„Rhetorische
Filmanalyse –
Untersuchugen zu John Altons Painting with light und
Witness to murder“ (2003)
Einleitung
In seinem Buch Painting with light, und dabei vor allem in
dem letzten Kapitel, schlägt John Alton in meinen Augen
eine Richtung in der Filmanalyse vor, deren Ursprünge in
Aristoteles‘ Theorien über die Rhetorik in der Kunst
zurückgehen. Er erstellt eine Verbindung zwischen
Psychologie und der Betrachtung von Filmen her, die nicht
nur für die Erforschung der Filmwahrnehmung interessant
ist.
Als Mann aus der
Praxis des Filmemachens sind es wohl auch die Erfahrungen
aus seinem Beruf die einen unkonventionellen Zugang zu der
Filmtheorie verschaffen. Indem er es für notwendig hält
nicht allein die Bilder auf der Leinwand in den Mittelpunkt
zu rücken, sondern vor allem die Bilder die sich der
Betrachter von den Bildern auf der Leinwand macht,
entstehen Ansätze die für das Verständnis vom Film
wesentlich sind.
Das Buch Painting with light ist eigentlich kein
theoretisches Werk. Es ist ein Buch aus der Praxis für die
Praxis. Es gibt konkrete Anleitungen auf welche Art und
Weise Lichtgestaltung funktioniert und auf welche Weise sie
es nicht tut. In dem letzten Kapitel umreißt Alton jedoch
Gedanken, die, wenn man sie weiterdenkt, eine interessante
Sichtweise auf die Filmanalysen eröffnen. In der
vorliegenden Untersuchung widme ich mich daher vor allem
diesem letzten Kapitel mit dem Namen The world is a huge
television and we are all photographers. Um die damit
dargestellte Methodik der Filmanalyse in die Tat umzusetzen
wende ich mich im Anschluss einem Film zu, den John Alton
fotografiert hat: Wittness to murder.
1. John Altons
Painting with light
1.1 Zum Inhalt
Nach detaillierter Schilderung über den Produktionsablauf
eines Films (welchen ich hier nicht nacherzählen werde)
schließt John Alton sein Buch Painting with light mit einer
Übertragung: Er vergleicht den Prozeß des Filmemachens mit
dem Prozeß der alltäglichen menschlichen Wahrnehmung. Die
Fotografie wurde nicht vom Menschen erschaffen –
sondern die Fotografie erlaubte erst überhaupt die
Entstehung des Menschen: „Without photography, we
would still be monkeys or cavemen in the stone age.“
Nur durch unsere ständige Tätigkeit des Fotografierens der
Welt durch unsere eingebauten Fotolinsen (unsere Augen) sei
es möglich zu lernen, zu begreifen und zu Verständnis zu
kommen. Nach der detaillierten technischen Erläuterung des
filmischen Kameraapparates bezeichnet er nun das
menschliche Auge als unsere Kameralinse und das menschliche
Ohr als Mikrofon. Mit unsere Geburt beginnen wir uns Bilder
zumachen. (Es liegt allerdings nahe, dass wir bildlich
schon vor unserer Geburt wahrnehmen.) Das erste, so Alton,
was wir überhaupt wahrnehmen ist Licht. Mit jedem Morgen
beginnen wir erneut uns Bilder zu machen. Und die
Projektionsvorgänge hören nicht auf wenn wir schlafen.
Unsere Sinne bilden die Grundlage dafür uns Bilder von der
Welt zu machen. Bilder von bestmöglicher Schärfe und
Belichtung erschafft die menschliche Kamera automatisch mit
jedem Blickwechsel, jeder neuen
„Kameraeinstellung“. Unser Gehirn verarbeitet
und verwaltet diese Bilder. Alton bezeichnet das
menschliche Gehirn als ein umfangreiches Fernsehstudio:
„...(T)he human brain is the most completely equipped
television studio there is.“ Das Gehirn stellt auch
das Labor und auch den Schnittplatz dar. Es ist außerdem
ein umfangreiches Lager, indem die verschiedenen Rollen
nach Wichtigkeit geordnet und abrufbar sind. Je mehr Bilder
wir auf Lager haben, umso gebildeter sind wir. Dabei
greifen wir immer wieder auf Standards zurück, die wir als
Kind beigebracht bekommen. Die Bilder in unserem Kopf
benutzen wir um neue Bilder zu klassifizieren und
herauszufinden, was mir mögen und was nicht. Im Vergleich
zu unserem Gehirn stellen die technischen Geräte, so Alton
weiter, primitive Erfindung dar: „The still, movie,
and television cameras of today are only primitive
imitations of the photo department latent in every human
being, the human camera.“ Neben der Glorifizierung
unseres Gehirns stellt Alton fest, dass diese Art der
Welterschließung zur Folge hat, dass kein Mensch die
gleichen Bilder wahrnimmt wie ein anderer. Unsere
Lagerräume sind einzigartig ausgestattet. „As our
past differ, so do the pictures we see.“
Der zentrale Punkt in dem Kapitel für meine Untersuchung
stellt jedoch Altons Feststellung dar, das Denken der
Fotografie ähnlich ist:
„Few people associate thinking with photography. In
reality they are so close that we cannot tell one from the
other. When a person is thinking, he is either viewing
pictures of the past on his psychic screen, or, by planing
the future, is creating new ones. The human television
system is capable of putting thoughts into picture from,
and either sending them out, broadcasting them into space
in the form of telepathy, or storing them away for the
future.“
Entsprechend der psychologischen Erkenntnisse nennt Alton
auch das Vergessen einen fotografischen Prozeß: Bilder
wandern vom Bewußten in das Unbewußte. Alton bezeichnet
also die Denkvorgänge in unserem Gehirn als fotografische
Prozesse.
1.2
Weiterführende Überlegungen
Er erzählt nicht
direkt davon, dass es somit auch in umgekehrter Reihenfolge
zutrifft. Dieser Gedanke ist jedoch naheliegend: Wenn
Gedanken fotografische Prozesse sind, somit sind
fotografische Prozesse eine Art dargestellte Gedanken.
