Untersuchung von zwei Texten, welche
von Maasai über ihre eigene Kultur geschrieben wurde.
Voraussetzung für die Enstehung dieser beiden Werke ist das
Austreten aus ihrer traditionellen Kultur. Fast alle Maasai
sind Analphabeten und kennen kein anderes Leben als ihren
Nomadismus. Sowohl Sankan als auch Saitoti sind, von der
zivilisierten Welt beeinflußt, aus ihren Traditionen
ausgebrochen. Saitoti beschreibt diesen Vorgang mitsamt
seiner Vorgeschichte und seinen Auswirkungen, sodass der
Leser diesen Prozeß nachvollziehen kann.
1.1.
Tepilit Ole Saitoti „The Worlds of a Maasai
Warrior“
Los Angeles
1986
Als ein geborener Maasai verbindet Saitoti seine Heimat,
welche zwischen Kenia und Tansania liegt, mit der
westlichen Welt und liefert eine Autobiographie, in welcher
er die beiden unterschiedlichen Welten zu beschreiben
versucht. Dabei berichtet er über seine unzähligen Reisen -
ob von der Hochsteppe zum Tiefland oder von Ostafrika nach
Europa und Amerika. Er fungiert als Person zwischen zwei
Welten, mit all den Vorzügen und Nachteilen, die eine
solche Rolle in sich birgt. Das Schlüsselerlebnis, welches
ihm die westliche Welt verständlicher und eigener werden
ließ, stellt der Tag dar, als sein Vater Tepilit zur Schule
schickt. Von da an ist sein Interesse an Bildung geweckt,
und er erkennt seine Leidenschaft zum Schreiben. Schon
damit übernimmt Tepilit eine Außenseiterrolle innerhalb der
Maasai, denn als Maasai eine Schule zu besuchen heißt
zwangsläufig in eine fremde Welt einzutauchen, fernab von
dem traditionellen Nomadenleben.
In den ersten Kapiteln (nach dem Vorwort von John Galaty)
rekonstruiert Saitoti seine Kindheit und beschreibt dabei
häufig den Neid, den er gegenüber den gereiften
Maasaikriegern empfunden hat. Er erzählt viele persönliche
Erlebnisse, die auf die kulturellen und sozialen
Traditionen der Maasai schließen lassen. Desweiteren bringt
er dem Leser die Schwierigkeiten des Überlebens in der
Savanne nahe, so dass man deutlicher als in ethnologischen
Arbeiten ein Bild davon erhält, wie das alltägliche Leben
der Maasai tatsächlich aussieht. Später beschreibt er seine
Zeit als Krieger. Jedoch erlebt er diese Lebensphase nicht
wie die anderen Maasai, denn er beschließt gegen die
Entscheidung seines Vaters, sich für ein Leben außerhalb
Afrikas und besucht ein College in den U.S.A. und reist
nach Europa. Doch aus persönlichen Gründen zieht es ihn
immer wieder in seine Heimat zurück.
Sein Buch ist durchdrungen von emotionalen Empfindungen und
Erlebnissen, was ihm eine außergewöhnliche Lebendigkeit
einbringt. Jedoch ist die Sichtweise notwendigerweise
vollkommen subjektiv. Feste und Rituale werden durch die
Augen eines euphorischen und neidischen Kindes betrachtet.
Familiäre Strukturen werden aus seiner Sicht beschrieben
und kritisiert. Im Vordergrund stehen nicht die Ziele
seines Volkes, sondern persönliche Wünsche und Hoffnungen.
Dadurch dient das Buch hauptsächlich, wie der Titel
vorwegnimmt, als Annährungslektüre zu den Welten
eines
Maasaikriegers.
1.2.
S.S. Ole Sankan „Maasai“
Nairobi 1971
Der erste Versuch die Geschichte und die Bräuche der Maasai
von einem Maasai zu beschreiben stellt Sankans Lektüre dar.
In seinem Text steckt weniger Persönliches, wie bei
Saitoti, sondern Allgemeines über die Kultur der Maasai.
Als Nachkomme der Ilaikipiak war seine Intention das
Vergessene der Europäer anzubringen und die Einheit der
Maasai aufzuzeigen. Um dies zu verwirklichen reiste Sankan,
President of Narok African Court, intensiv durch das
Maasailand und unterhielt sich mit unzähligen Maasai.
Zusätzlich diskutierte er mit verschiedenen
Verwaltungsinstitutionen um seine Informationen zu
vervollständigen. Seine Veröffentlichung diente weiträumig
als Grundlage für die Lehrer an den Maasaischulen. Er
erzählt von den Klanbeziehungen, der Medizin, den Ritualen
und dem Aufbau eines Kalenders. Zusätzlich hält er
Sprichwörter und Rätsel der Maasai schriftlich fest, sodass
sein Text tatsächlich dazu dient, europäische
Feldforschungen zu ergänzen und erweitern.
2. LEKTÜREFORSCHUNGEN
Die folgeden Texte über die Maasai entstanden basierend auf
mangelhaften Feldforschungen. Aus Frau Böhmer-Bauers Arbeit
geht nicht hervor, ob sie überhaupt im Maasaigebiet
geforscht hat. Von daher umreiße ich diese Lektüre nur
schemenhaft.
Raphal Laubes 1986 veröffentlichter Text stellt das Werk
eines frisch gebackenen Ethnologen dar. Daher wird er wohl
keine finanzielle Unterstützung für größere
Forschungsprojekte erhalten haben. In beiden Texten mangelt
es an Beschreibungen von teilnehmender Beobachtungen.
2.1.
