Vorbemerkung
Ich verwende in vorliegender Arbeit die englischen Namen aus dem Film Dances with wolves. (z.B. Stands with a fist, Kicking Bird, etc.) Wenn ich die Figur meine, ist Dances with wolves in normaler Schreibweise gedruckt; wenn ich den Titel des Filmes meine, so ist dieser kursiv gedruckt (Dances with wolves).
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit
werde ich untersuchen, auf welche Art und Weise der Film
Dances with wolves die Kultur der Dakota
darstellt. Ich werde einzelne prägnante Episoden aus dem
Film analysieren und mit verfügbarer Literatur vergleichen.
Ziel der Arbeit ist es herauszuarbeiten, ob die Darstellung
der Dakota in dem Film von Kevin Costner der Lebensweise
der Dakota, wie sie von Ethnologen präsentiert wird,
gerecht wird.
Der Film Dances with wolves scheint auf den ersten
Blick einer der wenigen Western zu sein, welcher die
Indianer so präsentiert, wie sie gewesen sein könnten.
Diese Eigenschaft weckte in mir als Filmwissenschaft- und
Ethnologiestudent das Interesse zu untersuchen, inwieweit
der Film dessen gerecht wird. Nachdem ich den Film zum
ersten Mal in voller Länge gesehen habe, befürchtete ich,
dass es schwer werden würde, dem Film eine fehlerhafte
Darstellung der Kultur der Dakota nachzuweisen. Dies lag
vor allem daran, dass sich der Film im Vergleich zu anderen
Western mit viel Respekt der indianischen Kultur nähert.
Nach dem Lesen der angegebenen Literatur und vor allem nach
wiederholtem Sehen des Filmes zeigten sich jedoch nach und
nach immer wieder neue Details in der Darstellung der
Dakota, die kritisch zu betrachten sind. Vorab möchte ich
erwähnen, dass ich in dieser Arbeit nicht alle Details
benennen kann. Bei jedem wiederholten Sehen des Filmes
entdeckte ich weitere Details, die erwähnenswert wären. Auf
jedes davon hier einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit
sprengen. Weiterführende Untersuchungen würden aller
Wahrscheinlichkeit zusätzliche Details offenbaren. Ich
beschränke mich hier auf folgende Schwerpunkte: 1) die
Geschlechterdarstellung 2) den Umgang mit dem Tod und 3)
den Umgang mit Gewalt.
Zudem kommt, dass ich längst nicht alle zu den Dakota
vorhandene ethnologische Literatur für diese Arbeit
untersuchen konnte. Jede weitere Monographie über die
zahlreich beforschten Dakota oder andere
Feldforschungsergebnisse, die ich in die Untersuchung
einfließen lassen könnte, würden in dem Film vermutlich
zusätzliche kritische Punkte offen legen. Die vorliegende
Arbeit präsentiert somit nur ein Zwischenergebnis.
Im ersten Teil möchte ich kurz die Literatur kommentieren,
die ich für meine Untersuchung verwendet habe. Der zweite
Teil untersucht dann den vermeintlich äußeren Rahmen des
Films: die Ebene des Sprachgebrauchs und den Einsatz des
Kommentars. Ich werde versuchen darzustellen, inwieweit
sich der Gebrauch des Kommentars auf die Darstellung der
Dakota auswirkt. Im dritten Teil liefere ich dann eine
Einschätzung über die inhaltlichen Aspekte der Darstellung
der Dakota in dem Film. Hier werde ich Beispiele aus dem
Film mit dem ethnographischen Quellenmaterial vergleichen.
Im vierten und letzten Kapitel versuche ich darzustellen,
durch wen dem Zuschauer die Kultur der Dakota vermittelt
wird. Zum einen arbeite ich dabei die Funktion des
Protagonisten heraus; zum anderen stelle ich einige
Mechanismen des Filmemachers dar, welche sich auf die
Darstellung der Indianer auswirken.
1. Kommentar zu der ethnologischen
Literatur
1.1. Begriffsklärung
Die in dem Film vorwiegend
verwendete Bezeichnung (sowohl auf der Ebene des Kommentars
als auch in den Untertiteln) der Bewohner der Region,
welche Schauplatz des Filmes ist, ist Sioux. Dies ist ein
Name, der den Dakota, Nakota und Lakota von benachbarten
Ethnien gegeben wurde. Nach J.N.B. Hewitt ist das Wort
Sioux französisch-kanadischen Ursprungs; es ist die
Abkürzung von Nadowe-is-iw-ug, was so viel
bedeutet wie „they are the lesser enemies“ und
sich von dem Ojibwa-Schimpfwort Nadowessiwag
(Schlange) ableitet. Die Eigenbezeichnung der im Film
gezeigten Sioux ist Dakota (in der Literatur u.a. auch
Dar-co-tar, Dacota, Dacotah, Daktotah, Dahkohtah). Manchmal
bezeichnen sie sich auch Oceti sakowin, was soviel
bedeutet wie Die sieben Ratsfeuer. Diese Bezeichnung
bezieht sich auf die prinzipielle siebenfache Unterteilung
der Dakota, die wiederum in unterschiedliche Lokalgruppen
(im englischen: bands) aufgeteilt sind. Zum Verständnis
dieser Arbeit möchte ich nur erwähnen, dass ich die
Bezeichnung Dakota der Fremdbezeichnung Sioux vorziehe,
obwohl die meisten Ethnologen sich auf letzteres geeinigt
haben. Der einzige Vorteil der Fremdbezeichnung scheint zu
sein, dass er sich auf die Gesamtheit bezieht, sprich
sowohl die Dakota, Nakota als auch die Lakota umfasst. Die
östlichen Sioux werden Dakota genannt, die westlichen
hingegen Lakota. Dies liegt laut Mary Crow Dog daran, dass
dort, wo die Lakota ein „L“ sprechen, die
Dakota ein „D“ sprechen. Die zentral gelegenen
Sioux bezeichnen sich als Nakota. Da sich die Indianer in
dem Film selbst Dakota nennen, habe ich diese Bezeichnung
übernommen.