Fotografien wären somit Gedanken. Platon verstand die
fixierte Rede als ein Abbild von den Gedanken, welcher
hinter der Rede stehen. Diese Idee läßt sich übertragen auf
die fixierte Fotografie: Fotografien vermitteln die hinter
dem Bild stehenden Gedanken. Filme sind dann dargestellte
Denkvorgänge: Traumartig sitzen wir im Kino und können uns
für die Dauer des Filmes an die Gedanken eines anderen
(z.B. des Autoren) halten. Mit unserer individuellen
Eigenbeteiligung bestimmen wir die Wahrnehmung des
fotografischen Geschehens in unserem Kopf natürlich noch
mit – jedoch bei einem guten Film nur in einem
bestimmten Rahmen. Hierin besteht auch die Einzigartigkeit
des Films. Nichts ist traumähnlicher, gedankenleitender als
ein fesselnder Film. Ein guter Film versetzt die
Kinobesucher in eine Art Traum. Schlechte besitzen nicht
das Potenzial, die Gedanken der Zuschauer im Zaum zu
halten. Daher weiß man meiner Meinung nach auch immer ob
der Film gefallen hat oder nicht. Wenn wir im dunklen
Kinosaal wie gebannt auf die Filmprojektion schauen und
dabei die Welt um uns vergessen können, so wird man mit dem
Film zufrieden sein. Schafft der Film es nicht unsere ganze
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, haben wir das Gefühl von
dem Film enttäuscht zu sein.
Um aus einem Film also einen Gedankenleiter zu machen
bedarf es vielerlei Hilfsmittel, die ich im weiteren
Verlauf als rhetorische Elemente bezeichnen werde. Auf
viele geht John Alton in den 13 vorhergegangenen Kapiteln
ein. Hier beschreibt er wie ein Kameramann das Licht in
einem Film leuchten sollte. Auf die Umsetzung dessen gehe
ich bei der Filmbetrachtung weiter unten ein. Für den
Augenblick möchte ich aber diese Hilfsmittel in ihrer
Wesensart untersuchen.
2. Rhetorische
Elemente im Film
2.1 Die Gefahr der rhetorischen Elemente
Dass der Film die Macht hat die Gedanken zu leiten ist
allgemein bekannt. Oft wurde daher gerade der Film als
propagandistisches Instrument eingesetzt. Insbesondere das
Regime unter Adolf Hitler sei hierbei zu erwähnen. Hitlers
meisterhafte Begabung für die Manipulation der Massen wurde
gerade auch im Film eingesetzt. Neben den abendlichen
Massenkundgebungen sah Hitler in dem Kino eine besondere
Möglichkeit die Masse zu manipulieren. Er schreibt in
seinem Buch „Mein Kampf“ über das Kino:
„Hier braucht der Mensch noch weniger verstandesmäßig
zu arbeiten ... und so werden viele eher bereit sein, eine
bildliche Darstellung aufzunehmen als ein längeres
Schriftstück zu lesen. Das Bild bringt in viel kürzerer
Zeit, fast möchte ich sagen, auf einen Schlag [...] eine
Aufklärung.“ Hitler verabscheut die Masse. Er
bezeichnete sie als träge und unbedarft. Er sah in ihr die
Sehnsucht von einem starken Führer verführt zu werden. In
dem Kinosaal lassen sich, so Hitler, die Massen besonders
leicht verführen. Ein Film wie Triumph des Willens
manipuliert vor allem durch seine Bildgewaltigkeit. Die
berühmte Szene der SA und SS Masse, in welche Hitler
zielstrebig eindringt ist voller rhetorischer Mittel zum
Zwecke der Propaganda. Hitler verstand die Propaganda als
einen „Kniff um Verständnis zu verhindern und nicht,
es zu fördern.“
Zuvor argumentierte ich, dass einem guten Film eine
Gedankenlenkung entspricht. Unter Berücksichtigung der
Propagandafilme aus Nazideutschland ist dies natürlich auch
eine gefährliche Eigenschaft des Films. Riefenstahls Film
Triumph des Willens ist ohne Zweifel ein technisch gekonnt
inszenierter Film. Amos Vogel bezeichnet ihn als „ein
zutiefst gefährliches Meisterwerk“. Die
Propagandafilme der Nazis stellen jedoch nur ein Beispiel
(wenn auch eines der extremsten) für die intensive Nutzung
der Bildmacht im Kino dar. Schon Aristoteles warnte vor
falschen Umgang mit der Rhetorik: Man solle nicht den
Messtab verbiegen, bevor man ihn anliegt. Die rhetorischen
Mittel sollten Mittel zur Überzeugung, nicht der Überredung
sein.
Werbefilme sind ein weiteres Beispiel für den Einsatz von
Propaganda im Film. Sie sind gut durchdachte und geschickt
inszenierte Versuche, die Gedanken und das (Kauf-)
Verhalten der Menschen zu beeinflussen. Untersuchungen über
die rhetorischen Elemente der Werbefilme wurden von Roland
Barthes und Umberto Eco angestellt.
Der Film hat also das Potential die Menschen zu
beeinflussen. Die menschliche Psyche hat wiederum die
Neigung der Verführung der Filme zu verfallen. Ebenso
können Filme ihre Zuschauer auch geistig stimulieren indem
sie eine Bewusstseinsveränderung herbeiführen. Amos Vogel
sieht in dem Film eine beeindruckende Möglichkeit soziale
Veränderungen zu bewirken.
Welche Intentionen ein Autor haben mag, wenn er seinen Film
dreht, er verwendet stets Mittel um den Zuschauer zu
erreichen. Selbst bei Filmen, in denen die filmischen
Mittel marginal eingesetzt wurden (wie in den Filmen von
Andy Warhol) hat gerade der Verzicht diese einzusetzen
rhetorische Kraft. Das Spektrum der Mittel ist sowohl auf
Bild- und Tonebene als auf narrativer und inszenierender
Ebene unbegrenzt. Jedes Element des Films hat das Potential
die Gedanken der Zuschauer zu lenken. John Alton
konzentriert sich in seinem Buch auf die unterschiedlichen
Möglichkeiten der Lichtsetzung. Für Kris Malkiwitz ist die
Lichtgestaltung ebenfalls „... the most important
element in cinematorgraphy.“
Alton bezeichnet die Lichtgestaltung nicht direkt als
rhetorisches Mittel im Film, jedoch möchte ich weiter unten
seine Schilderungen und vor allem seinen Einsatz der
Lichtgestaltung in seinem Film Wittness to murder unter dem
Aspekt der Bildrhetorik betrachten.