Raphal Laube
„Maasai-Identität und sozialer Wandel bei den
Maasai“
Basel 1986 aus
Social Strategies Vol.20
Raphal Laube studierte an der Universität in Basel
Ethnologie, Soziologie und Psychologie. Zwischen 1980 und
1984 hielt er sich im Rahmen seines Studiums drei mal in
Kenia und Tansania auf. Mit Hilfe eines
Nachwuchsstipendiums des Nationalfonds betrieb er von 86
bis 87 Feldforschungen. Dabei stütze er sich auf vorhandene
Bibliographien. Große Aufmerksamkeit des jungen
Wissenschaftlers galt angeblich dem direkten und
engagiertem Miterleben des damaligen Maasaialltags. Seine
Arbeit beschränkte sich auf den sozialen Wandel und dessen
Hintergründe. Deshalb bezog er das kenyatische Maasaigebiet
ein, da hier der äußerliche Einfluss größer ausfiel. Jedoch
verwendete er Hintergrundliteratur über beide Länder.
Ausschlaggebend für die Literaturauswahl war seine
persönliche Erfahrung während des im Dezember 1984
abgeschlossenen Studiums.
In seiner ausgiebigen historischen Einleitung, gibt er die
Bilder der frühen Reisenden und die Erzählung der
arabischen Karavanenführer wieder, obwohl er sie selbst als
übertrieben darstellt. Frühe Forscherarbeiten und deren
persönliche Grundeinstellungen werden ebenso analysiert,
wie die verzeichneten Territoriumsverträge zwischen den
Kolonialisten und den Maasai. Dies geschieht aufgrund
seiner Vermutungen, indem er sich in die Lage beider
Parteien zu versetzen versucht. So sieht er zum Beispiel
den Grund für das weitgehend geschlossene Territorium der
Maasai in ihrer beibehaltenen Identität. Diese versucht er
darzustellen mit Hilfe von Eigendefinitionen der Maasai.
Dabei muss er sich auf scherzhaft geführte Unterhaltungen
mit einem jungen Maasai berufen oder bezieht sich auf
vorhandene Literaturen, wie die von Galaty. Aufgrund
mangelnder Forschungsergebnisse beschreibt er das
Nachbarschafts- und Verwandschaftssystem der Maasai mit
Hilfe überlieferter Mythen und Sagen. Dabei aufkeimende
Zweifel an der Seriosität erklärt er wiederum mit einer
nächsten Mythe. Nur selten beschreibt er eigene
Beobachtungen, welche er dann aufgrund seiner Vermutungen
weiter versucht zu erläutern. Fast schon zwanghaft
erscheint der Versuch dem Buch wissenschaftlichen Charakter
zu verleihen, indem er immer wieder Definitionen anderer
Literatur über Begriffe über die Maasai, wie z.B. Klassen
oder Subklassen einbringt. Sein beschriebenes
Altersklassensystem bezieht sich auf das der Männer, und
räumt der Frau eine eindeutig niedere Rolle ein. Auch seine
Hauptfrage, die Abänderung der pastoralen Lebensweise,
zitiert er größtenteils nur aus Literaturen, so dass seine
Arbeit nicht über die Maasai berichtet, sondern über das,
was man über die Maasai lesen kann.
2.2.
Kunigunde Böhmer-Bauer „Nahrung, Weltbild und
Gesellschaft“
Ernährung und
Nahrungsregeln der Maasai als Spiegel der
gesellschaftlichen Ordnung
Saarbrücken 1990
Durch die (angebliche) Lücke in der Literatur über die
Ernährungsgewohnheiten der Maasai, sah sich Kunigunde
Böhmer-Bauer dazu verpflichtet diese Lektüre zu
veröffentlichen. Doch sollte man annehmen, dabei etwas
Neues zu lesen, so stellt sich das schnell als Irrtum
heraus, denn Frau Böhmer-Bauer basiert ihre Lektüre nahezu
ausschließlich auf vorhandene Literatur. Lediglich kurze
Auswertungen und Erläuterungen unterbrechen den
ethnographischen Abriss. Sowohl Theorien, Definitionen,
Fakten, als auch die Lösung der zwei Hauptfragen `Welchen
Stellenwert hat Milch, Fleisch und Blut` und `Welche
Vorschriften bezüglich der Ernährung existieren bei den
Maasai` entnimmt sie aus vorhandenen Literaturen.
Es ist anzunehmen, dass Frau Böhmer-Bauer selbst niemals
bei den Maasai gewesen ist, sondern sich aussschließlich
auf vorliegende Literaturen bezieht.
3.
GESCHLECHTSPEZIFISCHE FORSCHUNG
Kommt man als Forscher in eine patriarchalische
Gesellschaft, wie die der Maasai, so wird man von ihnen je
nach Geschlecht unterschiedlich betrachtet und respektiert.
Maasai Männer sind männlichen Forschern meist
aufgeschlosser und kommunikativer, als Frauen gegenüber.
Von daher ist es für männlicher Forscher relativ einfach
die Maasaigesellschaft aus der Sicht der beforschten Männer
zu verstehen und zu erklären. Paul Spencer untersucht
vorrangig die männlichen Aspekte dieser Gesellschaft.
Ulrike von Mitzlaff liefert im Gegensatz dazu als weibliche
Forscherin eine fundierte Arbeit über die weiblichen
Aspekte Parakuyogesellschaft. Sie erklärt ihre Aussagen
nicht wie die zuvor beschriebenen Arbeiten mit bereits
geschriebenen Worten, sondern kann sich fast ausschließlich
auf ihre eigenen Beobachtungen beziehen.
3.1.