1.2. Kommentar zu einem Ausschnitt der
ethnologischen Quellen
Als Hauptbezugsquelle möchte ich die Überlieferungen des
Schwarzen Hirsches nennen. Schwarzer Hirsch war ein großer
Häuptling und der letzte heilende Weise der Ogalalla (eine
Untergruppe der Dakota). Er lebte von 1863 bis 1950. Die
Erzählung seines Lebens, wie er sie dem Ethnologen John
Neihardt berichtete, wurde wortwörtlich unter anderem in
die deutsche Sprache übersetzt. Später berichtete er vor
allem religiöse Geheimnisse der Ogalalla dem Ethologen
Joseph Epes Brown, der diese Erzählungen ebenfalls
wortwörtlich wiedergab. Schwarzer Hirsch ist somit in
meinen Augen eine besonders wertvolle Quelle, da es ein
Dakota selbst ist, der über seine Kultur berichtet.
Studierte Ethnologen verzerren oft das Bild einer Kultur,
wenn sie über diese informieren. Ich kann hier nicht auf
die Gefahren eingehen, die sich ergeben, wenn man mit
wissenschaftlichen Konzepten versucht fremde Kulturen
darzustellen. Jedoch möchte ich Ruth Bendict erwähnen, die
beklagte, dass die indianische Kulturen, sobald sie in
wissenschaftliche Kategorien untergebracht werden
„ein wildes Gemisch“ werden, dem Ordnung
mangelt. Werner Müller klagt an, dass begriffliche
Darstellungen der indianischen Kultur wesentliche Elemente
der Kultur nicht erfassen können. Dokumentationen aus
erster Hand unterliegen diesen Gefahren meines Erachtens
nicht so stark. Hier treten andere Probleme auf, jedoch
möchte ich diese hier nicht überbetonen.
Neben den Erzählungen vom Schwarzen Hirsch gehe ich vor
allem auf Royal B. Hassricks Werk Das Buch der
Sioux ein. Die ethnologische Untersuchung versucht die
gesamte Spannweite der Kultur zu erfassen. Er geht sowohl
auf das soziale Zusammenspiel der Dakota, auf deren
Wirtschaftsweise, ihre Religion und ihre Lebensweise ein.
Für meine Untersuchung sind vor allem seine Beschreibungen
des sozialen Lebensraumes und sein geschichtlicher
Überblick von den Dakota von Bedeutung.
2. Der Rahmen der Darstellung der Dakota in dem
Film Dances with wolves
2.1 Die
Verwendung der Sprache
Vorab kann festgehalten
werden, dass sich der Filmemacher große Mühe gegeben hat,
eine den Dakota selbst gerecht werdende Darstellung ihrer
Kultur zu schaffen. Es tauchen viele Details auf, die
darauf schließen lassen, dass sich der Filmemacher intensiv
mit der Kultur der Dakota auseinandergesetzt hat. Diese
Mühe spiegelt sich in dem gesamten Film wider. Die
diesbezüglich zuerst auffallende Qualität des Films aus
ethnologischer Sicht ist die Verwendung der Dakota Sprache.
Heutzutage entstehen so gut wie gar keine ethnologischen
Filme mehr in dem die Technik des voice-over zum
Zwecke der Übersetzung verwendet wird. Die ethnologischen
Filmemacher haben verstanden, dass die Art und Weise
wie etwas von einem Menschen gesagt wird bedeutsam
ist und dass es nicht nur darauf ankommt was die
entsprechende Person sagt. Ein Kommentar ist stets ein
starkes Eingreifen des Filmemachers auf die Wirkung des
Films. Voice-over Elemente, die der Übersetzung
dienen, verdoppeln die Gefahr des Kommentars zu einer
Szene, in der nicht gesprochen wird: Die
voice-over Technik während gesprochen wird bringt
nicht nur diese massive Beeinflussung des Filmes mit sich,
sondern beraubt auch den der spricht in seiner
Wirkungskraft. Der berühmte Filmemacher Jean Rouch erkennt
in Untertiteln die Lösung dieses Problems: „Titles
and subtitles therefore appear to be the most effective
means of escaping from the trap of commentary.“
Auch wenn diese Erkenntnisse
längst in die Welt des ethnologischen Films Einzug genommen
hat, so gilt dies noch längst nicht für den kommerziellen
Spielfilm aus den USA. Der Filmemacher von Dances with
wolves zeigte mit dem Einsatz der Dakota Sprache
Respekt vor der Kultur und schuf gleichzeitig einen Hauch
von Authentizität.
Zudem setzt der Filmemacher
den Gebrauch der Sprache besonders geschickt ein: Die
Sprache wird dazu benutzt, den Zuschauer in die Welt der
Dakota einzuführen. Die meisten Zuschauer sind der Sprache
der Dakota nicht mächtig. Dieses Unwissen verbindet sie mit
dem Protagonisten von Dances with wolves zu Beginn
des Films, als er Probleme hat sich mit seinen neuen
Bekannten zu verständigen. Im Verlauf des Filmes erlernt
der Protagonist, der die eindeutige Identifikationsfigur
des Filmes ist, die Sprache der Dakota. Das Erlernen einer
fremden Sprache ist für Ethnologen eine der wichtigsten
Voraussetzung, um tiefes Verständnis für die jeweilige
Kultur zu gewinnen. Unter anderem zu diesem Zweck ist die
Feldforschung, die fachspezifische Methode der
Datengewinnung, meistens auf eine lange Zeit ausgerichtet.
Während der Zuschauer den Film Dances with wolves
betrachtet, verfolgt er, wie seine Identifikationsfigur die
Sprache der Dakota erlernt. Die Identifizierung mit dem
Protagonisten führt über den Weg des Sprachgebrauchs zu
einer Annäherung an die Kultur der Dakota. In Kapitel 4
werde ich zeigen, dass nicht nur hinsichtlich des verbalen
Ausdrucks die Identifikationsfigur des Films diese Rolle
des kulturellen Vermittlers erfüllt, sondern auch welche
Probleme sich daraus ergeben. An dieser Stelle sei nur
erwähnt, dass es der Film diesbezüglich wunderbar schafft,
dem Zuschauer das ihm Unbekannte zu vermitteln. Der
Ethnologe und Filmemacher Ivo Strecker fordert von einem
ethnologischen Film, dass er deiktisch erfolgreich sein
muss: Jeder ethnografische Film habe „...die
schwierige Aufgabe, bestimmte Dinge in einem zuerst
unbekannten Zeigfeld zu zeigen. Im Idealfall gelingt es
einem Film, den Zuschauer Schritt für Schritt in das Leben
einer fremden Gesellschaft einzuführen...“ Auf
sprachlicher Ebene wird Dances with wolves dieser
Anforderung durchaus gerecht: Der Zuschauer erlebt mit, wie
der Protagonist Schritt für Schritt die Dakotasprache
erlernt. Am Ende des Films hat der Zuschauer selbst ein
paar Worte Dakota gelernt.