2.2 Filmanalyse und Rhetorik
Die Betrachtung von Kunstwerken aus der Sicht der Rhetorik
ist keinesfalls eine neue Disziplin. Schon seit Aristoteles
wird die Rhetorik in der Kunst beschrieben. Für Aristoteles
hat die Rhetorik dabei aufklärenden Charakter der auf eine
bestimmte Wirkung aus ist. Dennoch findet der Einfluss der
Rhetorik auf die Künste in der Kunsttheorie (und
insbesondere in der Filmtheorie) kaum Betrachtung. Laut
Gert Ueding liegt dies an einem „Bann, den die
idealistische Ästhetik des 19. Jahrhunderts über die
Rhetorik verhängt hat“. Es ist, so Ueding weiter,
dieser Bann der dazu führt, dass „[...] fast die
gesamte Forschungsliteratur über die neuzeitliche Kunst-,
Architektur- und Musiktheorie von falschen Vorraussetzungen
ausgeht und nur eingeschränkt brauchbar ist.“ Er
bezeichnet die Betrachtung der Rhetorik in allen Künsten
als notwendige Vorraussetzung um Verständnis über das Werk
zu erlangen. Volker Kapp geht nicht ganz so weit, findet es
aber als „bedenklich, wenn [...] die Rhetorik nicht
einmal mehr als historische Größe [..]. berücksichtigt
wird.“ In der Filmtheorie als spezieller Fall findet
die Rhetorik so gut wie gar keine Betrachtung. Eine der
wenigen Ausnahmen stellt die Untersuchung Klaus Kanzogs
dar. Er versteht die Kamerahandlung als einen Zeigeakt und
bezeichnet die grundsätzliche Position der Filmphilologie
wie folgt: „Der in den Bildern sich vollziehende
kommunikative Akt wird als visueller >Sprechakt< und
das Bild damit als Rede verstanden; in den darauf
aufbauenden Diskursen erfolgt eine visuelle Bezugnahme
(=referentieller Akt) auf das in der Außenrealität
Vorgefundene.“ Er benennt das (Film-) Bild als ein
Argument mit rhetorischen Eigenschaften, muss jedoch auch
feststellen, dass die Filmanalyse diese Eigenschaften nicht
mit der Rhetorik verbindet: „Soweit Filme starke
indoktrinierte Elemente enthalten, die intensiv und
suggestiv auf den Zuschauer einzuwirken versuchen, ist
nicht nur das >Bild als Argument< sondern auch eine
entsprechende Argumentationstruktur relativ leicht
nachzuweisen. In der Filmanalyse aber hat man sich des von
der Rhetorik bereitgestellten Begriffsinstrumentariums
bisher nur zögernd bedient.“ Kanzog sieht vor allem
die Nutzung der Begriffe der Rhetorik als eine wertvolle
Ergänzung der Filmanalyse. Er betrachtet (zumindest
theoretisch) emotional wirkende Filmgestaltung, die den
Zuschauer affektiv beeinflußt. Quintilan sah in derartigen
affektive Wirkungsweisen „das Leben und die Seele der
Beredsamkeit“. Was Kanzog von der rhetorischen
Filmanalyse erwartet, versuche ich in vorliegender Arbeit
in Ansätzen umzusetzen: „Ein Filmprotokoll und die
rhetorische Analyse können lediglich das Affektpotential
eines Films zu fixieren versuchen: durch Hinweise auf
Zuschauerlenkungen und Leitaffekte, durch Markierungen von
Situationen von hohem Affektgehalt und durch
affektivistische Proposiotionen, wie sie für
Posititv/Negativ-Besetzungen sowie die Verteilung von
Sympathie und Antipathie auf einzelne Figuren üblich
ist.“
Christian Mikunda, der glaubt, dass die Untersuchungen
physischer Zeichensysteme einen neuen Ansatz in der
Filmtheorie darstellen, spricht von emotionaler
Filmgestaltung und meint damit fast dasselbe, was ich hier
als den Einsatz rhetorischer Elemente bezeichne. Er
versucht die unterschiedlichen
„wahrnehmungspsychologischen Mechanismen“,
welchen sich der Film bedient herauszustellen und vor allem
deren emotionalen Kraft zu untersuchen. Er stellt fest,
dass sich Kameraleute einer „visuellen Sprache“
nachspüren, wie sie „weit über die Grenzen des Films
hinaus gehandhabt wird.“
2.3 Rückblick auf die Rhetorik und Ausblick auf die
rhetorische Filmanalyse
Die Vorstellung einer Seele die in Bildern denkt geht auf
Aristoteles zurück. In Bildern vergegenwärtigen wir uns
Vergangenes und Abwesendes. Und diese bildliche
Vergegenwärtigung ist es dann auch, so Ueding, welche die
stärksten Gefühlswirkungen hervorbringen. Noch wesentlich
stärker als das statische Bild sind jedoch bewegte Bilder.
Eben dadurch, dass der Film dem Vorgang dieser
Vergegenwärtigung so ähnlich ist, liegt in dem Film
erstaunliches rhetorisches Potential. Leider bezieht Ueding
seine Betrachtung über die Rhetorik in den Künsten nicht
auf den Film. Dies mag wohl unter anderem daran liegen,
dass ein Teil der Kunstwissenschaft den Film immer noch als
minderwertige Kunstform betrachtet.
Eine Möglichkeit die Rhetorik mit der Filmanalyse zu
verbinden besteht darin, der Wirkungsästhetik des Filmes
auf den Grund zu gehen. Welche eingesetzten Elemente haben
welche Wirkung auf den Rezipienten des Films? Oder aus der
Sicht des Filmautoren: Welche Wirkung beabsichtigt der
Autor durch den Einsatz filmischer Elemente beim
Rezipienten? Das Problem bei einer solchen Fragestellung
ist die Schwierigkeit diese rhetorischen Mittel zu Erkennen
und die erwünschte Wirkung in konkrete Gedanken und Worte
zu fassen. Die meisten rhetorischen Elemente des Films
haben eine affektive Wirkung auf den Rezipienten. Diese
affekterzeugende Elemente prägen vor allem die emotionale
Wirkung des Films. Diese Emotionalität und alle
dazugehörenden auslösenden Elemente können stets nur als
Bruchteile bewusst erfasst werden.
Bilder gelten schon im Mittelalter als beredet und der
nonverbalen Kommunikation wurde schon damals ein hoher
Stellenwert eingeräumt. Das bewegte Bilder umso beredeter
sind scheint indiskutabel. Dementsprechend schwieriger ist
es die Komplexität der rhetorischen Elemente eines Films zu
verstehen. In diesem Punkt muss ich also Kanzog
widersprechen, der die Struktur als relativ leicht
nachzuweisen ansieht. Auch weil die nonverbale Darstellung
in den Medien mindestens gleichrangig neben der verbalen
Darstellung geworden ist, ist laut Kapp eine
„rationale Durchdringung dieses Phänomens [...]
unabdingbar geworden.“ Für ihn ist die Psychologie
und die Semiotik das wissenschaftliche Bezugsmodell. Wobei
die Semiotik in seinen Augen nur das Loch füllt, welches
der Niedergang der Rhetorik im späten 19. Jahrhundert
verursacht hat. Mikunda erkennt das Objekte mittels einer
gewissen Inszenierung derart manipuliert werden,
„...daß man sie als mit innerer Spannung erfüllt
wahrnimmt.“ Diese innere Spannung welche die Figuren
erhalten möchte ich in Kapitel 3 nachspüren.