Paul Spencer „The Maasai of the Matapato“
1988 Gloucester
Paul Spencer betrieb in der Zeit von Juli 1976 bis
September 1977 Feldforschung bei den Maasai. Dabei lebte er
mit seiner eigenen Familie in einem Zelt in der Nähe der
Ansiedlung. Spencer kannte die Ethnie der Maasai bereits
aufgrund seiner früheren Arbeiten über die Sambura. Doch
zum ersten Male fühlte er sich, als fasste er unter den
Maasai Fuß, zum großen Teil dank seiner beistehenden
Familie. Er wählte das Gebiet Meto an der keniatischen
Grenze zu Tansania als Ort seiner Feldforschung, da dieses
Gebiet von dem Tourismus unberührt geblieben ist. Er
sammelte zum Teil Erfahrungen aus erster Hand, indem er an
bestimmten Zeremonien teilnahm. Hauptsächlich jedoch
begnügte er sich jedoch mit dem, was er von seinen
Informanten erzählt bekam. Somit enthält das vorliegende
Buch zumindestens eine Fülle an Matapato Anekdoten, wobei
die Maasai ihren Blick über sich selbst erzählen. Dabei
versucht Spencer Geschichtenerzähler auch als solche zu
entlarven und sich vorwiegend auf realistische Berichte zu
konzentrieren. Während seines Aufenthaltes besuchte er auch
mehrere andere Stämme in Kenia, wie zum Beispiel die
Loitokitok und Purku.
Die längste
Phase seiner Arbeit wurde jedoch die des Schreibens. Dabei
diskutierte er viel mit seinen Kollegen und
Seminarteilnehmern. Auch die Menschen, denen sein Dank gilt
an ihrer Mithilfe an seinem Buch sind vorwiegend männlichen
Geschlechts.
3.2.
Ulrike von Mitzlaff „Maasai-Frauen“
München 1988
Da alle Literatur bezüglich der Maasai lediglich die
männlichen Aspekte der Kultur untersucht, hat sich Ulrike
von Mitzlaff den weiblichen Teil dieser Maa-sprechenden
Ethnie zum Gegenstand gemacht. Sie untersucht scharfsinnig
die Maasaifrauen und betrachtet die Ethnie aus deren
Blickwinkel. Dabei werden sowohl der Alltag als auch die
ausgiebigen Zeremonien detailliert beschrieben. Sie
kritisiert energisch all jene Literatur, welche die Frauen
als völlig von Männern abhängige Individuen darstellt.
Zwischen 1982 und 1985 betrieb sie bei den Parakuyo in
Tansania Feldforschungen. Darauf beruhend analysiert sie
die sozialen Beziehungen der Frauen untereinander und zu
den Männern. Dabei werden sowohl eheliche als auch
außereheliche Beziehungen beobachtet.
Desweiteren werden die
Möglichkeiten der Frauen sich den Kontrollen der Männer zu
entziehen erläutert, um den größeren Handlungsspielraum der
Frauen innerhalb der nach außen so aussichtslosen
Gesellschaft zu verdeutlichen. Jedoch will Frau von
Mitzlaff ihre gesammelten Erkenntnisse über die Parakuyo
nicht als Verallgemeinerung über die gesamten Maasai
verstehen.
In ihrer Arbeit beruht sie sich teilweise auf Literaturen
von Spencer (1965 + 1973) und Jacobs (1965 + 1970). Jedoch
ist auch ihnen, laut Mitzlaff, die Problematik der Frauen
nicht so zugänglich, wie ihr es geworden ist, da sie - wie
die Mehrheit der Maasaiforscher- männlich sind. Männliche
Forschungsergebnisse sind diesbezüglich doppelt gebrochen,
da sie zum einen größtenteils Männer als Informanten
bevorzugen, so dass selbst die Informationen über Frauen
meist nur von Männern stammen und zum zweiten die
afrikanischen Männer gegenüber Fremden kommunikativer sind
als Frauen, da sie meist einer anderen Sprache mächtig
sind.
Ulrike von Mitzlaff zieht Beobachtungen grundsätzlich
gegenüber Aussagen über Beobachtungen vor. Dies wirkt sich
positiv auf die Glaubwürdigkeit des Buches aus. Sie widmet
einen großen Teil ihrer Forschungsmethodik. Dabei erläutert
sie vorab die Bedingungen, die den erworbenen Fakten
zugrunde liegen. Auch im Verlauf des Buches erkennt man die
Seriosität ihrer Aussagen, indem sie genaue und
detaillierte Beschreibungen des Vorgefallenen wiedergibt
oder ihre Informationsquelle eindeutig festmacht.
Ulrike von Mitzlaff fordert, um gegen vorhandene Daten
bezüglich der Gesellschaftsstruktur bei den Maasai
argumentieren zu können, eine Defizitbeseitigung neuer
Fragestellungen. Als einen Anfang dessen möchte sie ihr
Werk verstanden haben.
Zu Beginn ihrer Forschung lebte Ulrike von Mitzlaff bereits
zwei Jahre in Tansania und kannte somit Land und Leute.
Dies stellte sich als unsagbar wertvolle Voraussetzung
heraus, denn sie wurde in höchsten Maße von den Bewohnern
geschätzt und respektiert. Außerdem sprach sie die
Landessprache Kisuaheli. Sie lebte dennoch in einer ihr
ungewohnten Männergesellschaft, in Dar-es-Salaam, in der
Frauen nahezu keine Berufsaussichten genießen können. Es
sei denn sie unterwerfen sich den sexuellen Nötigungen
ihres Arbeitgebers. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln reiste
sie zu einem, den Parakuyos naheliegenden, Dorf. Ständig
äußerten dabei Passanten ihre Spekulationen und stellten
neugierige Fragen, wo denn ihr Bwana sei. Die Abwesenheit
des Mannes wurde immer zuerst registriert, und sie musste
immer wieder die Antwort geben, dass ihr Vater und ihr
Ehemann mit ihrer Arbeit einverstanden sind.