2.2. Der Einsatz des Kommentars
2.2.1 Überblick
Den Film durchzieht ein
Kommentar, der die Tagebuchaufzeichnungen des Protagonisten
darstellt. Die Ebene des Kommentars hat großen Einfluss auf
die Wirkungsweise der Darstellung der Dakota. Wie bereits
oben erwähnt nimmt der Protagonist die Rolle des
kulturellen Vermittlers ein. Er beschreibt die für ihn
fremde Kultur mit seinen Gedanken. Diese Gedanken bilden
das Gerüst für das Bild, welches sich der Zuschauer von den
Dakota macht.
Es muss erwähnt werden, dass der Protagonist eine
romantische Sicht auf die Dakota hat. Er beschreibt sie
beispielsweise als wunderbar aussehend und in Harmonie
lebend. Zwar hat der Film das Potential falsche
Vorstellungen über die Dakota zu brechen: an einer Stelle
erzählt der Protagonist, dass nichts von dem, was ihm über
die Indianer erzählt wurde wahr sei. Dabei bezieht er sich
auf Äußerungen, nach denen die Indianer wilde Räuber seien,
was vielen Darstellungen in anderen Western entspricht.
Jedoch schlägt die Darstellung gerade durch den Einsatz des
Kommentars in das Gegenteil um, was zu einer Romantisierung
führt. Durch den Kommentar werden Handlungen der Dakota
erklärt und nicht selten verschönt.
2.2.2 Beispiele für den Einsatz des Kommentars
An einer Stelle rechtfertigt
der Kommentar die Gewalt der Dakota: Sie kämpfen, um ihre
Nahrung zu sichern und um Frauen und Kinder zu schützen. Es
stimmt zwar, dass die Dakota ein starkes
Familienbewusstsein haben und dieses Bewusstsein die
Motivation zu kämpfen stärkt. Weiterhin haben die Dakota
auch ein hohes Schutzbewusstsein gegenüber Hilflosen. Die
Sicherung der Nahrung muss ebenso ein Grund gewesen sein,
gegen Feinde zu kämpfen. Jedoch unterläßt es der Kommentar
die andere kulturellen Elemente, die vielleicht für den
Zuschauer schwieriger anzunehmen sind, zu erwähnen. Dabei
sei vor allem die Sehnsucht der Männer, sich im Krieg als
erfolgreich zu beweisen erwähnt.
An einer anderen Stelle wird
der Kommentar ähnlich eingesetzt: Nachdem die Dakota weiße
Büffeljäger ermordet haben, sondert sich der Protagonist
von ihnen ab und schläft ein wenig abseits. Im Angesicht
dieses Ereignisses und des Festes spürt der Protagonist
zwar wie zu keinem anderen Zeitpunkt die Distanz zu den
Dakota und vermittelt dies auf der Ebene des Kommentars.
Wenig später begründet er jedoch auch diese Tat mit dem
Argument, dass das Volk verwirrt sei, da es Angst vor der
Zukunft habe. Somit wird auch in diesem Fall die Gewalt
(die wir nicht sehen) als Schutz vor den Feinden
vermittelt. Die Situation ist so dargestellt, dass es dem
Zuschauer so leicht wie möglich fällt, die Dakota trotz des
Tötens der weißen Jäger weiterhin zu akzeptieren. Zum einen
sehen wir weder die Tötung der Weißen noch die Leichen
selbst und zum anderen trägt der Kommentar dazu bei.
2.2.3 Die Wirkung des Kommentars
Nun hat die Wahl, den
Kommentar so stark einzusetzen zum einen den Effekt, dass
sich der Zuschauer weniger ein Bild von den Dakota als viel
mehr ein Bild von dem, was der Protagonist über die Dakota
denkt vermittelt bekommt. Zum anderen hat der Film dadurch
stärker das Potential, einem breiten Publikum die Kultur
der Dakota näher zu bringen. Es fällt dem abendländischen
Publikum gewohnheitsbedingt leichter, sich mit einem weißen
Soldaten und dessen Ansichten zu identifizieren als mit
einem Vertreter der Dakota. Somit stellt der Einsatz des
Kommentars in meinen Augen einen Kompromiss zwischen dem
Bedürfnis die Dakota, sich selbst darstellen zu lassen und
dem Wunsch kommerziellen Erfolg durch erfolgreich erzeugte
Nähe zu den Zuschauern dar.
3. Inhaltliche Aspekte der kulturellen Darstellung
3.1 Überblick
Im nun folgenden Teil möchte
ich die dargestellte Lebensweise der Dakota in dem Film
Dances with wolves untersuchen. Dabei werde ich
zum einen auf einige Beispiele des Films eingehen, und zum
anderen werde ich die beabsichtigte Wirkung des
Filmemachers beim Zuschauer herausarbeiten. Für die
Beleuchtung des zweiten Aspekts werde ich mein besonderes
Augenmerk auf die rhetorischen Mittel des Films legen.
Die inhaltliche Betrachtung der Darstellung der Dakota muß
besonders differenziert beleuchtet werden. Aus
filmhistorischer Sicht präsentiert der Filmemacher ein sehr
authentisches Bild von der Lebensweise und den kulturellen
Bräuchen der Dakota. Meines Wissens setzt sich kein anderer
Western so gewissenhaft mit der indianischen Kultur
auseinander wie Dances with wolves. Dass die
Darstellung der Indianer in nahezu allen Western extrem
ethnozentristisch ausfällt, soll hier nicht weiter
aufgezeigt werden. Dances with wolves fällt dabei
jedoch enorm positiv auf. Für dieses positive Auffallen
möchte ich nun einige Beispiele nennen.