2.4 Bedeutung der Rhetorik für Filmautoren
Aristoteles teilt die Menschen in zwei Gruppen ein: Die
Einen benutzen die Rhetorik aufs Geradewohl planlos und
zufällig und die Anderen (die Minderheit) verwendet
rhetorische Mittel aufgrund eines Habitus. Gleich ist allen
Menschen, dass sie sich der rhetorischen Elemente bedienen.
Gleiches gilt auch für Filmemacher: alle Filmemacher
benutzen rhetorische Elemente, jedoch nicht alle setzten
sie gezielt ein. Es ist auch für die Filmautoren von
Bedeutung die Möglichkeiten der Benutzung rhetorischer
Elemente zu kennen und aus ihnen zu schöpfen. Was für
Leonardo bezüglich der Malerei gilt, hat auch für den Film
Bedeutung. Er war davon überzeugt, dass es die Aufgabe der
Malerei sei überzeugend die Gefühle der Seele darzustellen.
Beim Film ist dies nicht nur Aufgabe des Schauspielers,
sondern wird auch und vor allem durch die Inszenierung
beeinflusst. Für Lomazzo war es dafür notwendig als
Künstler selbst zu tiefen und starken Gefühlen fähig zu
sein, um diese in der Kunst darzustellen und somit den
Betrachter dann bewegen zu können. Es reichte für ihn nicht
aus bloss die richtigen Kunstgriffe zu kennen, sondern es
erfordere auch eine tiefe Menschlichkeit um wirkungsvolle
Kunstwerke zu erschaffen. Auf ähnliche Weise verstehe ich
auch Altons Buch Painting with light. In den ersten 13
Kapitel erläutert er die für seine Begriffe wichtigen
Kunstgriffe bezüglich der Lichtsetzung im Film. In dem
letzten Kapitel erweitert er dann diese erlernbaren
Kunstgriffe um den Aspekt der Menschlichkeit, welcher für
ihn in seiner Kunst wohl auch eine Vorrausetzung ist.
In dem dritten Teil meiner Untersuchung möchte ich nun auf
den Film Witness to murder eingehen und dabei einige
benutzte rhetorische Elemente betrachten.
3. Rhetorische Elemente
in Film Witness to murder
3.1 Überblick
Der Film Wittness to murder
bemächtigt sich einer Reihe von rhetorischen Elementen,
wobei eine Vielzahl davon auf der bildlichen Ebene
verankert sind. Hierbei sind vor allem die
lichtgestalterischen Mittel zu erwähnen. Der Einsatz von
Licht und Schatten wurde überlegt eingesetzt und dient der
nonverbalen Darstellung der verschiedenen Situationen. Da
John Alton der leitende Kameramann war geht ein Grossteil
der Bildgestaltung auf ihn zurück. Für ihn war die
Lichtgestaltung der wesentliche Teil seiner Filmarbeit:
„...[E]verytime I looked at a scene, I saw the light
on the actors‘ faces, and didn’t hear what they
were saying [...]“
Der Filmstil von Witness to murder läßt sich dem film noir
zuschreiben. Ein wesentliches Merkmal der noir Filme ist
die betonte Akzentuierung der Nutzung von Schatteneffekten.
Todd McCarthy schrieb über John Altons noir Filme:
„...there can be no doubt that John Alton pushed film
noir to ist most exciting visual extremes. ...[N]o
one’s blacks were blacker, shadows longer, contrasts
stronger, or focus deeper than John Alton’s.“
Alton bezeichnete Rembrandt als eine Inspiration für seine
Filme: „Rembrandt was a big influence.
Rembrandt’s genius was pictoral, and his ideas could
be easily adapted to motion pictures.“
Dementsprechend findet man auch in dem Film Witness to
murder ein bewußt eingesetzes Spiel mit Licht und Schatten.
Einige konkrete Beispiel dazu werde ich weiter unten
genauer untersuchen.
Neben der Lichtgestaltung ist in dem Film Witness to murder
unter anderem auch die Kamerapositionierung von
rhetorischer Bedeutsamkeit. Auch hierfür finden sich viele
Beispiele, von denen ich einige erwähnen möchte.
Nicht nur auf der bildgestalterischen Ebene wirkt der Film.
Auch der Einsatz der Musik und natürlich die narrative
Ebene beeinflussen die Filmwahrnehmung. Mimik und Gestik
sind bekannte Ausdrucksmöglichkeiten eines Menschen im
Alltag. Auf der Leinwand vervielfältigt sich die Stärke
dieser rhetorischen Mittel. Alton schreibt über die
Ausdruckstärke des Gesichts auf der Leinwand: „...[A]
twitch of a muscle or a wink of an eye can sometimes tell
the story.“ Da dies jedoch Elemente sind, welche
nicht unbedingt der Kontrolle John Alton zuzuschreiben
sind, möchte ich diese Elemente hier nur am Rande
betrachten. Im Zentrum sollen hier die bildgestalterischen,
rhetorischen Elemente stehen. Für Aristoteles war die
Rhetorik die Fähigkeit an jedem Gegenstand das Überzeugende
herauszustellen. Im nun folgenden möchte ich die Elemente
die den Zuschauer überzeugen sollen von dem Gegenstand des
Filmes Witness to murder herausarbeiten.
3.2 Der Einsatz von Licht und Schatten
„Other cmaeramen
illuminated for exposure. They’d put a lot of light
in it so the audience could see everything. I used light
for mood.“ Stimmungserzeugende Lichtsetzung
durchzieht den gesamten Film. Das Licht ist eines der
stärksten Ausdrucksmedien für den emotionalen Zustand des
Protagonisten. Oftmals weiß der Zuschauer durch Licht und
Schatteneinsetzung mehr über die Emotionen der Akteure, als
durch den Gesichtsausdruck der Schauspieler. Selten wird
sich der Zuschauer bewusst, woher die Stimmung kommt, die
der Film ausdrückt. Der Einsatz von Licht und Schatten
wirkt vor allem auf unbewusster Ebene auf den Zuschauer.
Dadurch wird seine emotionale Wirkung jedoch umso stärker.