Die Ansiedlung der Parakuyo lag mitten in der Steppe. Sie
genoss als Gast und als Weiße gewisse Privilegien, die
einer Frau normalerweise vorenthalten sind, bezüglich der
Sprache und Essensregeln. Durch Mangel an Verwandtschaft,
jeglichem Status und Kinder fand sie keinen Platz in der
Gesellschaft, in welcher die Spielregeln ihrer eigenen
Gesellschaft inhaltslos waren. Dies empfand sie als
„seltsam“. Alle Regeln der afrikanischen
Gesellschaft galten nicht für sie, bis auf die gröbsten
Regeln der Höflichkeit und des Anstandes. Innerhalb der
Gesellschaft fühlte sie sich unpassend. Als Frau hatte sie
es besonders schwer, da männliche Forscher einfacher
integriert werden, da meist akzeptiert wird, daß er seine
Arbeit macht. Wenn man als Frau forscht, sehen die
Beforschten in ihr vorerst nur eine Person, die die Rolle
der Frau verweigert. Wann immer sie mit Männern Gespräche
führte, verdeutlichten sie ihr ihren Sonderstatus. Auch von
den älteren Frauen erhielt Ulrike von Mitzlaff kein
Verständnis, da sie kinderlos war. Sie lehnte es jedoch ab,
Kinder in der Heimat vorzutäuschen, da sie eine offene und
gleichberechtigte Beziehung zwischen Forscherin und
Beforschten anstrebte. Junge Mütter machten sich über sie
lustig, dass sie keine Milch in den Brüsten hat. Nur die
jungen Mädchen waren ihr gegenüber unvoreingenommen. Es
irritierte sie enorm, dass sie in den Augen der Parakuyo
eine Art geschlechtsloses Wesen darstellte.
Die Motivation „Frauenforschung“ zu betreiben
entstand aus dieser persönlichen Betroffenheit und dem
Wunsch danach, sich selbst und die anderen zu verstehen.
Als Ethnologin bleibt Ulrike von Mitzlaff für die Parakuyo
unverstanden, da ihr Verhalten innerhalb der Gesellschaft
der Parakuyo und deren kulturellen Kontext interpretiert
wird. Ulrike von Mitzlaff entwickelte schließlich die
Absicht, zu der emotionalen und sozialen Realität der
anderen vorzustoßen. Die Parakuyo tun dies natürlich nicht.
Dies führte dazu, dass sie sich in der Steppe hilflos und
abhängig fühlte. Dennoch wurde sie durch ein Stück
gemeinsam gelebter Geschichte lebensfähig und für die
anderen zum Teil verständlich. Dadurch war es ihr möglich
die unterschiedlichen Rollen in dieser Gesellschaft zu
entdecken.
Die Feldforschung fand ohne finanzielle Unterstützung
statt, was ihr einen enormen Freiraum verschaffte. Ihre
Aufenthalte bei den Parakuyos fanden von Anfang 1982 bis
Mitte 1985 statt, wobei sie dreizehn mal (meist einen Monat
lang) Gast in einem Haus einer alten Frau war, die mit
ihren vier Söhnen in einem enkang lebte. Die Gruppe bestand
aus 34 Menschen. Davon waren 16 weiblichen Geschlechts.
Während ihrer Aufenthalten zerbrach die Gruppe durch Umzüge
und Hochzeiten. Tatsächlich waren aber immer viele Leute
vor Ort, da der enkang gastfreundlich war. Alleinsein galt
bei den Ilparakuyos als ausgesprochen unerfreulicher
Zustand. Ebenso empfand Ulrike von Mitzlaff. Täglich hatte
sie zu mehr als dreißig Menschen Kontakt, hauptsächlich bei
der sesshaften Ethnie Wazigua. Häufig besuchte sie für
kürzere Zeit benachbarte enkangs um dem
verwandtschaftlichen Aspekt zu berücksichtigen und um
Personen zu besuchen, denen sie vertraut war. Außerdem
bemühte sie sich, so viele Rituale wie möglich
mitzuerleben. Aus diesem Grunde besuchte sie auch
gelegentlich entfernte enkangs. Durch ihre Zugehörigkeit zu
ihrer Ansiedlung gewann sie zwar schnell Vertrautheit und
war sich einem intensiven Miterleben des Alltags sicher,
jedoch bestand darin auch die Gefahr der Einseitigkeit. Aus
diesem Grund bereiste sie mehrere Ansiedlungen mit
unterschiedlichen infrastrukturellen, ökologischen und
sozialen Merkmalen. So sammelte sie in den verschiedenen
enkangs unterschiedliche Daten. In einem entfernten enkang
erfuhr sie beispielsweise medizinische Bedingungen der
Parakuyos. Desweiteren besuchte sie Institutionen und
Plätze in naheliegenden Dörfern, wobei die Parakuyos mit
ihren Nachbarn, den Bantus, in Kontakt kamen. So nahm sie
am wöchentlichen Marktleben teil, besuchte
Krankenstationen, Kirchen, Maismühlen, Rinderauktionen,
Wasserstellen und vieles mehr. Daraus erkannte sie Bilder
über die Gesellschaft aus der Sicht von Nicht-Parakuyos.
Dabei sammelte sie die unterschiedlichsten Einschätzung
über die Ethnie. Befragungen mit dem Krankenhauspersonal,
Lehrern von zwei Dorfschulen strukturierte sie vor. Die
gewonnen Erkenntnisse diskutierte sie in Dar-es-Salaam mit
Verwandten der Ilparakuyos. Bei der Gelegenheit konnte sie
sich für die Gastfreundschaft revanchieren. Noch Jahre nach
der Feldforschung hält sie den Dialog mit den Parakuyos per
Brief und Tonband aufrecht.