3.2 Beispiele für authentische Darstellungen
3.2.1 Die Darstellung der Geschlechterrollen
Bereits die erste Szene in
einem Dakotadorf vermittelt auf sympathische Weise die in
ethnografischen Studien beschriebenen Rollenzuschreibungen
der Geschlechter. Wir beobachten Stone Calf, der seine Frau
darüber befragt, was die Frauen über das seiner Meinung
nach merkwürdige Verhalten von Kicking Bird sagen. Seine
Frau antwortet daraufhin etwas, was seine Neugierde nicht
befriedigt. Sichtlich verärgert darüber fordert er seine
Frau auf, das Fleisch gut durch zu kochen, da er
Zahnschmerzen habe. Durch dieses erste kurze alltägliche
Gespräch, vermittelt der Filmemacher bereits einige
Wesenszüge der Gesellschaft der Dakota. Der Zuschauer
erfährt, dass die Dakota eine stark ausgeprägte
geschlechtliche Teilung der Gesellschaft erleben. Was die
Frauen untereinander reden, ist dem Mann vorerst nicht
zugänglich. Während diese Trennung auch ansatzweise in
unserer Kultur existiert, so findet sie in vielen
nichtindustriellen Gesellschaften stärkere Ausprägung. Dies
spiegelt sich auch in der vorhandenen Literatur wider. Ein
Beispiel hierfür ist die Ethnologin und Indianerin Beatrice
Medicine, die feststellt, dass Dakotafrauen und Männer sehr
unterschiedlich sozialisiert werden und in
unterschiedlichen Welten aufwachsen. Auch Mary Crow Dog
(ebenfalls eine Indianerin) betont die unterschiedlichen
Lebenswelten von Männern und Frauen bei den Dakota.
Der Zuschauer beobachtet bei der beschriebenen
Einführungsszene in ein Dakotadorf außerdem, dass der Mann
keine zufriedenstellende Antwort von der Frau erhält.
Daraufhin fordert er enttäuscht ein gut gekochtes Essen. In
diesem kurzen Dialog deutet der Filmemacher feinfühlig die
Machtverteilung zwischen Mann und Frau an, wie sie in
Dakota vermutlich häufig anzutreffen war. In vielen
nicht-industriellen Gesellschaften ist der öffentliche
Bereich den Männern zugeschrieben, während der private
Bereich im Haushalt der Frau unterliegt. Bei
Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, was auch die
hauptsächliche Wirtschaftsweise der Dakota war, sind es
beinahe ausnahmslos die Männer, die jagen, und die Frauen,
die sammeln und den alltäglichen Haushalt organisieren.
Öffentliche Ämter liegen fast immer in den Händen der
Männer, wodurch es in ethnologischen Untersuchungen häufig
zu Andeutungen kommt, dass die Männer mächtigere Rollen
erfüllen als Frauen. Differenziertere Betrachtungsweisen
(die häufig von Ethnologinnen stammen) widerlegen dies,
indem sie beispielsweise betonen, dass die Frauen im
häuslichen Bereich weit mehr Entscheidungsrechte haben als
Männer. Im nicht öffentlichen Bereich, der für
Untersuchungen, die diesem Bereich keine Beachtung
schenken, unsichtbar ist, üben Frauen häufig eine stille
Macht aus. Diese weibliche Möglichkeit der Durchsetzung des
eigenen Willens vermittelt die angesprochene Szene auf
prägnante Art.
Des Weiteren sei zu erwähnen,
dass Dances with wolves die Arbeitsteilung
zwischen Mann und Frau ohne für mich erkennbare Fehler
darstellt. In dem Film sehen wir Männer in den Krieg und
auf die Jagd ziehen. Im Gegensatz dazu sind Frauen im Film
– wie in der ethnographischen Literatur - für den
gesamten häuslichen Bereich zuständig: sie verarbeiten
Tiere, holen Wasser, kochen, kümmern sich um die Kinder und
bauen die Häuser auf und ab.
3.2.2 Brautwerbung
Der Film gibt die
Situation des um die Brautwerbens annähernd der Literatur
entsprechend wieder. Schwarzer Hirsch berichtet über den
vom Brautwerber zu zahlenden Brautpreis. Die Frauen, so
Schwarzer Hirsch, wünschen wie eine Dame gekauft zu werden.
Im Film wird deutlich, dass Dances with wolves nicht
genügend materielle Güter hat, die er Kicking Bird zahlen
kann, um seine Adotivtochter zu erkaufen. Daraufhin erlebt
er erfreut, wie Mitglieder aus dem Dorf ihm Geschenke
bringen, die er als Brautpreiszahlung verwenden soll. Diese
Hilfsbereitschaft erwähnt der Protagonist in seinen
Tagebuchaufzeichnungen als ehrenhaft. Schwarzer Hirsch
beschreibt dass es eine Ehre für einen Dakota sei, den
Hilflosen behilflich zu sein. Auch Hassrick schreibt von
dem Wunsch, sich möglichst großzügig zu zeigen, da dieses
Verhalten zu Ansehen führt. „Je mehr einer geben
konnte, desto größer war sein Ansehen.“ Dieses
Verhalten der Dorfbewohner im Film spiegelt also ein Ideal
der Dakotakultur wider. Auch das Verhalten von Dances with
wolves ist dementsprechend, wie eine Brautpreiszahlung in
der Literatur widergegeben wird. Er stellt nach der
Anweisung seiner Dakota Freunde alle Brautpreiszahlungen
vor das Zelt von Kicking Bird und wartet darauf, dass
Kicking Bird die Zahlungen akzeptiert, indem er sie in sein
Zelt räumt. Robert M. Utley beschreibt den entsprechenden
Vorgang wie folgt: „...he [der um die Braut wirbt -
Anm. d.Verf.] deposited as much personal wealth as he could
afford, usually in ponies, in front of the tepee of the
girls father. “ Dass es bei der Werbung weniger um
den materiellen Aspekt als um den Beweis geht, dass der
Bewerber zu etwas taugt, so wie es Schwarzer Hirsch
beschreibt, kommt allerdings in dem Film nicht heraus. Die
Sicht auf dieses kulturelle Verhalten ist in dem Fall nur
ein Blick auf das oberflächige Verhalten der Dakota.