Die Triebtheorie der Psychologie geht davon aus, dass sich
im Unbewußten, dem Ort der Trauminhalte, einfache Bilder
befinden. Bilder haben daher einen direkteren Zugang zu dem
Unbewußten. Thomas Gans merkt zum Thema der Lichtwirkung im
Film an: „Licht kann die jeweilige Grundstimmung
unmittelbar ins Unterbewußtsein der Zuschauer
transportieren. Diese unbewusste Wahrnehmung der
Grundstimmung durch den Zuschauer läßt sich vortrefflich
für inhaltliche Absichten ausnutzen.“
3.2.1 Der Einsatz von Gittereffekten
An mehreren
Stellen setzt Alton den Schatteneffekt eines vergitternden
Fensters ein. Diese Vergitterung wirft dann einen Schatten
an die Wand, wodurch man den Eindruck erhält, dass die sich
davor befindende Person regelrecht hinter Gitter ist. An
mehreren Stellen ist dies die Protagonistin Sheryl. Das
wohl intensivste Beispiel hierfür ist die Situation in der
Sheryl mit dem Arzt in der Nervenklinik spricht. Sheryl
wurde in diese Klinik gegen ihren Willen gebracht. Die
Polizei beschuldigte sie der Belästigung ihres Nachbarn Mr.
Rethy. Am Tage nach ihrer Einlieferung spricht sie das
erste mal mit dem dortigen Arzt. Das Gespräch mit ihm ist
entscheidend für die Frage ob sie weiterhin gegen ihren
Willen in der Klinik festgehalten wird oder nicht. Während
des Gesprächs wirft der Schatten des vergitternden Fensters
ein optisches Gitter auf die Wand hinter hier. Zusammen mit
der Beklommenheit des Gesprächs (zumal eine Patientin ihr
vor dem Gespräch konkrete Anweisungen für die Beantwortung
der Fragen gegeben hat) wirkt die Situation auf den
Zuschauer sehr bedrohlich. Der Aufenthalt hinter Gittern
wird dem Zuschauer bildlich vorgeführt. Auch dadurch
begreift oder erfühlt der Zuschauer bestens warum Sheryl
den Arzt belügen muss und vorgeben muss, als seien ihre
Aussagen, die sie in die Klinik gebracht haben nichts als
Imaginationen gewesen. Der Schatten ist außerdem Ausdruck
ihrer Angst tatsächlich krank zu sein. Am Ende des
Gesprächs fragt sie schüchtern den Arzt, ob sie krank ist.
Der Schatten des Fensters vermitteln und verstärkt diese
Ängste und vermittelt auch die Bedrohung die von dem Arzt
und anderen Institutionen ausgeht. Während des Gesprächs
wird der Raum oft in seiner Totalen abgebildet, wobei der
Gitterschatten einen Großteil des Bildes einnimmt.
Die Wirkung
dessen ist von John Alton nicht nur in dieser Szene gewollt
und wohl überlegt. Auch in der Szene zu Beginn des Films
finden wir eine ähnliche Projektion. In dem Moment, als Mr.
Rethy die erwürgte Frau in der leeren Nachbarwohnung
versteckt erfüllt den Raum ein vergitterter Schatten. Auch
er ist in dieser Situation in Gefahr hinter Gittern zu
landen. Ähnlich wie in dem Raum in der Klinik ist auch hier
der Raum in der Totalen dargestellt. Auch hier (wie im
Zimmer des Arztes) gibt es nur minimale möblierte
Ausstattung. Beider male wird das Zimmer von dem
Schattengitter dominiert. In beiden Fällen ist somit der
Einsatz von Licht und Schatten ein Ausdruck der Bedrohung
welcher sich die Figur konfrontiert sieht. Diese Elemente
haben vor allem verstärkenden Charakter. Mr. Rethy fühlt
sich bereits von der Polizei, welche er durch das Fenster
auf der Straße gesehen hat, bedroht. Und auch Sheryl ist
sich der Bedrohung der Zwangseinweisung durchaus bewusst.
Die Schattenprojektion des Gitters verdeutlichen diese
Ängste der Figuren. Sie vermitteln dem Zuschauer vor allem
auf emotionaler Ebene den Zustand der Figuren, da sie eine
Stimmung im filmischen Raum erzeugen. Eine Möglichkeit
rhetorisch zu überzeugen ist das Gesagte als glaubwürdig zu
erweisen. Die Angst der Figuren wird durch die erzeugte
Stimmung als glaubwürdig erwiesen. Die Schatteneffekte sind
also nonverbale Elemente der Kommunikation zwischen
Filmautoren und Zuschauer. Diese rhetorischen Bildelemente
funktionieren besonders intensiv da sie eben Stimmungen
erzeugen, und sie nicht auf narrativer Ebene erklären. Sie
haben das Potential, den Weg über das Bewußte zu umgehen
und direkt in das Unterbewußte einzudringen. Diese Art der
Vermittlung der Situation erhält ihre Stärke dadurch, dass
sie es vermag auf das Instrument der Sprache zu verzichten.
Die Sprache ist ein Instrument um uns Menschen auszudrücken
und zu kommunizieren. Jedoch funktioniert sie nicht so
direkt und intensiv wie die Vermittlung durch das Bild. Wie
oben bereits erwähnt, ist es das Bild welcher den
gedanklichen Prozessen ähnlicher ist.
Neben dem Einsatz von Schattengittern verwendet Alton noch
unzählige weitere rhetorische lichtgestalterische Elemente.
Da ist zum einen die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit
durch Hell und Dunkelpartien im Bild zu nennen. Zum anderen
hat das Ausleuchten von Personen starken Einfluss auf ihre
Wirkung auf den Zuschauer. Besonders Mr. Rethy schenkt
Alton dabei viel Aufmerksamkeit. Eine dritte Verwendung ist
der Einsatz von Licht und Finsternis im Handlungsverlauf
selbst zu nennen. Als viertes auffallendes Element ist die
Inszenierung der Schatten von agierenden Personen zu
nennen. Für diese vier Varianten der rhetorischen
Lichtgestaltung möchte ich nun Beispiele erläutern.
3.2.2 Lenkung der Aufmerksamkeit durch Hell und
Dunkelpartien im Bild
Die Ausleuchtung des Bildes lenkt die Konzentration des
Zuschauers. Helle Partien auf der Leinwand ziehen das Auge
unmittelbar an. John Alton erkennt dadurch die
Möglichkeiten und auch die Pflichten eines Kameramanns:
„In order that we may understand the message of a
picture, it is essential that we lead the eye-we
concentrate the attention of the spectator on the most
important part of the picture. As the eye is light
sensitive, it sees the hottest part of the picture first.
We light brightest the part we wish to emphasize.“
In Witness to
murder lenkt er die Augen des Zuschauers an vielen Stellen
zu der Partie des Bildes, welche situativ am bedeutesten
ist. Während Sheryl die Zeitung nach Hinweisen über Mr.