Ihre periodischen Aufenthalte waren äußerst
arbeitsintensiv. Ihre Intervallsforschung begründet sie mit
den harten Bedingungen, wodurch sie an ihre physischen und
psychischen Grenzen geraten würde, wäre sie länger als
einen Monat geblieben. Außerdem kann sie so Überdruss
beider Parteien ausschließen und eine Gewöhnung an die
Ethnie konnte verhindert werden, so dass sie immer
aufmerksam ihre Umwelt beobachtete. Während ihrer Pausen,
bearbeitete sie ihre Erkenntnisse theoretisch und
emotional. Als Nachteile der Intervallsforschung erwiesen
sich verpasste Ereignisse und die Schwierigkeit der
Spracherlernung. Dies erforderte gelegentliche Ausweichung
auf das Kisuaheli.
Mit ihrer minimalen Ausrüstung gelang ihr eine unauffällige
Integration. Sie nahm an den täglichen Aktivitäten der
Frauen teil und war ständig die Lernende, bezüglich der
Sprache, dem Verhalten oder den allgemeinen Fertigkeiten.
Da sie weder Zelt, Haus noch Fortbewegungsmittel besaß, war
sie ständiger Teil an dem Leben der Parakuyos. Die
nächtlichen Gespräche stellten eine unerschöpfliche Quelle
von Informationen dar. Ulrike von Mitzlaff übernachtete in
einem Haus, in dem sich acht Menschen zwei Betten teilten.
Auch die Frauentreffen unter dem Schattenbaum boten
unzählige Informationen. An diesem Ort machten Frauen
Politik und konnten Einfluss auf das Leben ihrer Umgebung
nehmen. An ihnen nahm Ulrike von Mitzlaff aktiv teil.
Die Parakuyofrauen haben viele Möglichkeiten, das
Missfallen innerhalb der Frauengruppe anzusprechen. Sie
können bis zur Hochzeit frei über ihren Körper und ihre
Sexualität entscheiden. So betont Ulrike von Mitzlaff
ständig, dass es die Mädchen sind, die über ihre Liebhaber
entscheiden.
Während ihres Aufenthalts fanden ausschließlich weibliche
Zeremonien statt. Daraus zog sie wichtige Erkenntnisse, auf
die sie aufmerksam machen möchte. Das Leben der
Parakuyofrauen ist reich an Zeremonien, nicht wie häufig
behauptet feiern die Frauen nur an ihrem Hochzeitstag. Sie
beschreibt die Feste chronologisch bezüglich Lebensläufen
und gibt auch Kommentare zu bestimmten Festen, um
verwandtschaftliche Zusammenhänge verstehen zu können.
Ihre Feldforschung war keiner bestimmten Zielsetzung
unterlegen. Sie wollte das tägliche Leben erfahren und
interessierte sich, ob die Frauen tatsächlich so unsichtbar
und zweitrangig sind, wie sie immer wieder in Literaturen
beschrieben werden. Derart unpräzise Fragestellungen
bildeten eine offene Feldforschung, deren Wirklichkeit
nicht durch Methodik vorkonstruierbar ist. Offene
Feldforschungen ermöglichen menschliche Beziehungen
zwischen Forscherin und Beforschten und eine
Entwicklungsgeschichte dieser Beziehung. Ihrer Meinung nach
ist dies die Grundvoraussetzung für das wirkliche
Verstehen, und Daten werden erst dadurch sinnvoll und
vertretbar.
Ulrike von Mitzlaff wollte Widersprüche und Ambivalenzen in
der sonst so eindeutig beschriebenen Gesellschaft
aufspüren. Dabei möchte sie ihre Daten nicht in ein
theoretisches Konzept pressen. Ihre Methoden möchte sie
nicht als weiblich oder feministisch bezeichnen. Für
besonders wichtig hält sie das Sammeln, Darstellen und
Analysieren von Lebensläufen, um die Präsenz der Menschen
nicht zu verlieren. Personen stellen für sie keine
beweiskräftigen Akteure für ihre Ausführungen dar, sondern
werden innerhalb ihres sozialen und kulturellen
Zusammenhang vorgestellt. Ulrike von Mitzlaff sammelte
ausgiebig Lebensläufe von Frauen, um deren Situation und
den Wandel dieser Situation darzustellen. Als Alternative
dazu beschreibt sie das von ihr beobachtete Leben.
Zusätzlich legt sie besonderen Wert auf die Frauenrechte,
da sie vorher nicht erwähnt wurden. Auch die
geschlechtspezifische Arbeitsteilung wird näher erläutert.
Bessere Vorstellung über die Gegend erreicht sie durch
genaue Gebietsbeschreibung und Erläuterungen der
Nachbarbeziehung.
Im Mittelpunkt stehen jedoch immer die Frauen der
Ansiedlungen und deren Beziehungen untereinander und zu den
Männern. Sie beschreibt hauptsächlich das Beobachtete,
bietet aber auch Exkurse in die Vergangenheit, um die
Situation transparent werden zu lassen. Ulrike von Mitzlaff
trennt deutlich zwischen Beschreiben und Interpretieren.
Die Solidarität der Frauen beschreibt sie beispielsweise
durch das Zusammenhalten gegenüber den Männern.
Parakuyofrauen verraten niemals Liebesaffären den Männern,
da sie auch nicht verraten werden möchten.