3.2.3 Verbale Äußerungen von Trauer
Das laute Schreien der
Frauen in dem Film bei Ankunft der Krieger, die mit
Verstorbenen zurückkehren, scheint dem Ausdruck von Trauer
in Wirklichkeit zu entsprechen. Schwarzer Hirsch berichtet
davon, dass die Frauen auch während der Schlacht lautes
Geschrei ausübten. Über die Standarisierung dieses
Trauerverhaltens sagt Schwarzer Hirsch (sein Vetter war im
Krieg verstorben):
„Als wir am Morgen das große Lager erreichten,
stimmten meine Verwandten die Klage um meinen Vetter
Schwer-zu-treffen an. Sie legten einander gegenseitig die
Arme über die Schultern und wehklagte laut während des
ganzen Tages, und ich muße es ebenso tun. Ich ging umher
und rief „howuh, howuh“.... Zwar hatte ich
meinen Vetter recht gern gehabt, doch war mir nicht so
zumute, daß ich den ganzen Tag hätte weinen mögen, aber das
mußte ich nun, und es war eine anstrengende Aufgabe.“
Die lauten Schreie der Trauernden scheinen somit reales
kulturell normiertes Verhalten der Dakota
widerzuspiegeln.
3.2.4 Weitere Beispiele für den detaillierten Blick
in Dances with wolves
Der Film präsentiert
zweifelsohne viele Aspekte der Kultur der Dakota, die dem
entsprechen, wie sie in der ethnografischen Literatur
wiedergegeben werden. Im folgenden Teil wird ein kleiner
Ausschnitt dieser Aspekte dargestellt.
Im Film beobachten wir drei Jungen, die versuchen das Pferd
von Dunbar zu stehlen. Dies tun sie, um ihren Mut zu
beweisen. Sie sagen, dass man über sie Lieder singen werde
und dass man sie auf Raubzüge mitnehmen werde. Schwarzer
Hirsch berichtet über die Sehnsucht der Jungen, die
Erlaubnis zu erhalten mit in den Krieg ziehen zu dürfen und
ihre Art auf eigene Faust auszuprobieren, was sie gesehen
haben. Im Vergleich zu den eher zurückhaltenden
Darstellungen der Sehnsucht der Männer (siehe weiter
unten), sich im Krieg zu beweisen, erscheint mir die
Darstellung der Sehnsucht der Knaben der Literatur
entsprechend.
Viele Elemente welche die Konfrontation der Weißen mit den
Dakota zeigen finden Entsprechungen in der Literatur. Wir
werden in dem Film Zeuge, wie die Dakota wahrnehmen müssen,
dass weiße Jäger unzählige Bisons nur wegen ihrer Felle und
Zungen getötet haben. Die daraus resultierende Verärgerung
findet sich auch in der Literatur wieder. Schwarzer Hirsch
beschreibt sein Unverständnis über derartiges Verhalten:
„Da könnt ihr sehen, daß die Menschen, die solches
taten, nicht bei Verstand waren.“
Das Miterleben von sexuellen Praktiken von Mitgliedern
einer Familie, wie es Dances with wolves erfährt, wird
entsprechend in der Literatur erwähnt: Es „...fanden
sich immer Gelegenheiten zu heimlichen Beobachtungen
sexueller Dinge, wenn eine Familie in einem Tipi
lebte.“
Die Möglichkeit sich ein zweites Mal zu verheiraten
existiert in vielen nicht-industriellen Gesellschaften
nicht. Beim Betrachten des Filmes, indem Stands with a fist
sich relativ schnell wieder vermählt, stellte sich mir die
Frage, ob dies bei den Dakota so üblich wäre. Utley
belehrte mich über die Korrektheit dieses Aspektes:
„Divorce, while uncommon, was equally simple [im
Vergleich zur Heirat - Anm. d.Verf.] and accomplished
without ceremony.“ Hasrick bezeichnet im Gegensatz zu
Utley Scheidungen sogar als alltäglich.
Die betonte Familienzugehörigkeit, wie sie Stands with a
fist in Angesicht des Verlustes ihres Ehemannes erfährt,
wird von Hassrick bekräftigt: „Ein einzelner konnte
seine Eltern, seinen Ehepartner oder seine Kinder
verlieren, aber er konnte kaum seine Familie
verlieren.“
3.3 Kritikpunkte
3.3.1 Selektive Genauigkeit in der
Darstellung
3.3.1.1 Selektives Interesse für die Geschlechter
Die zuvor beschriebene
authentische Darstellung von den Beziehungen zwischen Mann
und Frau muß hier relativiert werden. Auch wenn der Film
bezüglich der Geschlechterunterschiede keine fehlerhaften
Aussagen über das soziale Alltagsgeschehen trifft, so
vermittelt er dennoch ein Bild, das es zu kritisieren gilt.
Diese Kritik läßt sich vielleicht am besten am Beispiel der
Jagd erläutern: Wir sehen wie die Männer mit großer
Aufregung in die Jagd ziehen, begleitet von
spannungserzeugender Musik. Die Jagd wird in schnellen
Schnitten als ein aufregendes Erlebnis präsentiert –
was es ohne Zweifel auch gewesen sein muss. Nachdem die
Jagd vollendet ist, die wie gesagt ausschließlich von
Männern durchgeführt wird, verliert der Filmemacher das
Interesse für den weiteren Fortgang. Nur bruchstückweise in
einem flüchtigen Schwenk wird gezeigt, dass nun die Frauen
bedeutsame und mühselige Arbeit verrichten müssen. Nur für
wenige Augenblicke beobachten wir die Frauen, wie sie zum
Beispiel die Felle gerben. In der Realität war das Gerben
„...ein mühsames Verfahren, das eine Frau bis zu zehn
Tage lang in Anspruch nehmen konnte.“ Durch die
Präsentation im Film bekommt der Zuschauer eine
männerzentristische Sichtweise vermittelt. Den Aufgaben der
Frauen wird in diesem Punkt deutlich zu wenig Beachtung
geschenkt. Dies mag vor allem daran liegen, das das Gerben
der Felle bei weitem nicht so aufregend zu fotografieren
ist wie das Jagen mit Pfeil und Bogen.