Rethy durchsucht sind ihre Augen hell beleuchtet und im
Gegenschnitt der Auszug der Zeitung, welchen sie
betrachtet. Die hellen Partien des Bildes ziehen die
Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich. Dieses Anziehen
unserer Aufmerksamkeit ist eine affekttive Qualität des
Lichts, welche eine Identifizierung mit Sherly erzeugt, da
wir somit unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, wofür sich
Sheryl interessiert. Diese Identifikation, welche durch die
Lichtgestaltung unterstützt wird, erzeugt eine
Verbundenheit des Zuschauers mit der Figur. Die Gestaltung
von hellen und dunklen Partien im Bild sind somit
rhetorische Elemente die darauf abzielen im Zuschauer die
emotionale Situation der Hauptfigur zu erzeugen. Dies hat
das Ziel die Figur verständlich werden zu lassen.
Verständnis für die Figur erzeugt dann die Bereitschaft
sich (weiterhin) auf den Film einzulassen, nicht
abzuschalten. Somit haben die einzelnen affektorientierten
lichtgestalterischen Elemente das Ziel den Zuschauer in
seinen Bann zu ziehen um eine möglichst intensive
Filmwahrnehmung zu schaffen.
3.2.3
Ausleuchtung von Mr. Rethy
Die Ausleuchtung von Personen im Film hat
große Auswirkung auf die Wirkung der Figur auf den
Zuschauer. Durch die Lichtsetzung gibt der ausführende
Kameramann dem Zuschauer Informationen über den Charakter
der Figur und deren emotionalen Zustand. Auf bildlicher
Ebene vermittelt der Kameramann auf verbaler Ebene schwer
vermittelbare Eigenschaften der Figur. Dies kann sowohl
dazu dienen die Figur dem Zuschauer näher zu bringen (wie
das oben genannte Beispiel zeigte) oder die Figur vom
Zuschauer zu distanzieren.
Besonders wird
dies bei der Darstellung von Menschen die eine kriminelle
Tat planen, ausführen oder vollzogen haben, eingesetzt. In
dem Film Witness to murder betrifft dies somit Mr. Rethy,
der eine junge Frau ermordet hat. An mehreren Stellen setzt
John Alton die klassische Ausleuchtung eines kriminellen
Menschen ein. Das Gesicht wird dabei von einer Lichtquelle
beleuchtet die sich unterhalb des Gesichts der Figur
befindet. Im Alltag und in den meisten filmischen
Situationen befindet sich die beleuchtende Lichtquelle nur
selten unterhalb der angestrahlten Person. Die
Aufmerksamkeit des Zuschauers wird durch die ungewöhnliche
Richtung der Beleuchtung auf die Besonderheit der Person
gelenkt. In dem wohl deutlichsten Beispiel aus Witness to
murder, in der Szene in welcher Mr. Rethy Sheryl gesteht,
er habe die Frau ermordet, wird durch die Lichtsetzung die
bedrohliche Wirkung Mr. Rethys auf den Zuschauer (deren
Identifikationsfigur während des Films bis auf wenige
Ausnahmen Shery ist) verstärkt. Nach seinem Geständnis
(welches er in ruhigen Ton vorträgt) steigert er sich in
seinen Monolog hinein und wird wesentlich lauter. Er
verkündet seine Lebensphilosophie die auf Gewalt beruht und
droht Sheryl lautstark den Tod an. Gerade während des
Höhepunktes seines Monologs, setzt diese bedrohlich
wirkende Lichtgestaltung ein. Dieses Element vermittelt dem
Zuschauer die Bedrohung welche von Mr. Rethy ausgeht. Diese
Vermittlung findet – ich wiederhole es noch einmal
– entweder bewusst oder unbewusst statt – oder
auf beider Art und Weise. Dem Zuschauer wird durch das
Umschlagen der Lichtsetzung zu einer für ihn ungewöhnlichen
Lichtsetzung die Angst der Protagonistin vermittelt. Das
Auge des Zuschauers nimmt eine ungewöhnliche Lichtsetzung
wahr was zu einer Verunsicherung des Zuschauers führt.
Diese Verunsicherung führt zum Nachfühlen mit der
Protagonistin, da er die Angst der Protagonsiten als
wahrscheinlich ansieht, was schließlich zu einer gespannten
Filmwahrnehmung führt. Die Wahrscheinlichkeit oder
Glaubhaftigkeit (griech. eikos) gilt als der Leitbegriff
der Rhetorik. Gorgias betrachtet eikos als eine
Grundbedingung für jede Erkenntnis. „Aristoteles hält
das Wahrscheinliche für einen Zebntralbegriff sowohl in der
Dicht- wie auch in der Redekunst. Dichter und Redner
versuchen, dem Publikum einen bestimmten Vorgang
wahrscheinlich, glaubhaft zu machen.“ Die Angst der
Protagonistin erscheint und wahrscheinlich, da die
Lichtsetzung in uns selbst eine Verunsicherung auslöst.
In der Rhetorik
bezeichnet man ein Element, welches dazu führt, überzeugt
zu werden, da man eine Sache für bewiesen hält als ein
Enthymen. Die Bedrohung welche von Mr. Rethy ausgeht soll
durch die Lichtsetzung und der darauffolgende Verwirrung
des Zuschauers bewiessen werden. Die Beleuchtung als
Enthymen eingesetzt dient in dem Fall also der Überzeugung,
dass eine tatsächliche Bedrohung von Mr. Rethy ausgeht. Dem
geübten Filmbetrachter wird die Beleuchtung und deren
Intention bewusst. Aber es ist vermutlich gerade durch die
unbewusste Wahrnehmung dieses rhetorischen Elementes wobei
sich deren Wirkung am stärksten entfaltet.
3.2.4 Einsetzen von hellen und dunklen
filmischen Räumen
„Where there is no light, one cannot
see; and when one cannot see, his imagination starts to run
wild. He begins to suspect that something is about to
happen. In the dark there is mystery.“ Die mysteriöse
Dunkelheit löst laut Alton wilde Imaginationen im Zuschauer
aus. Es ist die Dunkelheit, welche die Phantasie des
Zuschauers zum Leben erweckt. Fühlt sich die Protagonistin
verfolgt und betritt einen dunklen Raum so erfüllt der
dunkle Raum die Funktion, dem Zuschauer zu vermitteln, das
eine Gefahr vorhanden sein könnte. Fast möchte der
Zuschauer der Heldin zurufen: Sieh dich vor! Mach das Licht
an!; so sehr wirkt das rhetorische Element.