Der Platz der Frau innerhalb der Gesellschaft beruht auf
der Position in der weiblichen Altershiearchie, der
persönlichen Verhaltensmuster und der Solidarität. Die
Trennung von männlichen und weiblichen Leben ist, laut
Ulrike von Mitzlaff, nicht gleichzusetzen mit der Trennung
von politischen und privaten Aspekten des Parakuyolebens.
Somit stellt die Trennung auch die Möglichkeit für rein
weibliche Bereiche innerhalb der Gesellschaft dar.
„Maasaifrauen“ stellt meiner Meinung nach die
glaubwürdigste und wissenschaftlichste mir zugängliche
Maasailiteratur dar. Sowohl ihre Forschungsmethodik als
auch Quellen ihrer Information legt sie offenkundig dar, so
dass das detailierte Beschriebene nachvollziehbar wird.
Ulrike von Mitzlaff hatte das, meiner Meinung nach,
außerordentliche Glück, eine von außen uneingeschränkte
Feldforschung betreiben zu können. Dabei konnte sie sich
vollständig der sich gestellten Frage hingeben. Ihre
Vorgehensmethoden erläutert sie präzise und überzeugend.
Durch ihre beispielhafte Vorgehensweise und intensive
Teilnahme an dem Leben der Parakuyos erhält das Buch enorme
Seriösität und Glaubwürdigkeit.
4. MEDIAL AUSGERICHTETE
FORSCHUNGEN
Die
Maasai tragen künstlerischen Körperschmuck, der ihren Stand
in der Gesellschaft und im Altersklassensystem
symbolisiert. Besonders zu den unzähligen Zeremonien
bemalen sich die Maasai. Die Rituale sind äußerst
traditionell, bedeutungsvoll und prägen zum großen Teil die
Kultur. Ich hatte 1995 das Glück eine Maasaizeremonie
miterleben zu dürfen. Ein solches Fest lässt sich nur
schwer mit Worten beschreiben. Daher bietet es sich an,
diese Kultur nicht auf dem Papier der westlichen Welt näher
zu bringen, sondern auch andere Medien zu verwenden, welche
die Impressionen eher auszudrücken vermögen.
Melissa Llewlyn Davies versucht das Fruchtbarkeitsritual
der Maasaifrauen in ihrem Film darzustellen. Dabei hat das
Medium Film weniger erklärende und interpretierende
Funktion, als vielmehr eine beschreibende.
Doris Wagner-Glenn hingegen forschte mit Maasaifrauen über
deren Gesang und veröffentlichte eine detailierte Analyse
der Lieder, welche die Kultur am deutlichsten ausdrückt.
Dabei kann der Leser sowohl sich mit der Kultur der Maasai
auseinandersetzen und sie verstehen lernen, als auch dank
der Kassette Eindrücke aus erster Hand sammeln.
4.1.
Doris Wagner - Glenn „Searching for a Baby’s
Calabash
A study of
Arusha Maasai Fertility Songs as Crystallized Expressions
of Central Cultural Values
Ludwigsburg 1992
Doris Wagner-Glenn untersuchte die im Norden Tansanias
angesiedelten Arusha Maasai unter besonderer Betrachtung
der weiblichen Zeremonien und Lieder. Über einen Zeitraum
von neun Jahren unternahm sie mehrmonatige Besuche zu den
Maasai. Ihr erster Kontakt mit Ostafrika stellte ihre
zweijährige Tätigkeit als Englischlehrerin in Nyeri, Kenia
dar. Während dieser Berufsausübung wurde in ihr das
Interesse bezüglich des Landes und der Leute geweckt, und
sie machte sich mit der Gegend vertraut. Außerdem lernte
sie die Landessprache Suaheli. Später lehrte sie in
Tansania, wo sie die Möglichkeit erhielt, mit den Arusha
Maasai in Kontakt zu treten. Die Maasaifrauen gaben ihr
eine Vorstellung, was es bedeutet, eine Arusha- Ehefrau,
Mutter und Großmutter zu sein. Durch Unterhaltungen und
Beobachtungen verstand und notierte sie die Chronologie
einer Arushafrau von der Geburt bis zum Tode. Mit ihrem
Buch will Doris Wagner-Glenn die Arusha dazu anregen
anzufangen, ihre eigene Kultur und Geschichte detailierter
zu untersuchen. Sie bemerkte, dass die afrikanische
Bevölkerung aufgrund von fremden fehlerhaften
Veröffentlichungen über ihre Kultur, beginnen ihre Kultur
besser zu verstehen und zu erklären.
Während ihrer ersten Feldforschung von August 1983 bis
August 1984 sammelte Doris Wagner-Glenn hauptsächlich
Aufnahmen von Liedern der Maasai auf Tonbändern und
Videomaterial. Dabei hielt sie sich mit zwei
Kassettenrecordern, einem Fernseher, einer Videokamera,
einem Videorecorder und diversen Fotokameras in der
Ansiedlung auf. Sie sammelte mehr als 170 Lieder, die sie
auf Festen, in den Hütten der Arusha oder bei sich zu Hause
in Chuo cha Wabatisti aufnahm. Zusätzlich filmte sie mehr
als 24 Stunden festliche Tänze und Gesänge. Sie wurde zu
vielen Festen eingeladen und erhielt von den Maasai die
Erlaubnis, zu filmen, was ihr Herz begehrte.
Bei ihrer zweiten Feldforschung von Juli bis Oktober 1989
führte sie vorranging Interviews mit erwachsenen Frauen und
Männern durch, um ihre gesammelten Musikstücke tiefgründig
zu verstehen. Dabei zog sie oftmals ihren Freund Mr.