3.3.1.2 Selektive Gewaltdarstellungen
Derartige selektive
Darstellungsweisen beschränken sich jedoch nicht nur auf
die Präsentation der geschlechtsspezifischen
Rollenunterschiede. Sie durchziehen den gesamten Film in
nahezu allen Sequenzen. In dem Film üben die Dakota zwar
Gewalt gegen die Pawnee und gegen die weißen Soldaten aus,
jedoch wird diese als Verteidigungsmaßnahme gerechtfertigt.
In der ethnografischen Literatur ist immer wieder zu
finden, dass die Dakota den Krieg als Normalzustand ansehen
und dass er als einfachste Möglichkeit gesehen wurde, um an
Prestige zu kommen. Utley schreibt beispielsweise:
„The highest values of the Tetons [eine Untergruppe
der Dakota - Anm. d.Verf.] centered on war. For a young
man, succes in a battle offered the surest and quickest
path to prestige, wealth, and high rank.“ Hassrick
sieht den Krieg als den Ansporn zum Selbstausdruck für
Männer. Zudem schätzt er die Dakota aufgrund ihrer
zahlreichen grandiosen Siege über mächtige feindliche
Stämme als hochmutig, arrogant und eitel ein. Auch
Schwarzer Hirsch berichtet an einigen Stellen über die
aggressive Umgangsweise seines Volkes. Selbst die Frauen,
so Schwarzer Hirsch, ermunterten mit lautem Getriller ihre
Männer zum Weiterkämpfen. Utley nennt die Bewunderung für
im Krieg erfolgreiche Männer von seitens der Frauen einen
Ansporn, der Wunder bewirkt. „Es ist besser, auf dem
Schlachtfeld zu sterben als alt zu werden“ war nach
Hassrick ein Hauptgrundsatz der Dakota. Dieser in der
Literatur vermittelte Eindruck, dass die Dakota ein durch
und durch kriegsliebendes Volk sind, spiegelt sich in dem
Film Dances with wolves nicht wider. Im Film
werden die Dakota als Opfer von Angriffen dargestellt,
nicht als kriegstreibende Kraft. Gewalt geht von den Dakota
nur dann aus, wenn sie sich verteidigen müssen. Bei dem
Erwecken dieses Eindruckes spielen vor allem das selektive
Präsentieren von Gewalt und der verwendete Kommentar eine
Rolle.
3.3.2 Aussparungen in der Darstellung
3.3.2.1 Überblick
In Kapitel 2.2 erwähnte ich bereits die romantisierende
Wirkung des Einsatzes des Kommentars. In diesem Kapitel
möchte ich die stark romantisierende Wirkung des Aussparens
von kulturellen Elementen der Dakota untersuchen.
3.3.2.2 Waffen
Der Film spielt um 1863. Die
Dakota haben im Film wenig Kenntnis über Schusswaffen der
Weißen. Fast komisch wirkt der ungekonnte Einsatz der
Waffen, welche der Protagonist den Dakota zur Gegenwehr
gegen die ankommenden Pawnee gibt. Hassrick berichtet im
Gegensatz dazu, dass die Dakota zum Teil bereits seit 1700
mit Gewehren ausgerüstet waren. Weiter schreibt er:
„Der französische Händler Jean Baptuiste Truteau
bemerkte 1794 die Angst, die man vor den Sioux hatte, weil
sie Gewehre besaßen.“ Zwar gehen die Daten
auseinander bezüglich des Zeitpunktes, jedoch scheint
sicher, dass die Dakota etwa zum gleichen Zeitpunkt mit
Schusswaffen versorgt waren, als sie auch „Nutzen aus
einem zunehmenden Pferdebestand ziehen konnten.“ Der
Filmemacher erzählt jedoch von guten Reitern, die den
Umgang mit Gewehren nicht verstehen. Zu dem Zeitpunkt, zu
dem der Film spielt, galten die Dakota allerdings aufgrund
der Einführung eines bereits neuen Gewehrtyps als
gefährliche Gegner: „... [G]egen die zweite Hälfte
des 19. Jahrhunderts machte die Einführung der
Hinterlader-Repetiergewehre den Siouxkrieger zum
berühmtesten Kavalleristen der Welt.“ Die Zeit um
1800 ist laut Hassrick die Zeit in der die Dakota auf dem
Höhepunkt ihrer Macht waren, auch weil sie auf das Pferd
und die Schusswaffen zurückgreifen konnten.
Die Dakota werden durch die selektive Darstellungsweise
einer ethnologischen Phase entsprechend als edle Wilde
präsentiert. Zwar gibt es Elemente, die von dem Bild der
unschuldigen Kultur abweichen (z.B. der Mann, der den
gefundenen Soldatenhut nicht wieder an den Besitzer
zurückgeben will), aber Elemente, welche die Sympathie der
Zuschauer für die Dakota ablenken könnten, werden
ausgeblendet. Ohne Schusswaffen wirken die Dakota
wesentlich friedlebender und weniger bedrohlich. Dieses
rhetorische Element der Aussparung führt zu einer
vereinfachten Annäherung zwischen den Dakota und den
Zuschauern.
3.3.2.3 Der Umgang mit dem Tod
In dem Film fügt sich Stands
with a fist, nachdem sie von dem Tod ihres Mannes gehört
hat, Wunden zu. Derartige Trauerdarstellungen scheinen
kulturell normiert zu sein. Hassrick schreibt darüber:
Männer steckten sich „...Pflöcke durch Arme und
Beine, und die Frauen brachten sich Schnitte an den
Gliedmaßen bei und trennten oft sogar das erste Glied ihrer
kleinen Finger ab. Dann schritten zuerst die Männer und
dann die Frauen einzeln feierlich um den Lagerkreis,
weinten dabei und klagten und sangen von ihrem
Schmerz.“ Des Weiteren schreibt er über Frauen, die
sich drei Wunden mit Messern in ihre Schenkel schnitten.
Die Selbstverstümmelung ist laut Hassrick in das rituelle
Fest der Beerdigung eingebettet. Die Verstümmelungen finden
kollektiv statt. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass
Trauernde derartige Praktiken auch allein durchführen,
jedoch deutet das Aussparen des kollektiven Ereignisses auf
ein weiteres Beispiel für die selektive Darstellung hin.
Kollektive Selbstverstümmelungen haben vermutlich für die
Mehrzahl der Zuschauer fremdartigeren Charakter als die
Betrachtung einer einzelnen Frau, die sich Wunden zufügt.