Ähnlich funktioniert in Witness to murder der dunkle
filmische Raum. Ein Beispiel ist der Moment in dem Sheryl
ihre Wohnung betritt. Die ganze Zeit über fühlt sich Sheryl
von Mr. Rethy verfolgt und hat Angst davor, dass er sie
umbringen möchte. Der dunkle Raum vermittelt diese Angst
der Protagonistin dem Zuschauer. Als wenig später
tatsächlich Mr. Rethy erscheint – nur erhellt von der
Zigarette, welche er sich anzündet ist der mystische
Filmraum perfekt inszeniert. Das Anzünden der Zigarette hat
eine - in psychologischer Sicht -erregende Wirkung auf den
Zuschauer. Dabei handelt es sich nach dem Psychologen Niels
Birbaumer um ein vererbtes Verhalten unserer Vorfahren aus
prähistorischer Zeit. Er nennt dieses erregte Reaktion auf
einen Reiz einen Orientierungsreflex. Unsere Vorfahren
reagierten auf Geräusche oder visuelle Erscheinungen mit
erhöhter Aufmekrsamkeit und wendeten sich der Quelle des
Reizes zu. Der Körper hielt reflexartig alle möglichen
Energien bereit, was die erfolgreiche Jagd oder die
rechtzeitige Flucht vor Feinden förderte. Im sicheren
dunklen Kino führt diese vererbte refexartige Reaktion laut
Mikunda zu einem lustvollen erlebten Effekt.
Mittels der Rhetorik wollten Redner ihrer Hörerschaft
„...auf eine bestimmte Weise affektiv disponieren,
ihn zornig, furchtsam, empört oder beschämt machen. Je nach
der Weise, wie er affektiv eingestellt ist, wird er von der
zur Rede stehenden Sache betroffen sein...“ Ziel des
dunklen filmischen Raumes ist es den Zuschauer furchtsam zu
disponieren um ihn möglichst emotional in die Handlung des
Filmes zu integrieren. Ist ein Zuschauer affektiv
betroffen, so erscheint ihm das Gezeigte als etwas anderes
als es ist. Das Filmbild wird in dem Fall des dunklen
Raumes zu einer Bedrohung für den Zuschauer, obwohl er
eigentlich nur in einem Kino sitzt und projiziertes
Filmmaterial betrachtet.
3.2.5 Schattenmenschen
und perspektifisch verzerrte Darstellungen
Werfen Figuren Schatten im Film, so hat das immer einen
dramatischen Anschein und vermittelt Spannung. Werden die
Schatten besonders groß dargestellt vermitteln diese zudem
eine Bedrohung. Dieses Spiel mit bedrohlich wirkenden
Schatten verwendet Alton mehrere Male in Witness to murder.
Der Effekt ist dabei die Bedrohung die von der Person
dramatisch ausgeht zu verstärken. So wirkt die
Krankenschwester in der Klinik überdimensional groß, wenn
sie in der Mitte des Zimmers steht und riesige Schatten an
die Wände wirft, während die Patienten (die an den Wänden
positioniert sind) nur kleine Schatten werfen. Die
Schatteninszenierung ist in dem Fall Ausdruck für die
mächtige Stellung welche die Krankenschwester innehat. In
einem weiteren Bild wird die Krankenschwester aufgrund der
Kameraeinstellung mächtig dargestellt. Die Kamera
fotografiert die Figur an dieser Stelle von einem tiefen
Standpunkt (low angle), wodurch eine Wirkung von Größe von
der Figur vermittelt wird. Durch diesen low angle wird die
Person verzerrt dargestellt. Mikunda gibt ein Experiment
des Psychologen Edwin Rausch wider, der Personen
verschiedene Figuren vorlegte: Parallelogramme, Quadarate,
Rhomben, etc. Die Personen sollten Änderungen der Figuren
vorschlagen, welche in den Figuren selbst angelegt seien.
Ergebnis war, das aus Rhomben und Parrallelogrammen spontan
Quadtrate und Rechtecke gemacht wurden. Die schrägen
Figuren wurden als verformte Abbilder der geraden Formen
angesehen. In solchen verzerrten Formen erkannten die
Personen Spannungen, denen sie nachgaben. „Daraus
folgert Rausch, daß die vermehrte visuelle Spannung
verformter Figuren deshalb entsteht, weil diese auf ihre
unverzerrte Vorlage zustreben.“ Somit kann man die
intensive Spannung von Personen die aus einem low angle
fotografiert (wie die Krankenschwester) sind erklären.
Ulric Neisser hat zu der Erkärung dieses Phänomens
beigetragen: Er verstand das Erkennen von Figuren als einen
komplizierten Konstruktionsprozess. Mikunda schreibt über
seine Überlegungen: „Was man wahrnimmt, ist nicht das
Netzhautbild, denn dieses ist nicht nur unscharf und steht
auf dem Kopf, sondern ändert sich durch die blitzschnellen,
sakkadischen Augenbewegungen auch ständig, wobei aber
trotzdem die Außenwelt stabil erscheint. Was man wahrnimmt,
ist vielmehr das Ergebnis eines in dur 100 Millisekunden
ablaufenden Puzzlespiels, durch das unser
Wahrnehmungssystem die Figuren der Außenwelt
nachkonstruiert. Die Netzhautbilder liefern dazu nur die
Bestandteile des Mosaiks.“
In dem Falle der Krankenschwester ist ein
charakteristisches Puzzleteil deren verzerrte,
spannungsgeladene Darstellung, welche sich wesentlich auf
die Wahrnehmung von seitens des Zuschauers auswirkt. Der
Kameramann Alton bedient sich hier des rhetorischen
Elenments des extremen Blickwinkels. „Während man an
der optischen Verformung in der natürlichen Umwelt achtlos
vorübergeht, bewirkt deren Transposition in das
zweidimensionale Abbild die physische Antteilnahme des
Rezipienten.“ Diese Anteilnahme führt, laut Mikunda
zu einer „physisch spürbaren Präsenz“ der
Bilder.
4. Zusammenfassung
Cole sieht in der
Rhetorik eine bewusste Manipulation der Zuhörer durch einen
Redner. Ich habe in dieser Arbeit in den rhetorischen
Elementen des Filmes Witness to murder eine bewusste
Manipulation der Zuschauer durch die Filmemacher gesehen.
Wörner schreibt über die Rhetorik: „Das rhetorische
Vermögen erlaubt anscheinend, bei beliebigen Gegenständen
das jeweils Überzeugende zu erkennen.“ In dieser
Arbeit habe ich versucht das jeweils Überzeugende in
einzelnen Sequenzen des filmischen Gegenstandes Witness to
murder erkenntlich zu machen.