Mollel, ebenfalls ein Arusha, zu Übersetzungen und
Interpretationsvorschlägen zu den Liedern zu Rate. Sie
diskutierte mit den Maasai über die Auswahl von Liedern und
fragte sie nach ihren Meinungen bezüglich der Qualität des
Gesangs und der Aufführung der einzelnen Aufnahmen. Nach
diesen Gespächen und ihrer eigenen Einschätzung versuchte
sie eine möglichst gute und repräsantive Auswahl zu
treffen.
Acht Lieder untersucht sie detailliert und sind auch auf
einer Kassette beigelegt.
Zusätzlich veröffentlicht sie Kurzbiografien wichtiger
Arusha Maasais und geführte Interviews mit Menschen, die
von sich selbst behaupten, Zugang zu Gott zu besitzen.
4.2.
Christina Ahr „Fruchtbarkeit und Respekt“
Filmethnologische Untersuchung eines
Geschlechterkonflikts um ein Ritual bei den Maasai
Arbeiten aus dem Mainzer Institut für Ethnologie und
Afrika-Studien
Göttingen 1988
Der Film „The Woman’s Olamal“ von Melissa
Llewlyn Davies beschäftigt sich mit dem
Fruchtbarkeitsritual der Maasai in den Loita Hills im
Südwesten Kenias. Er konfrontiert den Zuschauer mit der
Selbsdarstellung der Maasai, der Vielseitigkeit ihrer
reichen Kultur und ihrer sozialen Interaktionen. Ergänzende
Literaturen liefern die strukturellen Hintergründe.
Christina Ahr versteht ihre Magisterarbeit als einen
Versuch beide Medien ineinander zu verwenden.
Jedoch will ich mein Augenmerk mehr auf die beschriebenen
Methoden Llewlyn Davies richten. Als der Film, der als
Versuch des Näherbringens einer fremden Kultur zu verstehen
ist, in den Sommermonaten 1981 gedreht wurde, kannte sie
die Maasai schon über zehn Jahre. Ihr erster Kontakt mit
den Einwohnern der Loita Hills war im Jahre 1970. Damals
betrieb sie eine zwei Jahre dauernde Feldforschung, wobei
sie hauptsächlich an dem Leben zweier Familien teilhatte
und unter ihnen lebte. Seit 1973 kehrte sie noch mehrmals
zu den Maasai zurück und dokumentierte mit kleinen
Fernsehteams ihre Aufenthalte. Schon damals waren ihr die
Zeremonien, die Sprache und das alltägliche Leben bekannt.
So auch die Vorbereitungen und die Durchführung des
Fruchtbarkeitsrituals der Frauen. Diese Voraussetzungen
wirkten sich positiv auf die Zusammenarbeit zwischen den
Menschen vor und hinter der Kamera aus. Die Filmemacher
konnten ein hohes Maß an Vertrauen geniessen und
vertrauliche Gespräche in Konfliktsituationen aufnehmen.
Die Maasaifrauen äußerten deutlich ihr Interesse, Llewlyn
Davies zahlreiche Informationen zu geben und vor der Kamera
ihre Kultur darzustellen. Gelegentlich reichte die
Integration so weit, dass die Maasai versuchten Llewlyn
Davies in ihre sozialen Belange einzubeziehen. Frauen
fragten sie nach einer Tasse Tee und ein Mann bat sie um
finanzielle Unterstützung.
5. UNWISSENSCHAFTLICHE
„FORSCHUNG“
Corinne
Hofmann „Die Weiße Massai“
München 1999
In ihrem, wie sie es nennt, Bericht schildert Corinne
Hofmann ihren vier Jahre langen Aufenthalt bei den Maasai
in Kenia. Dieses Buch stellt keine wissenschaftliche Arbeit
dar und auch ihre Zeit in Kenia kann man nicht als
Feldforschung betrachten. Jedoch möchte ich untersuchen,
wie Corinne Hofmann ihre Zeit bei den Samburu Maasai
verbracht hat, da sich ein Vergleich der Vorgehensweise mit
den Aufenthalten der zuvor beschriebenen Autoren anbietet.
Corinne Hoffmann war fest dazu entschlossen ihr bisheriges
Leben in der Schweiz aufzugeben um unter den Maasai zu
ihrem Glück zu finden. Sie verliebte sich in einen Krieger,
den sie später heiratete und mit ihm eine Tochter zur Welt
bringt. Um mit ihrem Maasai zusammen leben zu können
scheute sie weder finanzielle noch körperliche Ausgaben.
Sie bezog mit ihm eine Hütte in seinem Heimatdorf,
Barsaloi. Doch sie fand in der Kultur keinen Platz und
geriet häufig an ihre psychischen und physischen Grenzen.
Zu enorm war die Fremdheit, ob bei Essengewohnheiten oder
auch auf sexueller Ebene. Sie wurde oft krank, litt unter
Hepatitis und mehrmals unter Malaria. Nicht nur in
mehrmonatiger Quarantänezeit fühlte sie sich einsam und
verlassen. Durch intensives Teilhaben an dem alltäglichen
Leben und Arbeiten der Maasai versuchte sie ihren Platz
innerhalb dieser Ethnie zu finden. Sie beginnt durch
Gespräche und Beobachtungen das Verwandtschaftssytem und
Gesellschaftsregeln zu verstehen. Fasziniert nimmt sie an
traditionellen Zeremonien teil und nimmt Gesänge der
Maasaitänzer auf ihr Tonbandgerät auf. Im Nachhinein tanzen
die Maasai zu der Musik auf Band und erlangen durch den der
von ihr eröffnete Lebensmittelladen einen gewissen
Wohlstand. Später wird aus dem Laden, indem einst Zucker
und Mais verkauft wurden ist jedoch eine Dorfdisko mit
einheimischer Musik und Bier. Das Angebot richtet sich bald
auf die Bauarbeiter, die im Dorf eine Schule erbauen.