Die aussparende Präsentation sei auch in diesem
Zusammenhang erwähnt: In dem Film wird nicht gezeigt, auf
welche Art die Dakota ihre Leichen beerdigen, wenn sie es
denn tun. Den ethnographischen Quellen zufolge wurden wenig
einflussreiche Dakota in einem flachen Grab beerdigt. Die
meisten Männer und Frauen fanden jedoch in ein Bündel
gewickelt auf einem Baum oder einem Gerüst ihre letzte
Ruhestätte. Bei diesem Ereignis wurde das Lieblingspferd
getötet, da es den Mann oder die Frau begleiten sollte.
Diese für die meisten Zuschauer fremdartig wirkende
rituelle Handlung spart der Film völlig aus. Meines
Erachtens geschieht dies, weil es sonst befremdend wirkt
und den Zugang zu dem Verhalten der Dakota erschwert.
3.3.3. Erweiternde
Darstellung
3.3.3.1 Hochzeit
In Kapitel 3.2.2 beschrieb
ich als authentische Darstellungen das Werben des
Protagonisten um Stands with a fist. Abweichungen treten in
den Beschreibungen über den weiteren Hochzeitsverlauf
statt. Während in dem Film eine Zeremonie stattfindet, an
der Kicking Bird die beiden mit einander traut, indem er
sie auf die Aufgaben der Ehe vorbereitet, existiert nach
Utley eine solche Zeremonie nicht. Er schreibt: „If
the suitor was accepted, the girl moved in with him without
further formality. No ceremonies or vows sanctified the
contract.“ Auch hier liegt meiner Meinung nach die
Vermutung nahe, dass diese Zeremonie eingeführt wurde, um
das Verhalten der Dakota nachvollziehbarer werden zu
lassen. Die Zeremonie, die in dem Film gezeigt wird, hat
vor dem Hintergrund von Utleys Aussage sehr abendländischen
Charakter. Die Hochzeit der Dakota wird mit dem
Hochzeitsverhalten des Kinopublikums gemischt, um
kulturelle Barrieren zwischen beiden zu minimieren.
3.3.3.2 Kinderwunsch
Ähnlich wirkt das
präsentierte Verhalten von Kicking Bird auf den geäußerten
Wunsch, dass die beiden frisch Verheirateten sich ein Kind
wünschen. Er fragt daraufhin, ob sie nicht damit warten
wollen. Der kulturelle Hintergrund der Zuschauer entspricht
dieser Frage weit mehr als dem angestrebten Ideal der
Dakota. Nach Hassrick war die Rolle der Frau eindeutig:
„Es gab keine Unklarheit über die Rolle der Frau, und
Mutter zu sein und für eine Familie zu sorgen, war das
höchste Ziel. Tatsächlich scheint es kein anderes
annehmbares Muster für weibliche Existenz gegeben zu haben.
... Die Wahrscheinlichkeit der Mutterschaft wurde überhaupt
nicht in Frage gestellt; sie war selbstverständlich.“
Auch wenn Hassricks Formulierung zu hinterfragen ist, so
scheint die gestellte Frage von Kicking Bird doch eine
Szene zu schaffen, in die der Filmemacher offensichtlich
seinen kulturellen Hintergrund hat einfließen lassen. Somit
verfremdet der Filmemacher die Bedeutung der Zeugung von
Nachkommen bzw. die Rolle der Frauen.
3.3.3.3 Beerdigungsmuster
Zweifelhaft ist, ob sich die
Dakota die Mühe machen, in der Schlacht gefallene nach
Hause zu transportieren, so wie es im Film gezeigt wird.
Schwarzer Hirsch sagt, dass es durchaus die Möglichkeit
gibt, sich einfach hinzulegen und zu sterben ohne von
seiner Verwandtschaft gesehen zu werden. An anderer Stelle
sagt er, dass es keine Bedeutung habe, wo sich eine Leiche
befinde: „Es ist gleichgültig, wo sein Körper liegt,
denn er ist Gras; wo aber sein Geist ist, da ist gut
sein.“ Hassrick trägt zu dem Zweifel bei: „Als
Holy Circle im Kampf getötet wurde, ließ man seine Leiche
auf dem Schlachtfeld zurück, denn es war gut, unbestattet
in feindlichen Gebiet zu bleiben.“
Letzten Endes ist es natürlich nicht auszuschließen, dass
die Dakota gelegentlich im Krieg gefallene nach Hause
bringen, es weicht jedoch von dem Verhalten ab, welches die
Regel ist. Dieses Abweichende Verhalten dient im Film der
Dramaturgie. Das laute Trauern der Ehefrau des verstorbenen
Mannes wird für den Zuschauer verständlicher. Das
Zurückbringen scheint somit ein rhetorisches Mittel zu
sein, welches das Verhalten der Dakota (im speziellen der
trauernden Frau) dem Zuschauer leichter zugänglich machen
soll.
4. Die Vermittlung der
Dakotakultur
4.1 Der Protagonist als Kulturvermittler
Zuvor beschrieb ich bereits
die Bedeutung des Protagonisten als Kulturvermittler auf
der Ebene des Kommentars und der verwendeten Sprache. Im
nun Folgenden möchte ich auf weitere Elemente eingehen, mit
denen der Protagonist als rhetorische Figur zum Zwecke der
kulturellen Vermittlung zwischen dem Kinopublikum und den
Dakota dient.