Die Rhetorik wird im oft mit ihrem Ziel definiert. Ziel sei
es den Zuhörer zu überzeugen. Es geht in der Rhetorik vor
allem um die Reaktionen des Publikums und den Stimmungen
die erzeugt werden. Wenn ein Rhetor sein Publikum manchmal
auch nicht überzeugen kann, so kann er eine Sache dennoch
schön reden. „Kameraleute und Regisseure sprechen
unbewusst einen teilweise verschüttenden Aspekt unserer
Seele an...“ sagt Mikunda im Zusammenhang mit oben
erwähnten psychologischen Untersuchungen. In dem Kapitel
Visual Music sagt Alton: „Pictures are reproductions
of natural settings, and therefore cannot radiate like the
originals; but they too, on a micro scale, vibrate, stir up
emotions.“ Die visuelle Musik die diese Emotionen
hervorrufen gehen hervor aus einem Lichtkonzert mit
Beteiligung von hundert verschiedenen Musikinstrumenten
hervor, wie es Alton nennt. Alton spricht über den Film in
Begriffen der Musik. Die Musiktheorie, so Ueding geht
stärker als die Filmtheorie (und viele anderen
Kunsttheorien) auf die rhetorische Kraft in der Kunst ein.
Auch wenn es wahr ist, dass „...in der ein oder
anderen Weise ... die rhetorischen Tugenden ... in allen
Kunsttheorien wieder[kehren]“, so bedient sich doch
die Filmkunst im Vergleich zu anderen Künsten wenig der
Rhetorik.
Filmanalysen
werden im Allgemeinen von einem fachkundigen Publikum
verfertigt. Dieses filmvertraute Publikum achtet meistens
vorrangig bewusst auf solche rhetorischen Elemente. Die
emotional wahrnehmbare unbewusste Wirkung solcher Elemente
wird dabei leider selten besprochen. Diese Thematik ist bis
zum heutigen Zeitpunkt vor allem Aufgabe von Abhandlungen
die sich konkret auf die Wirkungsweise des Films beziehen.
Ein Grund hierfür ist es meiner Meinung nach, dass gelernte
Filmanalytiker während ihrer Ausbildung vor allem ihren
Verstand bei der Betrachtung von Filmen schulen, verlernen
aber jedoch oft Filme emotional wahrzunehmen. Antje Hellweg
bezeichnet die Rhetorik als etwas, was tiefer geht als
bloße intellektuelle Erkenntnisse. Die Rhetorik ermöglicht
eine gewisse Tiefe in die Filmanalyse zu bringen. Viele
Filmanalysen vermitteln wunderbar welche Elemente der Film
benutzt um auf den Zuschauer zu wirken. Die emotionale
Kraft welche von den rhetorischen Elementen ausgeht, die
auf den Zuschauer wirkt, wird jedoch oft von der
intellektuellen Wahrnehmung verdrängt. Dies liegt auch
daran, dass die Rhetorik nicht in die Analyse Einzug
erhält.
Das filmische
und schriftliche Werk John Altons bietet sich auf geeignete
Art an, die Filmtheorie um die Rhetorik zu erweitern.
Äußerungen wie „As with everything in life, a picture
must be balanced.“ deuten an, dass Alton in dem Film
eine Kunst sah, die das menschliche Leben gut wiedergeben
kann und Filme menschlichen Gedanken und Träumen ähneln.
Zuschauer die in einem Kinosaal sitzen und die balancierten
Bilder, die Alton forderte, auf sich wirken lassen tauchen
in eine Traumwelt hinab. Das Abtauchen in diese filmische
Traumwelt funktioniert umso reibungsloser, desto besser der
Film den Zuschauer in den Bann zieht. Karl Sierek stellt
fest, des es „kaum ausreichend motivierte [...]
Fragen nach der Affinität zwischen Traum(arbeit) und
Film(arbeit) [gibt].“ Durch beeinflussende,
affekterzeugende, wirkungsvolle (kurz: rhetorische)
Elemente, stimuliert der Film den Zuschauer. Der Film
ersetzt und erweitert die für den Zuschauer existierende
Wirklichkeit der Welt. Die Sozialpsychologie bezeichnet den
Kinobesucher beiweilen als Flüchtling, der einen Verlust
auszugleichen versucht und in eine Regression eintaucht.
Bei der Betrachtung eines rhetorisch erfolgreichen Films
unterbricht der Film die Auseinandersetzung des Zuschauers
mit der Wirklichkeit. Der Film ist ein Urlaub von dem
Alltag. Auch diese Gedanken umreisst Alton: „The
usual city dweller is so busy doing nothing of importance
that he just cannot find time for a good vacation or a
short trip to the country. ... [M]otion pictures can bring
beauty of the outdoors in the form of entertainment to be
viewed in airconditioned theatres.“
Literatur
Alton, John
1995: Painting with light
Berkeley Los
Angeles London: University of California Press;
Andersen, Oivind
2001: Im Garten der Rhetorik, Die Kunst der Rede in der
Antike
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Gans, Thomas
1999: Filmlicht: Handbuch der Beleuchtung im dramatischen
Film
Aachen: Shaker
Hellweg, Antje
1973: Untersuchungen zur Theorie der Rhetorik bei Platon
und Aristoteles
Göttingen: Hubert & Co.
Kanzog, Klaus
1991: Einführung in die Filmphilologie
München:
Schaudig Bauer Ledig
Kapp, Volker (Hsg.)
1990: Die Sprache
der Zeichen und Bilder : Rhetorik und nonverbale
Kommunikation in der frühen Neuzeit
Marburg :
Hitzeroth
Malkiewicz, Kris
1989: Cinematography – A guide for film makers and
film teachers
New York: Simon & Schuster Inc.
Mikunda, Christian
2002 Kino spüren – Strategien der emotionalen
Filmgestaltung
Wien: WUV-Universitätsverlag
Sierek, Karl
2000: Psychoanalytische Filmtheorien
in Karl Sierek,
Barbara Eppsteiner (Hsg.): Der Analytiker im Kino:
Siegfried Bernfeld, Psychoanalyse, Filmtheorie
Frankfurt &
Basel: Stroemfeld Verlag
Ueding, Gert
2000: Moderne Rhetorik : von der Aufklärung bis zur
Gegenwart
München : Beck,
2000
Vogel, Amos
1997: Film als subversive Kunst
St.Andrä-Wördern: Hannibal Verlag
Wörner, Markus H.
1990: Das Ethische in der Rhetorik des Aristoteles
München: Alber