Immer wieder dringt sie in die Ethnie der Maasai ein und
verändert sie. Mit ihrem Mann zum Beispiel zieht sie aus
der traditionellen Manyatta in ein Zwei-Zimmer-Blockhaus im
Dorf. Dadurch aufkommender Neid und Missverständnis
entzündet Probleme innnerhalb der Gemeinschaft. Sie
überredet ihren Mann, geheiligte Regeln zu brechen, um
beispielsweise mit ihm Essen und Baden zu können. Auch
durch das Einbringen materiellen Güter, wie ihr Auto oder
Verkaufsartikel entfacht sie immer wieder Streit unter den
Maasai.
Dieses bewußte und gezielte verändern der Maasaikultur
stellt den vehementen Unterschied zu den vorher
beschriebenen Forschungsarbeiten dar. Ethnologen sind
bemüht - oder sollten es zumindest sein - das Funktionieren
der fremden Ethnie nicht zu stören. In Realität ist das
schwer möglich, da jede Forschung ein Eindringen in die
Kultur darstellt. Auch wenn es noch so gering ist, so
bedeutet dies stets Veränderung innerhalb der Ethnie. Auch
Doris Wagner Glenn beeinflusste die Kultur indem sie mit
den Maasaifrauen ihre Aufnahmen diskutierte. Ebenso Llwlyn
Davies durch das Mitbringen von ihren Filmkameras. Ein
Feldforscher sollte stetig bemüht sein, während seiner
Forschung sich so wenig wie möglich in die Kultur
einzubringen. Es sei denn er paßt sich ihr vollkommen an,
so wie Frau von Mitzlaff es anscheinend tat. Dadurch war es
ihr möglich, den Maasaialltag intensiv mitzuerleben, ohne
ihn durch ihre Persönlichkeit zu beeinflußen und zu
verfälschen.
6. IDEALE
FORSCHUNGSMETHODIK
Zusammenfassend möchte ich den Versuch machen, aus allen
zuvor beschriebenen Methoden eine ideale Feldforschung
theoretische darzustellen. Wie schon zuvor in meiner Arbeit
beschrieben, stellte sich die Methodik von Ulrike von
Mitzlaff als die beste der neun Feldforschungen dar. Daher
wird die Zusammenstellungen deutlich von ihrer
Vorgehensweise geprägt. Was an ihrer Arbeit zu bemängeln
wäre, ist zum einen ihre Intervallsforschung. Diese
„ersetze“ ich durch Corinne Hoffmanns fast
durchweg vier Jahre langen Aufenthalt bei den Maasai. Zum
anderen stört bei von Mitzlaff die Einseitigkeit, denn sie
betrachtet lediglich die weiblichen Aspekte der
Gesellschaft. Daher entsteht eine Verzerrung der Realität.
Zu ihrer Verteidigung erklärt sie explizit das sie sich auf
die Maasaifrauen konzentriert, da dies in der Literatur ein
Defizit darstellt. Jedoch um eine optimale Feldforschung zu
betreiben, müßen beide Geschlechter gleichermaßen
einbezogen werden. So nehmen wir also um ein Gleichgewicht
zu erhalten Betrachtungsweisen von Spencer mit hinzu, der
die männlichen Aspekte in den Vordergrund rückt. Um dabei
den Bezug zu den Maasaimenschen nicht zu verlieren, wäre es
sinnvoll persönliche Gedanken und Emotionen der Maasai
einzubringen. Episoden aus Saitotis Text würden dem Leser
näheren Bezug bieten können. Eine weitere Möglichkeit, die
Forschung und deren Darbietung lebendiger werden zu lassen,
stellt Davies Methodik Beobachtetes auf Video aufzunehmen.
Im Zeitalter von Multimedia, wäre es ja durchaus möglich
Text mit Musik und Filmauschnitten zu koppeln. Wichtig wäre
dabei allerdings auch, daß Videotechnik erst nach einem
aufgebauten Verhältnisses zwischen Forscher und Beforschten
eingebracht wird, um Vertrauen zu bewahren.
Als einen der wichtigsten Aspekte der Forschungsmethode
sehe ich die beschriebene Problematik der Verfälschung der
Ethnie durch den Ethnologen. Auch dieser Aspekt müßte von
Ulrike von Mitzlaff übernommen werden. Durch ihre
Unauffällige Integration fiel der „Schaden“ bei
ihrer Forschung vermutlich am geringsten aus.
Literatur
Ahr,
Christina „Fruchtbarkeit und Respekt“
Filmethnologische Untersuchung eines
Geschlechterkonflikts um ein Ritual bei den Maasai
Arbeiten aus dem Mainzer Institut für Ethnologie und
Afrika-Studien
Göttingen 1988
Böhmer-Bauer, Kunigunde „Nahrung, Weltbild und
Gesellschaft“
Ernährung und Nahrungsregeln der Maasai als
Spiegel der gesellschaftlichen Ordnung
Saarbrücken 1990
Hofmann, Corinne „Die Weiße Massai“
München
1999
Laube, Raphal
„Maasai-Identität und sozialer Wandel bei den
Maasai“
Basel 1986 aus Social Strategies Vol.20
von Mitzlaff, Ulrike „Maasai-Frauen“
München 1988
Saitoti, Tepilit Ole „The Worlds of a Maasai
Warrior“
Los Angeles 1986
Sankan, S.S. Ole „Maasai“
Nairobi 1971
Spencer, Paul „The Maasai of the
Matapato“
1988 Gloucester
Wagner - Glenn, Doris „Searching for a
Baby’s Calabash
A study of Arusha Maasai Fertility Songs as
Crystallized Expressions of Central Cultural Values
Ludwigsburg 1992