Schwarzer Hirsch beschreibt die tiefe Erfurcht, die die
Dakota vor der Erde und der Natur haben. Müller spricht von
einem „religiös begründeten Naturschutz“, Peter
Bolz von dem harmonischen Leben mit der Natur. DeMaille und
Parks benennen die Zusammengehörigkeit von Mensch und
Natur: „Humankind existed not outside nature, but as
part of it.“ Auf seiner Reise zu seinem Posten in dem
Dakotagebiet beginnt der Protagonist bereits Kontakt mit
der Natur aufzunehmen und diese dem Zuschauer zu
vermitteln. Er steigt von seinem Pferd und ist sichtlich
von dem Gras fasziniert. Er streicht mit seiner Handfläche
über die Grasspitzen, auf dieselbe Art wie wir später auch
die Dakota sehen können. Noch verunsichert ihn diese Nähe
zur Natur, da er verschreckt davon reitet, als sich das
Gras plötzlich zu bewegen beginnt. Dem Zuschauer wird
dieses Gefühl durch Atemgeräusche, nahe Kameraeinstellungen
und schnelle Schnitte ebenfalls vermittelt. Zu Beginn
seines Aufenthaltes in Fort Sedwick erschrickt Dunbar vor
den Geräuschen von
seinem Pferd. An vielen Stellen wird dem Zuschauer mit
rhetorischen Elementen nahe gelegt, sich mit dem
Protagonisten zu identifizieren. Als die Dakota kommen, um
sein Pferd zu stehlen, sehen wir nur die bedrohlich
wirkenden Hufe der wild galoppierenden Pferde. Dunbars
Pferd springt vor Angst in seinem Stall umher. Die
Bedrohung für Dunbar wird dem Zuschauer durch bedrohliche
Reize auf der Bild- und Tonebene vermittelt. Es folgt eine
Identifikation mit dem Protagonisten. Zudem ist der
Protagonist in vielen Szenen allein, was eine
Identifizierungsalternative ausschließt.
Ein weiteres Beispiel für die Distanz zwischen dem
Protagonisten und der Natur ist der Augenblick, in welchem
Dunbar die ermordeten Hirschen im Teich findet. Hier wirkt
der Einsatz von Nahaufnahmen und Heranzoomen in Kombination
mit dem Schnitt-Gegenschnittverfahren zwischen Dunbars
Gesicht und den verwesenden Hirschen beunruhigend. Im
weiteren Verlauf findet Dunbar jedoch seinen Platz in der
Natur und wird verstärkt zum Teil von ihr. Deutlichstes
Zeichen hierfür ist die Annäherung an den Wolf. Hierbei sei
vor allem die Szene erwähnt, in welcher der Wolf Dunbar zum
ersten Mal aus der Hand frisst. Diese Annäherung an die
Natur in Kombination mit der eindeutigen Absicht, mit
Dunbar dem Zuschauer die einzige Identifikationsfigur zu
liefern, führt zu einer Vermittlung des Aspektes der
Naturverbundenheit der Dakota.
Weitere Vermittlerfunktionen erhält der Protagonist durch
seine Assimilation mit der Kultur der Dakota. Im Verlauf
des Films ändert Dunbar nicht nur seinen Namen und seine
Kleidung, er verlässt sogar sein berufliches Aufgabenfeld
und nimmt zunehmend an dem Alltagsleben der Dakota teil. Da
die Zuschauer vom ersten Augenblick (als Dunbar die Stiefel
über die verwundeten Füße zieht) mitfühlen und sich im
Verlauf des Films mit Dunbar identifizieren, kann man von
einer gezielten Assimilation des Zuschauers sprechen. Der
Zuschauer wird über Dunbar in die Welt der Dakota
eingeführt.
4.2 Der Filmemacher als
Vermittler
In dem Film Dances with
wolves vermittelt der Filmemacher über den
Protagonisten das Bild der Dakota. In dem Film findet keine
kritische Auseinandersetzung mit den Ansichten des
Protagonisten statt. Der Film begleitet den Protagonisten
von Anfang an und versucht ständig, ihn als absolute
Identitätsfigur darzustellen. Der Film wird somit zu einer
sehr persönlichen Geschichte des Protagonisten. Da sich der
Filmemacher entschlossen hat, eine solch persönliche
Geschichte zu berichten, ist ihm nicht an einer objektiven
Darstellung der Dakotafigur gelegen. Ohne Zweifel schafft
der Film über eine persönliche Nähe zu dem Protagonisten
eine Vermittlung dessen Sichtweise auf die Dakota; den
Dakota selbst wird diese Sichtweise jedoch nur bedingt
gerecht. Kulturelle Elemente welche die Sichtweise des
Protagonisten differenzierter werden lassen könnten oder
die Identifikation mit dem Protagonisten von Seiten des
Publikums erschweren könnten werden entweder ausgespart
oder verschönigt. Ziel des Filmemachers, so läßt sich
schlussfolgern, ist es die Wahrnehmung des Zuschauers mit
der Wahrnehmung des Protagonisten gleich zu schalten. Der
Filmemacher vermittelt ein Bild der Dakota, in welches sich
die Zuschauer verlieben sollen, so wie sich der Protagonist
in Dakota verliebt hat. Ziel ist für die Dauer des Films
eine Assimilation mit der indianischen Kultur im Zuschauer
zu assoziieren. Dieses Ziel scheint dem Filmemacher
wichtiger gewesen zu sein, als das Ziel zu verfolgen die
Dakota so darzustellen, wie sie gewesen sind.
Schlussbemerkung
Ich habe in vorliegender
Arbeit einige Elemente des Films mit der Literatur über die
Dakota verglichen. Besonders berücksichtigt habe ich dabei
die Darstellung des zwischengeschlechtlichen Zusammenlebens
und den Einsatz von Gewalt.
Ziel vorliegender Arbeit war es herauszuarbeiten inwieweit
die Präsentation der Kultur der Dakota der Wiedergabe in
der ethnografischen Literatur entspricht. Zusammenfassend
kann gesagt werden, dass der Filmemacher sich mit für
Western ungewöhnlich großem Respekt der Kultur annäherte.
Es lassen sich viele detaillierte Elemente finden, die
darauf rückschließen lassen, dass sich der Filmemacher
eingehend mit der indianischen Kultur befasst hat.
Zu kritisieren ist vor allem die benutzte selektive
Darstellung mit dem für mein Empfinden offenkundigen Ziel,
dem Kinopublikum ein Bild von den Dakota zu liefern,
welches sie gerne haben. Elemente die befremdend auf die
Zuschauer wirken könnten werden an auffallend vielen
Sequenzen weggelassen. Ergebnis ist eine romantische
Darstellung, die von der Präsentation in der Literatur
abweicht. Der zweite Hauptkritikpunkt liegt in der
teilweise auftretenden ethnozentristischen
Darstellungsweise. Handlungen der Dakota werden zum Teil
vom kulturellen Hintergrund des Filmemachers (und/oder des
Zielpublikums) gefärbt.
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